Seltenes Handwerk

«Jede einzelne fertige Welle ist eine Freude»

Früher habe man viel mehr Wellen gebraucht als heute. Deshalb seien Wellenmacher am Aussterben, sagt Otto Heinzelmann aus Rothenfluh. Er betätigt sich gerne körperlich und liebt die Natur. Der 80-Jährige erzählt über seine Leidenschaft.

«Wellen machen ist mein liebstes Hobby neben Kirschen pflücken. Heuer stelle ich gut 600 Wellen her, alle auf Bestellung. Den Aufträgen entsprechend schichte ich sie auf zu 80er- oder 50er-Stapeln. Die Bezüger holen die Wellen an Ort und Stelle ab.

Dieses Jahr habe ich Mitte Mai begonnen. Danach musste ich mich im Spital einer Operation unterziehen. Mitte Juni ging ich wieder an die Arbeit. Derzeit pausiere ich für drei, vier Wochen, weil die Kirschen reif sind und diese gepflückt sein wollen. Ich habe einen Stand vor meinem Haus, wo ich die Früchte verkaufe. Das läuft sehr gut. Sind die Kirschen gepflückt, gehts weiter mit Wellen machen. Da bin ich gut im Fahrplan.

Das wichtigste Werkzeug ist der Wellenbock, ausgerüstet mit Wellenbett, Kette und dem sogenannten Reitler. Im Wellenbett lege ich das Holz zurecht. Danach drücke ich das Material mit Kette und Stab, dem Reitler, zusammen. Anschliessend wird es mit Schnüren gebunden. Mit Motorsäge und Abschlaggerät entferne ich die herausstehenden Holzstücke. Ich benötige etwa zehn Minuten für eine Welle. Im ganzen Bann von Rothenfluh habe ich meine verschiedenen Plätze. Den grössten Teil der Wellen produziere ich heuer im Gebiet ‹In den langen Tannen›.

Ab und zu rennt ein Reh vorbei

Der Förster – zu ihm habe ich einen guten Draht – türmt das Holz, das er nicht verwerten kann. Für die Wellen kann ich davon nehmen, Tannen- und Buchenholz. Wellen aus dürrem, ausgetrocknetem Tannenholz geben im Ofen mehr Wärme ab als buchige.

Das sortierte Material lege ich schön parat und schneide es mit der Motorsäge auf eine Länge von etwa 85 Zentimeter. Das geschieht nach Augenmass. Die vorbereitende Arbeit, die körperlich schwerste, trägt dazu bei, dass ich Wellen schneller herstellen kann. Diese mache ich verrückt gerne, einfach herrlich. Jede einzelne fertige Welle ist eine Freude. Und im Wald, in der Natur – was gibt es Schöneres! Ab und zu rennt ein Reh oder laufen Fussgänger vorbei. 15 oder 16 Wellen mache ich täglich. Wenn ich dieses Soll gegen Mittag erreicht habe, sage ich: ‹Feierabend›. Beim Wellen machen nehme ich mir Zeit und überspanne den Bogen nicht. Dann bin ich am Abend nicht so müde.

Erst als Rentner angefangen

Ich bin am 27. Dezember 80 Jahre alt geworden. Wegen dieses Geburtsdatums hatte ich es als Kind schlecht. Bei Geschenken hiess es stets, sie seien für Weihnachten und für den Geburtstag. Ich machte eine kaufmännische Lehre. Bis zur Pensionierung war ich Betriebsleiter in der ehemaligen Schuhfabrik Bally in Gelterkinden. Als ich erwerbstätig war, betätigte ich mich in der Freizeit immer körperlich. Ich fragte mich manchmal: ‹Otti, wie machst du das alles?›

Erst als Rentner begann ich, Wellen zu machen. Als Bub schaute ich meinem Vater bei dieser Arbeit bloss zu. Nachdem ich aus dem Berufsleben ausgeschieden war, bat mich mein Schwager, für ihn etwa 100 Wellen zu binden. Ich hatte jedoch keinen Wellenbock, keine Motorsäge, nichts. Er stellte mir seinen Wellenbock zur Verfügung. Zufällig hatte der Förster einen langen Waldrand in Rothenfluh ausgeholzt. Von den gefällten Buchen konnte ich Material für Wellen nehmen, auch Reisig. Das gab etwa 580 Wellen. Sechs Wochen benötigte ich dafür. Danach übergab mir der Schwager seinen Wellenbock.

Ich hatte viele Wellen übrig – und inserierte in der Zeitung ‹Wellen zu verkaufen›. Daraufhin lief mein Telefon heiss. Seither habe ich all meine Kunden – seit Jahren dieselben. Es sind etwa zehn, primär Bauern. Deren Frauen brauchen Wellen zum Brot backen. Sie schieben diese in den Kachelofen, um Feuer zu entfachen. Ich habe Kunden in Gelterkinden, Tecknau und Zeiningen, aber auch in der eigenen Familie finde ich Abnehmer. Ich erhalte stets positive Reaktionen. Noch nie gabs Tadel. Ich selber brauche keine Wellen.

Diese benötigen meine Kunden im Herbst und während des Winters. Beim Abholen bestellen sie stets fürs folgende Jahr. Für ein Exemplar verlange ich sechs Franken. Der grösste Kunde bezieht bei mir 200 Wellen. Solange es geht, mache ich das. Zwar betone ich jedes Jahr, dass ich im kommenden Jahr keine Wellen mehr herstellen werde. Aber wenn ich im Wald die Holzhaufen sehe, motiviert mich das immer von Neuem.

Früher Drähte, heute Schnüre

Mein Rekord sind 2023 Wellen in einem Jahr. Das war 2002. Da ging ich so richtig dran und produzierte täglich teils bis 50 Stück. Ich war ganze Tage am Werken, das ging tipptopp. Damals hatte ich noch mehr Kunden. Alle Wellen habe ich verkaufen können – 50, 80 oder 100 auf einmal. Bis ins Solothurnische hatte ich Käufer.

Früher band man Wellen mit Drähten. Sie hatten die grössere Heizleistung, weil sie im Ofen länger zusammenhielten. Heute brauche ich Schnüre, weil es Drahtrollen nicht mehr gibt. Selbst wenn es solche gäbe, würde ich Schnüre verwenden. Das geht viel einfacher. Einst brauchte man viel mehr Wellen als heute. Deshalb sind Wellenmacher am Aussterben.

Wenn ich nicht Wellen binde oder Kirschen pflücke, jasse ich. Während des Winters mache ich nicht viel und erhole mich. Im Frühling geht es dann wieder los mit Holz zusammentragen.»

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