Gesundheit

Jede zehnte Operation ist unnötig – das kostet die beiden Basel 80 Millionen

Die Spitäler sollen künftig genauer abklären, ob ein Eingriff wirklich nötig ist. (Symbolbild)

Die Spitäler sollen künftig genauer abklären, ob ein Eingriff wirklich nötig ist. (Symbolbild)

10 Prozent aller stationären Behandlungen in beiden Basel lassen sich nicht mit der speziellen Bevölkerungsstruktur erklären – sind also unnötig. Die Gesundheitsdirektoren von Stadt und Land wollen deshalb mit einer Deckelung der Fallzahlen gegen die medizinische Überversorgung vorgehen.

Es wird seit Jahren vermutet – nun liegen handfeste Zahlen vor: Die Region Basel ist überversorgt mit Spitalleistungen. 8000 stationäre Behandlungen pro Jahr gehen über den eigentlichen Bedarf hinaus und lassen sich nicht durch die Bevölkerungsstruktur wie etwa den höheren Anteil älterer Menschen erklären.

Die unnötigen Eingriffe sind Folge des grossen Angebots an Ärzten und Spitälern in der Region. Dies hält der Bericht beider Basel zur akutstationären Versorgung fest, den die Gesundheitsdirektoren Thomas Weber (BL) und Lukas Engelberger (BS) gestern präsentierten.

Hälfte der Überversorgung wird unter Goodwill abgebucht

«Gegen die Überversorgung wollen wir nun vorgehen», sagte Engelberger. Die beiden Basel betreten Neuland: Noch nie hat ein anderer Kanton die Spitalversorgung derart detailliert und unter Ausschaltung demografischer Faktoren analysiert.

Die 8000 unnötigen Behandlungen entsprechen 9,3 Prozent der 85'315 Fälle im Jahr 2016. In fast allen der 31 Spitalleistungsgruppen wurde eine Überversorgung festgestellt. Besonders betroffen sind die Bereiche Bewegungsapparat, Hals-Nasen-Ohren, Augenheilkunde und Kardiologie. Dadurch entstehen in beiden Basel Kosten von 80 Millionen Franken pro Jahr. Allerdings wollen die Regierungen die Hälfte der Überversorgung unter Goodwill gegenüber den Spitälern abbuchen. Damit verbleibt ein Sparpotenzial von 40 Millionen Franken.

Dass die beiden Basel die Überversorgung angehen wollen, ist dringend angezeigt. Ohne Intervention würde die Anzahl Fälle gemäss Bedarfsprognose bis 2028 auf 97'296 ansteigen. Gelingt es den beiden Kantonen, ihre «Ambulant vor stationär»-Strategie umzusetzen, dann kann der Anstieg begrenzt werden; auf total rund 93'000 Fälle. Und selbst bei einem koordinierten Vorgehen gegen die Überversorgung steigen die Fälle bis 2028 leicht auf 88'225 an.

Die «Ambulant vor stationär»-Strategie sieht vor, dass ab 1. Januar 2021 in beiden Basel eine Liste mit 16 Eingriffen gilt, die zwingend ambulant durchzuführen sind. Der Bund hat per 2019 ebenfalls eine solche Liste mit landesweiter Gültigkeit definiert; diese umfasst vorerst allerdings nur sechs Eingriffe.

Künftig wollen die beiden Kantone klare Mengen-Vorgaben machen. Demnach dürfen stationäre Fälle in den jeweiligen Disziplinen insgesamt eine bestimmte Zahl pro Jahr nicht übersteigen. Allerdings soll diese Volumensteuerung nicht im «Hauruck-Verfahren» erfolgen, wie Engelberger betonte: «Wir wollen mögliche Schocks bei den Spitälern verhindern und die vermutete Überversorgung nicht schlagartig abbauen.» Was, wenn ein Spital bei den vorgegebenen Fallzahlen massiv übermarcht? Geht die Zunahme auf Kosten eines anderen Spitals in der Region, so läuft das unter Wettbewerb und ist aus Sicht der Kantone kein Problem, sagt Thomas Weber.

Kantone können fehlbaren Spitälern Aufträge entziehen

Anders ist die Situation, wenn in einer Disziplin die Menge insgesamt ausgeweitet wird. Die Spitäler müssten genau dokumentieren, wie die Zunahme der Fälle zustande gekommen sei. «Übermarcht ein Spitäler extrem, dann können die Kantone Sanktionen aussprechen. Diese reichen bis zum Entzug von Leistungsaufträgen», betont Engelberger. Der einzelne Patient werde darunter nicht leiden müssen: «Die Kantone werden nicht sagen: ‹Diesen Eingriff im November bezahlen wir nicht, da das Spital X die erlaubten Fallzahlen für das laufende Jahr bereits erreicht hat.›» Man operiere hier nicht mit Globalbudgets.

Die Wahlfreiheit der Patienten bleibt gewährleistet. Die Kantone würden eine sichere Versorgung garantieren. Sie müssten aber auch dafür sorgen, dass das Gesundheitssystem langfristig finanzierbar sei. «Wir müssen hier auch das Interesse der Steuer- und Prämienzahler wahren», sagte Weber. Gestern Mittwoch haben die beiden Basel das Bewerbungsverfahren zur Aufnahme in die Spitalliste gestartet. Es läuft bis zum 31. Oktober.

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