Drogen

Jill Zeugin testet mit «Safer Dance Basel» Drogen für Partygänger: «Konsum ohne Risiko gibt es nicht»

Jill Zeugin von der Suchthilfe testet Drogen für Partygänger.

Jill Zeugin von der Suchthilfe testet Drogen für Partygänger.

Die Baslerin Jill Zeugin leitet das Projekt «Safer Dance Basel» und die Drogeninfo Basel-Stadt. Die Risiken, die mit dem Konsum der Substanzen einhergehen, sind ihr bekannt - dennoch setzt sich die Sozialarbeiterin für die Regulation illegaler Drogen ein.

Junge Partygänger, die sich für den Abend einige Pillen MDMA gekauft haben. Ein 40-Jähriger, der ab und an eine Linie Kokain konsumiert. Suchtkranke, die seit Jahren mit Drogenproblemen durchs Leben gehen. Es ist nicht bloss eine Floskel, wenn Jill Zeugin von ihrer Klientel sagt, sie sei «extrem durchmischt.» Seit 2018 arbeitet die 31-jährige Baslerin als Sozialarbeiterin bei der Suchthilfe Basel. Doch das normale Tagesgeschäft macht nur einen Teil ihrer Arbeit aus.

Als Co-Projektleiterin von «Safer Dance Basel» kontrolliert Zeugin die Drogen von Party- und Festivalbesuchern innert 20 Minuten auf ihre Sicherheit. Seit gut einem Jahr gibt es das Angebot, das Zeugin leitet, als Pilotprojekt auch stationär: An jedem zweiten Montag bietet sie das Drug-Checking «DIBS» (Drogeninfo Basel-Stadt) im Beratungszentrum der Suchthilfe Basel an.

Anonymes Angebot trotz Corona

Dass ihr Weg mit einer Lehre als Biologielaborantin bei Roche begann, überrascht im ersten Moment. Sich Zeugin im weissen Laborkittel vorzustellen, ist schwierig. Es sind nicht nur die äusseren Merkmale, das lockere Outfit und die türkis-grün gefärbten Haarspitzen. Es ist ihre Art, die man schon nach wenigen Minuten des Gesprächs spürt, wegen der man sie in einem anderen Setting sehen würde. Zeugin spricht offen und locker, die Wortwahl doch immer überlegt und einfühlsam. «Nach der Lehre kam ich bei Roche nicht mehr klar», erklärt sie, als sie den erstaunten Blick registriert. «Es war mir zu ‹corporate›», fügt sie an.

Das Gegenteil also von dem, was sie jetzt tut. Zu ihrem jetzigen Beruf fand sie nach der Berufsmatur und dem Studium der Sozialen Arbeit. Dass an ihrem letzten Praktikumsplatz, der Suchthilfe, gleich zum Abschluss des Studiums eine Stelle frei wurde, war Glückssache. «Das ist ein Job, den ich sonst nicht direkt nach dem Studium erhalten hätte», meint Zeugin.

Statt ihr achtzigprozentiges Arbeitspensum auf die Suchthilfe zu begrenzen, konnte sie 2018 beim Projekt «Safer Dance Basel» einsteigen, das es damals schon drei Jahre gab. Ein Jahr später, im Juli 2019, begann sie mit dem stationären Drug-Checking DIBS. Alle zwei Wochen werden maximal zehn Drogenproben untersucht – auf giftige Inhaltsstoffe oder Streckmittel, Dosierung und Reinheit. Das Resultat erhalten die Klientinnen und Klienten, die dafür über 18 Jahre alt sein müssen, nach drei Tagen. Auch zu Coronazeiten funktioniert dies noch anonym: Ein unterdrückter Anruf und ein Spitzname für die Terminvereinbarung genügen.

Ab und an würden auch Eltern oder Partner beim Drug-Checking auftauchen, weil sie zuhause Pillen, Pulver oder andere Substanzen gefunden hätten, erzählt Zeugin. Diese würden aber nicht analysiert: «Wenn eine Mutter bei ihrem Kind Drogen findet, sollte sie mit dem Kind reden, nicht mit uns.» Man kläre sie jedoch über die Möglichkeit der Beratung für Angehörige auf.

Frauenrechte, Tierschutz und Drogen

Weshalb sich Zeugin genau dieses Thema ausgesucht hat? Sie antwortet ohne Zögern. «Ich hatte schon immer eine Faszination für Substanzen», sagt sie. Und überlegt dann doch kurz. «Eine Faszination für den Rausch, eigentlich.» Als Biologielaborantin hatte sie zwar nie direkt mit Drogen zu tun, dennoch habe auch ihre Lehre zum Interesse beigetragen. Sie weiss daher, wie man Risiken beim Drogenkonsum senken kann. Schadensminderung, wie Zeugin es nennt.

Ihre Haltung zu illegalen Drogen beschreibt sie als «sehr offen». Über eigene Erfahrungen mit Drogen möchte sie jedoch nicht reden. Aber: «Ich verurteile oder bewerte niemanden.» Denn, so Zeugin, wer Drogen nehmen wolle, nimmt sie. «Man kann niemanden zum Aufhören zwingen – ob sie süchtig sind oder nur gelegentlich im Ausgang Drogen konsumieren.» Treffe sie beim mobilen oder stationären Drug-Checking jedoch auf jemanden, der aufhören will oder sich über Abstinenz informieren möchte, biete sie sofort einen Termin an. «Ich möchte die Leute bei dem begleiten, was sie tun wollen. Ob das Aufhören oder Drogenkonsum ist, spielt keine Rolle.»

Dass sie mit dieser Einstellung auch aneckt, ist verständlich. Kritiker sagen, dass das Drug-Checking, getragen von den Kantonen Baselland und Basel-Stadt, den Konsum rechtfertigt oder gar fordert. Das sei keinesfalls so, findet Zeugin. Sie nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee – die Sojamilch darin hat sie im kleinen Konfiglas selber mitgebracht. «Die gibt es in vielen Büros nicht», sagt sie und lacht. Auf ihrem rechten Unterarm steht neben anderen Tattoos «Plant based.» tätowiert – nur eines der Anliegen, mit dem sich die Sozialarbeiterin beschäftigt.

Zeugin bezeichnet sich selber als Aktivistin: «Klimaschutz, Frauenrechte, Rassismus, Tierschutz», beginnt sie die lange Liste der Themen, für die sie sich einsetzt, aufzuzählen. Oder eben auch die Regulierung von Drogen. «Das wäre meiner Meinung nach die richtige Lösung», sagt sie. Und zieht den Vergleich zum Alkohol, den sie als «die in meinen Augen schlimmste Droge» bezeichnet. «Aber wir wissen ganz genau, dass Ethanol drin ist, nicht Methanol. Und wir kennen die Menge.» Anders sei dies bei illegalen Drogen. «Ich hatte mal einen Klienten, der dachte, er habe MDMA gekauft. Sein Selbsttest zeigte jedoch Crystal Meth an. Unser Labortest zeigte: Es war Ketamin», erzählt Zeugin.

Als Streckmittel habe sie schon oft Entwurmungsmittel für Tiere angetroffen. Beispiele wie diese würden die Risiken aufzeigen, die mit illegalen Drogen einhergehen. «Es gibt keinen risikofreien Konsum», betont Zeugin. «Aber wenn man über die Substanz, die man nehmen will, Bescheid weiss, kann man das Risiko minimieren.»

Von Partydrogen zu Cannabis und Alkohol

Der schwierigste Teil ihrer Arbeit sei, wenn Leute ebendies nicht wollen. Wenn sie im Ausgang junge Menschen sehe, die, wie sie es nennt, über keine Konsumkompetenzen verfügen. Konkret: «Sich erst mit Alkohol volllaufen lassen und dann noch andere Substanzen zu sich nehmen», erklärt sie. Das bedeute nicht, dass sie Mischkonsum per se schlecht findet. Auch hier jedoch sei das richtige Wissen notwendig, um Nebenwirkungen zu verhindern.

Was ihren Job ebenfalls erschwert, sei die Tatsache, dass viele Clubs das Angebot von «Safer Dance Basel» gar nicht erst annehmen wollen. «Denn wenn ein Drug-Checking-Stand in ihrem Club steht, geben sie damit zu, dass sie ein Drogenproblem haben.» Daher seien es meist Bekannte, die sie anfragen würden. Als Beispiele nennt sie das «Hoppla! Festival», das Borderline in Basel oder das LSD-Festival.

Nachdem die Clubs wochenlang geschlossen blieben und nun wieder strengere Regeln umsetzen müssen, ist «Safer Dance Basel» zurzeit jedoch kaum im Einsatz. Dennoch hat sich Jill Zeugin mit dem Drogenkonsum während der Coronakrise auseinandergesetzt – beispielsweise mit dem angepassten Fragebogen, den die Klientinnen und Klienten im stationären Drug-Checking ausfüllen müssen.

«Wir haben festgestellt, dass weniger Partydrogen konsumiert werden. Cannabis und Alkohol erleben dafür einen Aufschwung», so Zeugin. Sie denke, dass sich mehr Menschen die Zeit genommen haben, eine «Reise nach Innen» zu unternehmen, statt im Ausgang die ganze Nacht durchzumachen. «Beispielsweise mit einem Spaziergang in der Natur – oder statt mit Partydrogen mal mit einem Acid-Trip.»

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