Der Kanton Baselland wagt sich an ein Pionierprojekt: Am 15. September wird im Amphitheater in Augusta Raurica erstmals der «Tag der lebendigen Traditionen» durchgeführt. Schwyzerörgeli, Ländlerkapellen, Volkstanz- und Trachtenvereine werden an dem Sonntag in einem speziellen Rahmen und vor grossem Publikum auftreten.

Das Fest in der Römerstadt versteht sich als Teil eines neuen Strukturentwicklungsprozesses in der Volkskultur und soll mindestens bis 2023 jedes Jahr mit einem wechselnden Schwerpunkt stattfinden.

Zudem ist der Tag der lebendigen Traditionen auch ein Testlauf für das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest (ESAF), das 2022 in Pratteln und damit erstmals seit 1977 wieder in der Region Basel stattfindet. «Das Schwingfest bietet diesen Traditionen eine riesige Bühne», frohlockt Esther Roth, Leiterin der Abteilung Kulturelles in der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion. Baselland ist der erste Kanton, der das Potenzial des Volksfests und grössten wiederkehrenden Sportanlasses der Schweiz aktiv aufnimmt und für seine Vereine in Wert setzen will.

Die Eidgenössischen Schwingfeste seien ja mit dem Vorwurf konfrontiert, viel zu kosten und über das Ereignis hinaus wenig zu bringen, führt Roth aus. Das Schwingfest-OK hat daher eine Stabstelle Nachhaltigkeit installiert, die vom ehemaligen Grünen-Landrat Philipp Schoch geleitet wird. Die Verknüpfung mit dem Tag der lebendigen Traditionen sei ein Versuch, im Baselbiet nachhaltige Effekte zu erzielen.

Hunderte Vereine mit Tausenden Aktiven ansprechen

Der Kanton will mit der Veranstaltungsserie in der Römerstadt und dem Entwicklungsprozess mehrere hundert Chor- und Musikvereine, Trachtengruppen, Jodelchörli, Schwingclubs, Alphornbläser, aber auch Fasnachtscliquen und andere Gruppierungen im Bereich des immateriellen Kulturerbes ansprechen. Innerhalb der Sparten werden bereits grosse Anlässe wie etwa Verbandsfeste durchgeführt. Der Tag der lebendigen Traditionen biete nun aber erstmals im Kanton die Möglichkeit, Menschen aus verschiedenen Bereichen zusammenzubringen, erklärt Roth.

Doch was bringt das konkret? «Die Schwinger haben in ihrer täglichen Arbeit – der Durchführung der Trainings, der Miete von Sälen, der Vereinsorganisation – ähnliche Probleme wie Blasmusikvereine oder Trachtengruppen», sagt Roth. Der Strukturprozess sei ein Versuch, die Vereine zum Austausch anzuregen. Geklärt wird zudem, ob ein zentrales Kompetenzzentrum nötig ist, das sich um Vereinsanliegen kümmert. Heute gibts keine solche Anlaufstelle.

Die Initiative greift in einen Bereich und in Milieus, in denen der Kanton bisher kaum präsent war und Eigenverantwortung grossgeschrieben wird. Die Gefahr besteht, dass sich die Vereine bevormundet fühlen. Roth winkt ab. Sämtliches Engagement sei freiwillig. Im Vordergrund stehe, die Vereinsstrukturen zu stärken und die Herausforderungen im Bereich der lebendigen Traditionen mit den Aktiven zu diskutieren.

Ein weiteres Thema ist die Integration. «Unsere Dörfer und Städte werden wesentlich mitgetragen von den Vereinen. Es ist zwingend, dass wir fragen: Wer ist Mitglied dieser Vereine? Wer nicht und warum nicht?». Dabei sei zu prüfen, wie der Zugang aller Bevölkerungsschichten zum Vereinswesen verbessert werden könne. Für all diese Fragen und den Austausch nimmt sich der Kanton mit den hunderten Vereinen und Tausenden Aktiven nun fünf Jahre zeit. Dann wird Bilanz gezogen.