Gelterkinden

«Johnson» ist ein Dorforiginal, das seinesgleichen sucht

Hans «Johnson» Buess wie er leibt und lebt.

Hans «Johnson» Buess wie er leibt und lebt.

Hans Buess ist in Gelterkinden unter dem Namen «Johnson» als Dorforiginal bekannt. Wie der heute 91-Jährige zu seinem Beinamen kam und was er in seinem bewegten Leben alles erlebt und geleistet hat, ist wirklich beeindruckend.

So bekannt ein amtierender US-Präsident weltweit ist, so populär ist «Johnson» im Oberbaselbiet. Hans Buess ist beliebt, gesprächig, ihm sitzt der Schalk im Nacken – ein «gmögiger» Typ, der Menschen gerne hat. Er ist ein Dorforiginal, das seinesgleichen sucht. Seit Anfang Jahr wohnt Buess mit seiner Frau im nigelnagelneuen Alters- und Pflegeheim zum Eibach in Gelterkinden. «Ich habe mich gut arrangiert», meint er zu diesem nicht einfachen Schritt.

Den Namenszusatz «Johnson» trägt Hans Buess seit seinen Teenager-Jahren. Damals fanden in Basel Leichtathletik-Meetings statt mit kräftig gebauten, schwarzen Amerikanern. «Ich war begeistert und hatte selber einen schönen, braunen Teint», erinnert er sich. Ein Kollege habe zu ihm gesagt, er sei auch ein halber Schwarzer wie Johnson, ein Teilnehmer dieses Meetings. Buess erwiderte: «Du kannst mir Johnson sagen.» In ganz Gelterkinden nenne man ihn «Johnson», und er erhalte ab und zu noch Post mit der Adresse: «Mr Johnson, Gelterkinden». Die Briefe kommen immer an.

«Ich hätte gerne studiert»

Hans Buess, 91-jährig, ist ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen. Er war Malermeister und führte jahrzehntelang erfolgreich einen eigenen Betrieb. «Zu den besten Zeiten beschäftigte ich 43 Mitarbeiter aus elf Nationen. Mit allen konnte ich reden», blickt der schlanke, grossgewachsene Rentner stolz zurück und ergänzt: Er spreche gerne Fremdsprachen. Diese hat er in der Bezirksschule und Handelsschule erlernt.

«Ich hätte gerne in Basel studiert, aber der Krieg kam in die Quere», erzählt Buess. Als 1939 der Weltkrieg ausgebrochen war und sein Vater in den Aktivdienst einrücken musste, sei er von ihm gebeten worden, er möge doch vorläufig zu Hause arbeiten. Schliesslich lernte Hans Buess auf Wunsch seines Vaters Maler. Parallel zu seiner Lehre absolvierte er die Handelsschule – heute undenkbar. Er drückte während zweier Jahre fünfmal wöchentlich abends die Schulbank und schloss mit dem Handelsdiplom ab.

Buess, dessen Familie den Dorfnamen «Füschtli» trägt, hat 1953 das Geschäft seinem Vater abgekauft. «Ich wollte nichts geschenkt.» Er vergrösserte den Personalbestand und baute ans bestehende Geschäftsgebäude zusätzliche Lokalitäten an. Mit seinem älteren Sohn Jürg hat er die Maltech aufgebaut, die Hebebühnen vermietet. Vor zehn Jahren übergab Hans Buess den Betrieb Sohn Stefan. Dieser ist auf Restaurationen und Schriftenmalerei spezialisiert. «Nun bin ich bloss noch Kleinaktionär», meint «Johnson» trocken.

Umfangreiche Ortschronik angelegt

Dieser interessierte sich schon in jungen Jahren für Geschichte. Er legte sich eine Ortschronik an mit Zeitungsausschnitten und zahlreichen, teils eigenen Fotos über Gelterkinder Begebenheiten; die 40 000 Dokumente in 120 Ordnern lagern im Jundt-Huus der Stiftung Ortssammlung Gelterkinden. Der andere Teil von Buess’ umfangreichem Archiv mit weiteren Tausenden Akten zur Schweizer Geschichte befindet sich in seinem früheren Wohnhaus. Was mit diesen Dokumenten geschieht, weiss er noch nicht. «Sicher nicht verbrennen!»

Buess hielt zahlreiche Vorträge und organisierte Ausstellungen. Auch sammelte er Briefmarken und Münzen, malte Bilder und zeichnete Skizzen. Sogar als Solomusiker war Hans Buess unterwegs – natürlich als «Johnson». Er spielte Klavier, Keyboard und Handorgel. Der Boogie-Woogie gehörte zu seinen Spezialitäten.

«Johnson» ist ein geselliger Mensch; er liebt es, wenn etwas läuft. Wie brachte er Familie – er ist Vater zweier Söhne und einer Tochter –, Beruf und all seine Engagements unter einen Hut? «Es ging einfach. Jeder Arbeitstag war gut vorbereitet. Und ich habe eine verständnisvolle Frau», antwortet der 91-Jährige. Der stets Rastlose gönnt sich nun im Altersheim, dem er während 30 Jahren als Mitglied des Stiftungsrats gedient hat, nach dem Mittagessen jeweils ein bisschen Ruhe. Welches war der schönste Lebensabschnitt? «Mein Erwerbsleben», kommts wie aus der Kanone geschossen. «Mein Credo hiess: Was du tust, das tust du recht.» Buess war mit Leib und Seele Maler. Er haderte nicht, weil er an der Uni nicht studieren konnte.

Aufruhr und Proteste

Gelterkinden liegt «Johnson» sehr am Herzen. Er besuchte regelmässig Gemeindeversammlungen und nahm an der Gemeindepolitik teil. «Aber ich bin kein Politiker und mische mich nie ein», betont er. Nur einmal habe er das Wort ergriffen, beim Streit um die Handyantenne auf seiner Liegenschaft an der Rickenbacherstrasse. «Ich war zu gutgläubig und unterschrieb leichtfertig den Vertrag eines Telekommunikationsunternehmens», gesteht Hans Buess und bedauert, dass er über den Tisch gezogen worden sei. Er hätte nie gedacht, dass diese Antenne im Dorf derart grossen Aufruhr und solch massive Proteste auslösen würde.

Der rüstige Mann ist körperlich und geistig noch in bester Verfassung. Sein Erfolgsrezept: «Ich interessiere mich für viel, das hält meinen Kopf fit. Und ich habe viel Sport getrieben.» Buess spielte bis vor vier Jahren Tennis – als Mittzwanziger schaffte er es an Schweizer Meisterschaften in Genf bis in die Halbfinals – und «jöggerlete» noch als 90-Jähriger. Er hat nie geraucht und praktisch keinen Alkohol getrunken. Buess denkt viel über die Zukunft nach und macht sich «schwer Gedanken, was mit der Menschheit passiert».

Auf «Johnson» angesprochen, klärt Hans Buess auf: «Auch in der Pfadi trug ich diesen Namen.» Und flachst: «Dort prahlte ich, ich sei ein unehelicher Sohn des früheren US-Präsidenten Johnson, der einmal in Zeglingen in den Skiferien gewesen sei.»

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