Muttenz

Jubiläum: Seit 20 Jahren hilft «E Lehr mit Kick» Lehrstellenbewerben mit schulischen Defiziten

Testimonials von Lernenden an der Jubiläumsfeier: «Eigentlich komme ich jedes Mal gerne ins Kick.»

Das Angebot, das die Chancen auf einen Berufsabschluss erhöht, wird von allen Seiten gelobt. «Zuerst braucht es einen Kick von aussen, dann geben die Jugendlichen den Kick selber.»

Wenn am Samstagmorgen unverhofft zwei ehemalige Schüler im Unterricht auftauchen und darüber berichten, wie es ihnen nach dem erfolgreichen Lehrabschluss ergangen ist: Das sind für Leiterin Gini Minonzio und Lehrer Martin Thurnheer «die echten Glücksmomente».

Dann erhalten sie aufs Neue bestätigt, dass sich ihr Einsatz für die Jugendlichen lohnt.
Es ist eine nur kleine und verhältnismässig bescheidene Feier am vergangenen Samstagmorgen in Muttenz, gleichwohl eine aussergewöhnliche.

«Welches andere Angebot erreicht schon das für Bildungsprojekte biblische Alter von 20 Jahren?», fragt Dominik Tellenbach, der Rektor der Gewerblich-industriellen Berufsfachschulen in Liestal und Muttenz.

In der Muttenzer Aula sitzen neben Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern, Unterstützerinnen und Unterstützern aus Lehrbetrieben auch die Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind und weitere geladene Gäste, um das Jubiläum von «E Lehr mit Kick» zu begehen.

1999 bot Gründerin Elisabeth Nussbaumer erstmals Stützkurse für 18 Lehrstellenbewerber mit schulischen Lücken an. Die Idee zum Projekt entstand ein Jahr früher im Rahmen des kantonalen Baselbieter Impulsprogramms «Chance».

Mit einem individuell abgestimmten Stütz- und Förderangebot sollten die Chancen auf einen Berufsabschluss stark verbessert werden. Heute sind es fünf Lehrpersonen und fünf Klassen mit rund 50 Teilnehmenden zwischen 16 und 24 Jahren, die jeweils am Samstagmorgen zwischen 8.05 und 11 Uhr zusätzlich die Schulbank drücken.

Ein starkes Signal nach innen und aussen

Dass dieser Stützunterricht ausgerechnet auf die sonst freien Samstagvormittage fällt, ist ein starkes Signal, wie im Verlauf der Jubiläumsfeier immer wieder betont wird. Ein starkes Signal an die Lehrbetriebe, auf diese schulisch schwächeren Lernenden zu setzen, da diese den den Willen zeigen, mit einem Sondereffort an ihren Defiziten zu arbeiten.

Ein starkes Signal an die Schüler selbst, jeden Samstag aufs Neue den inneren Schweinehund zu besiegen und dem Ziel Lehrabschluss näher zu kommen. «Jugendliche müssen ihre Freizeit einsetzen, um sich schulisch weiterbilden zu können.

Die Lernenden bestimmen die Lerninhalte zu einem grossen Teil selber. Kick lebt davon, dass die Jugendlichen selber Verantwortung für ihre Lernfortschritte übernehmen. Grundlage dafür ist eine hohe Eigenmotivation und der Wille, ‹es packen zu wollen›», steht hierzu im Programm von «E Lehr mit Kick».

Teilnehmende Lehrbetriebe ihrerseits wissen, dass sie dank Kick für ihre künftigen Lernenden eine zusätzliche Unterstützung im schulischen Bereich erhalten und dazu beitragen, die Jugendarbeitslosigkeit zu vermindern.

Für Rektor Tellenbach ist klar: Der Name Kick passt ausgezeichnet. «Zunächst braucht es einen Kick von aussen, man könnte auch sagen, einen ‹Schutt in den Hintern›.» Mit der Zeit aber gäben sich die Jugendlichen den Kick selber, sobald sie merkten, dass sie gewisse Dinge können und beherrschen.

Dies wird auch durch die Testimonials deutlich, welche verschiedene Schüler – der Grossteil der Teilnehmenden ist tatsächlich männlich – an der Jubiläumsfeier ablegen. Eine Aufgabe begriffen, eine Lösung verstanden, ein Problem gemeistert zu haben, ist die grösste Motivation fürs Weiterkommen, welche Jugendliche mit Schulproblemen erfahren können.

«Ich kann doch etwas»: Zu sich selber so etwas sagen zu können, nachdem man in der Schule ständig unten durch musste, ist für viele der Lernenden eine neue, gute Erfahrung. Am Ende steht für viele von ihnen die überraschende Erkenntnis, eigentlich gerne ins Kick zu kommen.

Im ersten Kick-Jahr wird die erste Lektion als Workshop zu einem vorgegebenen Thema angeboten, vor allem zu den Themen Mathematik, Deutsch und Lerntechnik. Danach folgt ein individuelles Programm, um Wissenslücken stopfen, an Hausaufgaben zu arbeiten oder Prüfungen vor- und nachzubereiten. Ab dem zweiten Kick-Jahr kann vor dem individuellen Teil noch Deutsch als Fremdsprache belegt werden.

Weg von der Strasse, der Einsatz lohnt sich

Die Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind outet sich an diesem Samstagvormittag in Muttenz als grosser Fan von «E Lehr mit Kick». Mit mehreren Schülern führt sie längere Einzelgespräche. «Ziehen Sie das durch», appelliert sie an die Anwesenden, «wenn Sie den Lehrabschluss in der Tasche haben, steht Ihnen die Welt offen.»

Nur Friede, Freude, Eierkuchen herrscht hier aber ebenso wenig wie an allen anderen Schulen und Lehrbetrieben. «Wir haben auch ziemlich schwere Jungs bei uns», meint Kick-Lehrer Martin Thurnheer und zieht vielsagend die Augenbrauen hoch.

«Aber für jeden einzelnen, den wir dank Kick von der Strasse holen können, lohnt es sich.» Womit wir wieder bei den echten Glücksmomenten wären.

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