Baumfällungen

Kanton hat den Biber aus Liestal vertrieben

Ein Mitglied der Liestaler Biberfamilie, als es noch etwas zum Fressen gab.

Ein Mitglied der Liestaler Biberfamilie, als es noch etwas zum Fressen gab.

Die Biber finden es im Baselbiet nicht mehr gemütlich. Das Tiefbauamt gerät mit seinen teils radikalen Ufer-Ausholzungen zunehmend in die Kritik

Kürzlich musste der Liestaler Stadtrat bei seiner Biber-Exkursion nach Lausen ausweichen, weil in Liestal selbst keine Biber mehr leben. Es stand in der bz, und dieser Bericht hat sie aus der Deckung gelockt: Guido Buschor und Hanspeter Schwob.

Die beiden pensionierten Liestaler sind Naturschützer von altem Schrot und Korn. Vor allem Buschor baut mit viel handwerklichem Geschick Nistkästen für Waldkauz, Schleiereule, Turmfalke und diverse Singvogelarten. Diese hängen die Beiden zusammen mit weiteren Mitgliedern der Eulengruppe des örtlichen Natur- und Vogelschutzvereins auf, unterhalten und reinigen sie jährlich. Schwob ist zudem ein begabter und in Naturschutzkreisen anerkannter Tierfilmer.

Mit seinem Video dokumentiert Hanspeter Schwob das Leben der Biber in Liestal – und kritisiert den Kanton.

Mit seinem Video dokumentiert Hanspeter Schwob das Leben der Biber in Liestal – und kritisiert den Kanton.

Zum alten Schrot und Korn gehört auch, dass Buschor und Schwob abseits des Rampenlichts im Hintergrund wirken. Doch das mit den ehemaligen Liestaler Bibern im Lausner Exil war zu viel für sie: Sie wollen an die Öffentlichkeit und aufzeigen, wieso die Biber aus Liestal verschwunden sind. Buschor erzählt: «Im Jahr 2012 hat sich in Liestal erstmals ein Biber auf der Höhe der Elektra Baselland angesiedelt. Ein Jahr später lebte dank gutem Futterangebot schon eine ganze Familie mit zwei Jungen hier an der Ergolz. Dann kam Ende 2013 das Tiefbauamt und fällte alle Bäume und Büsche.»

Damit sei den Tieren die Nahrungsgrundlage entzogen worden, und sie hätten ein neues Revier suchen müssen. Schwob untermauert Buschors Aussagen mit einem Film, den er von den Liestaler Bibern gedreht hat und einem Vorher-nachher-Vergleich mit dem kleinen Weidenwäldchen entlang der A 22-Schutzmauer, das eliminiert wurde. Den im gleichen Gebiet wuchernden Japanischen Staudenknöterich habe der Kanton aber stehen lassen, fügt Schwob bei.

Bagger zermalmt Flora und Fauna

Das ist aber nicht alles: Schwob und Buschor haben vor einem Jahr auch eine ziemlich radikale Ausholzung zwischen der Ergolz und Wohnblöcken im Liestaler Fraumattgebiet gefilmt. Als die Kamera auf den Bagger, der im Bachbett steht, schwenkt, schütteln die Beiden noch heute verständnislos den Kopf. Schwob: «Hier werden Flora und Fauna im Bach zermalmt und damit auch die Nahrungsgrundlage für Vögel und Fische zerstört.» Buschor ergänzt: «Früher wurde entlang von Bächen nie so radikal geholzt.» Immer werde die Sicherheit vorgeschoben und längst würden nicht nur kranke Eschen – sie leiden unter der grassierenden Pilzkrankheit Eschenwelke –, sondern auch gesunde Buchen und weitere Bäume sowie Büsche gefällt. Schwob: «Wir haben den Eindruck, dass Bachläufe wie Gärten gepflegt werden müssen. Doch die Natur hat nicht die gleiche Idee von Ordnung wie wir.»

Das Duo verweist auch auf eine aktuelle Fällaktion entlang der Ergolz zwischen Füllinsdorf und Augst. Dort sei eine vom Biber bereits angenagte Weide umgemacht und entfernt statt wie ansonsten am Ufer als Biberfutter angebunden worden; der Biber fällt Bäume, um an die Rinde zu kommen, die ihm im Winter als Hauptfutter dient. Schwob meint: «Der Biber hat nicht nur Freunde.»

Das Tiefbauamt respektive dessen Wasserbauabteilung standen in diesem Frühjahr bereits wegen relativ massiven Ufergehölz-Eingriffen an der Birs in Zwingen und Münchenstein in der Kritik. Dort verwies Rolf Mosimann, stellvertretender Leiter des Wasserbaus, gegenüber der bz unter anderem auf Sicherheitsaspekte und das seit 2014 geltende Pflegekonzept, das periodische Teileingriffe an Ufergehölzen vorsieht. Die vor einem Jahr gefilmte Ausholzung an der Ergolz im Liestaler Fraumattquartier ist allerdings nur schwer mit diesem Pflegekonzept vereinbar. Mosimann sagt dazu: «Wir halten das Konzept ein, so weit es geht. Manchmal gibt es aber sicherheitsrelevante Zwänge.»

Dies sei im Fraumattquartier der Fall gewesen, wo die Liegenschaftsverwaltung der dortigen Häuser auf den Kanton zugekommen sei. Äste von Bäumen seien schon bis an die Hausfassaden gewachsen und die kranken Eschen im Uferstreifen hätten ein Sicherheitsrisiko für Häuser und Personen dargestellt. Weil der Landstreifen zwischen Ergolz und Wohngebiet dem Kanton gehört, habe man den Uferstreifen durchforstet. Nebst den kranken Eschen sowie Weiden seien «möglicherweise auch ein paar Buchen» gefällt worden. Laut Mosimann erfolgten die Eingriffe mittels Schreitbagger von der Ergolz aus, um Schäden an den Liegenschaften zu verhindern und das Holz abtransportieren zu können.

«Mussten A 22 vertieft beurteilen»

Zum Weiden-Kahlschlag an der Ergolz, der den Biber-Auszug aus Liestal verursachte, meint Mosimann: «Die Weidenausschläge waren ein Sicherheitsproblem für die A 22. Auch war die Hochwassersicherheit von Elektra und Spital nicht mehr gewährleistet.» Deshalb seien die Weiden wiederholt nachgeschnitten worden. Und Mosimann weiter: «2013 wurden alle Weidenausschläge am rechten Ufer zurückgeschnitten, um den baulichen Zustand der Umfahrungsstrasse vertieft beurteilt zu können.» Es sei jeweils schwierig zu sagen, wo der Biber genau sei, weil er sich stets in Bewegung befinde.

Vom Biber bereits angenagte Bäume befestige man in der Regel nach der Fällung am Ufer, sagt Mosimann weiter zur Kritik der beiden Liestaler Naturschützer. Oberhalb des Hülftenfalls in Füllinsdorf habe man das aber aus Gründen des Hochwasserschutzes nicht tun können. Im Übrigen sei für die dortigen Auslichtungen das Amt für Wald zuständig.

Dieses ist federführend, sobald ein mit Bäumen bestücktes Gebiet als Wald ausgeschieden wird, was bei an der unteren Ergolz der Fall ist. Ein dortiger Augenschein zeigt ein überraschendes Resultat: Zwar wurden zwischen Füllinsdorf und Augst drei Dutzend grosse Bäume – vor allem Eschen – und etliche Sträucher entfernt. Doch wirkt das Gebiet nicht so kahl wie zum Beispiel jenes in Zwingen. Frage deshalb an Kreisförster Ernst Spahr: Messen das Amt für Wald und das Tiefbauamt mit unterschiedlichen Ellen? Spahr: «Ich habe diesen Eindruck nicht. Wir arbeiten auch eng zusammen. Was uns vielleicht unterscheidet: Wir beurteilen Situationen aus Waldoptik, der Wasserbau mehr aus Hochwasseroptik.» Kahlschläge wolle aber niemand. Gerade das Ergolzufer sei ein gutes Beispiel dafür, wie unterschiedliche Interessen auf engstem Raum aufeinanderstossen. Spahr erwähnt Bäume für Biber, Hochwasserschutz, Velofahrer, Spaziergänger und Hündeler.

Differenziert fallen denn auch die Stellungnahmen von anderen Naturschützern aus. Während der Basellandschaftliche Vogelschutzverband, aber auch Fischer, die Ufergehölz-Eingriffe des Tiefbauamts in Zwingen gegenüber der bz heftig kritisierten, sagt der Geschäftsführer von Pro Natura Baselland, Urs Chrétien, zu den jetzigen Ausholzungen des Amts für Wald: «Der Eingriff am untern Ergolzlauf ist vorbildlich.» Ausholzungen entlang von Ufern seien grundsätzlich sinnvoll, weil sie wieder Licht für Sträucher und damit Nistmöglichkeiten für Vögel und Unterschlupf für Kleintiere bieten würden. Doch die Eingriffe müssten abschnittweise erfolgen und alte Bäume gezielt stehengelassen werden. Letzteres sei aber in Zwingen leider nicht der Fall gewesen, schliesst sich Chrétien der Kritik an.

Und was sagt Pro Natura, das mit seiner Mehrjahresaktion «Hallo Biber» den Boden für die Biber-Wiederansiedlung im Baselbiet bereitete, zur Vertreibung des Nagers aus Liestal? Chrétien gibt den Ball weiter an Astrid Schönenberger, die als Pro-Natura-Mitarbeiterin und Leiterin der 2014 geschaffenen kantonalen Biber-Fachstelle eine Doppelrolle inne hat. Sie stellt fest: «Es ist sehr schade, dass das mit den Liestaler Bibern so gelaufen ist. Heute könnte das nicht mehr passieren, weil wir vor Abholzungen in Biber-Gebieten informiert werden und notfalls unser Veto einlegen können.» Einzig die Lausner freuts, dass die Biberfamilie jetzt bei ihnen lebt.

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Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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