Das Kantonsarztamt Bern geht einer aufsichtsrechtlichen Anzeige im Zusammenhang mit einem Einsatz der Mobilen Ärzte vom vergangenen August im bernischen Roggwil nach. Dies bestätigt die Berner Kantonsärztin Linda Nartey auf Anfrage der bz.

Die Firma Mobile Ärzte AG aus Allschwil ist seit mittlerweile neun Jahren Anlaufstelle für Menschen, die sich ärztliche Hilfe direkt nach Hause holen wollen. Dabei werden sie entweder von der Medizinischen Notrufzentrale beider Basel (MNZ) aufgeboten – oder die Patienten wählen die direkte Nummer. Die Firma hat mittlerweile fünf Niederlassungen und ist in acht Deutschschweizer Kantonen unterwegs.

Ärztin wollte die Ambulanz schicken

Verfasserin der Anzeige ist eine Ärztin, die zum Zeitpunkt der Ereignisse bei den Mobilen Ärzten am Standort Wynau (Bern) arbeitete. In einer ausführlichen Einsatzbeschreibung, die dieser Zeitung vorliegt, schildert sie die Abläufe.

Es war Montag, der 20. August, etwa um 18.30 Uhr als eine medizinische Praxisassistentin (MPA), die in der Zentrale der Mobilen Ärzte Dienst hatte, die Ärztin kontaktierte. Ein Anruf sei eingegangen, wonach eine Frau sich «heftig» den Kopf angeschlagen habe und desorientiert auf dem Boden liege. Laut Einsatzbeschreibung hätten sowohl die Ärztin als auch die sie begleitende MPA der Triagistin mitgeteilt, dass in diesem Fall direkt die Ambulanz geschickt werden müsse.

Die Ferndiagnose lautete auf ein Hirntrauma. Sie hätten darauf hingewiesen, dass sie derzeit nicht in Wynau sondern in Laufen seien. Im Feierabendverkehr bräuchten sie für die über fünfzig Kilometer bis nach Roggwil sicher eine Stunde. Schliesslich sind die Mobilen Ärzte keine Blaulichtorganisation und haben sich entsprechend an Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten.

Interne Weisung: Nicht-Ärztin entscheidet

Die Triagistin schickte nicht eine Ambulanz, sondern hielt sich an die interne Weisung mit der Kennzeichnung W 26.1. Diese hält fest, dass es den medizinischen Notfallassistentinnen «nicht erlaubt ist, selbstständig medizinische Fälle und Anfragen jeglicher Art ohne Rücksprache weiterzuleiten, respektive an andere Institutionen zu verweisen».

Entscheiden dürfen nur die drei Führungspersonen der Firma, dies in klar festgelegter Reihenfolge. Erste Priorität hat dabei die Co-Geschäftsführerin, die selbst nicht ausgebildete Ärztin ist. Nur der Co-Geschäftsführer und Gründer der Mobilen Ärzte, Michael Gloger, ist sowohl Arzt als auch entscheidberechtigt. Dies allerdings bloss in dritter Priorität. Laut der Weisung sollen die Triagistinnen den Anrufern aber jeweils mitteilen, dass «erst Rücksprache mit einem Arzt genommen wird». «Gelesen und verstanden: Name, Unterschrift» steht zuunterst auf dem Papier, das der bz vorliegt.

Fahrt von Allschwil nach Roggwil

Im konkreten Fall informierte die Triagistin die Co-Geschäftsführerin. Diese wurde gemäss dem Schreiben auch direkt von der Ärztin darauf hingewiesen, dass die Ambulanz unumgänglich sei und sie sich selbst weigern würde, den Einsatz zu übernehmen. Denn: Bei lebensbedrohlichen Situationen ist die Ambulanz zuständig. Die Mobilen Ärzte müssen solche Fälle der Sanitätsnotrufzentrale melden, bei der alle 144er-Anrufe zusammenlaufen – auch wenn der Patient sich direkt an den privaten Anbieter gewendet hat. Dennoch wurde ein anderes Mobile-Ärzte-Team nach Roggwil geschickt – und das vom Hauptsitz in Allschwil aus.

Der Arzt, der den Einsatz letztlich fuhr, stand in Roggwil vor verschlossener Tür. Die Polizei musste aufgeboten werden, um die Tür aufzubrechen. Die Patientin sei «tief bewusstlos mit lichtstarren weiten Pupillen» da gelegen. Sie musste sofort ins Spital in Langenthal gebracht werden. Dort wurde eine Hirnblutung mit Mittellinienverlagerung festgestellt. Die Patientin musste ins Inselspital Bern verlegt werden. Auf Anfrage der bz schreibt die Berner Kantonsärztin Nartey vier Monate nach dem Vorfall: «Die Patientin lebt.» Zu eventuellen Folgeschäden könne sie keine Auskunft geben.

Die Ärztin, die es ablehnte, den Auftrag anzunehmen, hat zunächst die Baselbieter Kantonsärztin Monika Hänggi mit einem Schreiben über den Fall informiert. Dieses liegt der bz vor. Den genauen Ablauf untersucht nun das Kantonsarztamt Bern. Die Mobilen Ärzte seien zur Stellungnahme aufgefordert worden, sagt Nartey, die Korrespondenz laufe. Für die Mobilen Ärzte gilt die Unschuldsvermutung. Gegenüber der bz wollte die Firma mit Verweis auf das Arztgeheimnis weder zum Einsatz noch zur internen Weisung Stellung nehmen.