Abstimmungskampf

Kantonsspital-Chef kontert Kritik: «Der Vorschlag der FDP ist eher peinlich»

Spitaldirektor Jürg Aebi: «Die SP Basel-Stadt setzt Hunderte von Arbeitsstellen aufs Spiel.»

Von allen Seiten prasselt im Abstimmungskampf massive Kritik auf den Baselbieter Spitaldirektor Jürg Aebi und sein Kantonsspital nieder. Diese will der 58-jährige Berner nicht länger auf sich sitzen lassen und teilt im Interview selbst tüchtig aus.

Herr Aebi, in sieben Wochen fällt der Entscheid zur grossen Basler Spitalfusion. Welches ist jetzt in diesem Moment das grösste Sorgendossier, das auf dem Tisch des Baselbieter Spitaldirektors liegt?

Jürg Aebi: Vor allem die Ängste meiner Mitarbeitenden, die der schon zu lange dauernde politische Prozess der Spitalfusion auslöst. In den vergangenen vier Jahren ist die Verunsicherung bei uns im Haus stetig gewachsen. Wenn man in der Privatwirtschaft so eine Grossfusion durchzieht, wird diese in Ruhe vorbereitet und dann blitzartig umgesetzt. Im ersten Augenblick rumpelt es zwar, aber danach herrscht Ruhe.

Bei Ihnen rumpelt es schon seit Jahren. Wie wirkt sich das ganz konkret aus?

Es kommt zu Kündigungen. Angestellte sagen mir, dass sie nicht wissen, wie es mit dem Kantonsspital weitergeht. Sie suchen lieber jetzt eine Alternative, als weiter im Ungewissen zu bleiben. Ich aber kann immer nur wieder betonen, dass auch in der Spitalgruppe jede und jeder eine Stelle haben wird. Zudem wird das Universitätsspital Nordwest, mit seinen vier unterschiedlich ausgeprägten und aufeinander abgestimmten Standorten, einzigartige berufliche Perspektiven und Karrieremöglichkeiten bieten.

Inzwischen läuft Ihnen aber das Personal davon.

Eigentlich bewegen wir uns bei den Abgängen im normalen Fluktuationsrahmen von zwischen 12 bis 15 Prozent pro Jahr. Ich habe das extra im Mehrjahresvergleich untersuchen lassen. Die Quote ist nicht das Problem.

Sondern?

Wir haben Kündigungen in jenen Bereichen, in denen es besonders schwierig ist, Ersatz zu rekrutieren. So in der Operationspflege, in der Intensivmedizinpflege oder von Ärzten in der Medizin und gewissen anderen Bereichen.

Wird Ihre jetzige schwierige Lage von der privaten Konkurrenz ausgenützt?

Eindeutig ja. Uns sind Schlüsselpersonen in der Verwaltung, unter den Kaderärzten und in der Pflege aktiv abgeworben worden.

Wie stark setzt Ihnen der aktuelle Abstimmungskampf zu? Welches Nein-Argument regt Sie am meisten auf?

Dass der Standort Bruderholz immer so radikal grundsätzlich infrage gestellt wird. Das interessanterweise auch von der SP in Basel-Stadt, die damit Hunderte von Arbeitsstellen aufs Spiel setzt. Partikularinteressen dominieren hier eindeutig die sachliche Diskussion. Das nervt mich und unsere Angestellten. Ausserdem haben die Kritiker unsere Pläne nicht gelesen. Es werden mit der Transformation in ein ambulantes Zentrum auf dem Bruderholz 150 Betten abgebaut.

Die Kritik scheint aber berechtigt: Wieso braucht es ausgerechnet in der Orthopädie ein zusätzliches Angebot auf dem Bruderholz angesichts des bereits bestehenden grossen Angebots an Spezialkliniken im Raum Basel?

Es ist eben gar kein zusätzliches Angebot, das ist ein falsches Argument. Es findet keine Mengenausweitung statt, sondern es ist eine Zusammenlegung von bestehenden Angeboten des Basler Unispitals und unseres Kantonsspitals, die auf dem Bruderholz konzentriert werden, um stationäres und ambulantes Geschäft zu trennen. Die Orthopädische Klinik am Kantonsspital Baselland ist eine der grössten in der Schweiz. Unsere gut laufende Orthopädie ist eine weltweite Marke. Zusammen mit der hochspezialisierten Expertise aus der Stadt können wir den Patienten ein extrem gutes Angebot machen und den Mitarbeitenden ein hoch attraktives Arbeitsumfeld bieten. Von den geplanten 150 stationären Bruderholz-Betten werden übrigens nur noch rund 40 für die Orthopädie sein. Die restlichen sind für die Rehabilitation.

Die Privaten sagen trotzdem, dass es auch ganz ohne ginge.

Die Privatspitäler wissen schon, wieso sie dagegen sind. Notfalleintritte in Basel oder Liestal, Operationen auf dem Bruderholz: Das ist eine Riesenkonkurrenz, welche die Privaten fürchten; wobei das Merian Iselin und die Birshofklinik die Traumatologie gar nicht anbieten und solche Patienten jetzt schon ans Unispital schicken. Alle Privaten haben in den Ausbau ihrer stationären Abteilungen investiert und sehen durch uns ihre Zukunft gefährdet, wenn wir die ambulante Orthopädie auf dem Platz Basel propagieren.

Verstärkt durch die Angst der Privaten vor einer Wettbewerbsverzerrung, indem die beiden Basel als Regulatoren via Spitalliste unfair Einfluss auf die Patientenströme nehmen können.

Ich kann nicht für die Privatspitäler sprechen. Es entspricht aber meiner tiefsten Überzeugung, dass sich der Staat nicht aus der Gesundheitsversorgung oder Teilen davon zurückziehen sollte. Es widerstrebt mir persönlich, wenn auf dem Buckel von Patienten Gewinne eingefahren werden, einzig um Stakeholder zu befriedigen.

Gut, so viel zum Bruderholz. Welches Nein-Argument regt Sie am zweitstärksten auf?

Dass für Gegner – wie beispielsweise aus den Reihen der SP Basel-Stadt – Einsparungen von über 70 Millionen Franken pro Jahr zu wenig seien. Was für eine arrogante Aussage!

Ich nerve Sie jetzt noch mehr: Nicht nur nicht genug, sondern es dauert auch fast zehn Jahre, bis Sie diese Zielgrösse erreichen können.

Es ist doch gut, wenn wir, konservativ gerechnet, ab 2026 überhaupt jährlich einen solchen Betrag erreichen können. Zeigen Sie mir zuerst ein anderes Spital, das im gleichen Zeitraum so viel einsparen kann. Und die Gegner der Spitalgruppe können überhaupt keinen Betrag nennen. Diese Anspruchshaltung nervt mich. Alle wollen Massnahmen gegen die Kostenexplosion sehen, aber wenn wir konkret etwas tun, reicht das nicht. Ich wiederhole es gerne: Kein Gegner hat je eine bessere Alternative zur gemeinsamen Spitalgruppe aufgezeigt.

Die Baselbieter FDP glaubt, eine zu haben: die Vorlagen ablehnen, eine Initiative lancieren und beide Spitäler per Gesetz zu Kooperationen zwingen.

Mit Verlaub: Der Vorschlag der FDP ist eher peinlich. Natürlich haben wir Kooperationen, auch mit dem USB, bereits gelebt und weitere geprüft. Jene in der Kardiologie zwischen Unispital und Kantonsspital hat nie funktioniert.

Weshalb nicht?

Weil ohne gemeinsame Kasse niemand ein Interesse daran hat, eigene Fälle dem anderen Spital zuzuschieben. Spielt man den FDP-Vorschlag für alle Bereiche durch, müssten wir etwa 40 Kooperationen mit separaten Kassen managen. Das sind 40 separate Betriebsbuchhaltungen neben den eigentlichen Buchhaltungen beider Spitäler. Ein Riesenaufwand und betriebswirtschaftlich absoluter Unsinn! Statt dieses administrativen Overkills bieten wir eine planerische Pioniertat mit Ausstrahlung auf die ganze Schweiz an. Und dies erst noch in einer Region, die notorisch für Abgrenzung steht und nicht für eine kantonsübergreifende Zusammenarbeit.

Das war jetzt eine hübsche Abstimmungsparole. Doch um beim Finanziellen zu bleiben: Für dieses Jahr erwarten Sie einen operativen Verlust von 14,5 Millionen Franken und für 2019 einen von 9,5 Millionen Franken. Der Abstimmungskampf dreht sich immer stärker um den Vorwurf, dass das Kantonsspital für eine Fusion zu schwach ist und das Basler Unispital mit in den Abgrund zu reissen droht.

Was das Unispital angeht, so wird gerade die Baselbieter Beteiligung sehr grosse Geldströme in die gemeinsame Spitalgruppe spülen und das USB wesentlich mitfinanzieren. Alleine bei der Beteiligung an den stationären Kosten trägt der Landkanton mit 31 000 Patienten und den damit verbundenen Prämien- und Steuergeldern jährlich einen dreistelligen Millionenbetrag bei.

Ihre Patientenzahlen sind aber weiterhin ungebremst im Sinkflug.

Wieso haben wir sinkende Patientenzahlen? Weil wir Patienten und zuweisende Ärzte haben, die seit Monaten verunsichert sind, weil sie bis zum 10. Februar nicht wissen, ob die Spitalfusion zustande kommt. Umso richtiger ist unser Weg, und umso wichtiger ist es, dass wir bald wissen, welchen Weg wir künftig einschlagen können.

Sie haben jetzt nur von den Steuergeldern geredet, die aus dem Land in die Spitalgruppe fliessen werden. Problematisch ist aber insbesondere auch die Kapitallage. Schliesslich wollen Sie einen neuen Behandlungstrakt in Liestal finanzieren.

Ich dränge da auf eine Lösung, wie sie auch 2017 der Psychiatrie Baselland zugute gekommen ist: Wenn Baselland sein Kantonsdarlehen über 153 Millionen Franken bilanzneutral ins Dotationskapital umwandelt, dann stehen wir kapitalmässig ganz anders da. Dann können wir den Behandlungstrakt in der Grössenordnung von 150 Millionen leicht aus eigenen Mitteln respektive aus dem Kapitalmarkt finanzieren. Diese Umwandlung muss noch 2019 geschehen. Mit der Spitalgruppe werden wir danach sowieso ganz andere Möglichkeiten haben.

Zuerst wird Sie aber das Fusionsprojekt jahrelang viel Geld kosten, falls beide Basel dem Staatsvertrag zustimmen.

Natürlich kostet das Geld. So muss etwa eine gemeinsame IT-Infrastruktur geschaffen werden, nur eines von vielen gemeinsamen Projekten. Aber wenn am 10. Februar die Fusion abgelehnt wird, dann steht man mit zwei machtlosen Kolossen da, die stetig Geld und an Bedeutung verlieren. Wir dagegen wollen uns fit machen für die Zukunft.

Das bedeutet konkret?

Fit machen heisst, es wird nicht mehr überall jede medizinische Leistung angeboten. Aber alle Standorte werden bestens miteinander vernetzt sein. So wird die Versorgung der Bevölkerung auf hohem Niveau zu einem kostenbewussten Preis sichergestellt sein.

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