Birdwatch 2019

Keine Lust zum Reisen weil «fudiblutt» : Dieses Jahr zogen weniger Vögel in den Süden

Nur 923 Vögel wurden beim EuroBirdwatch in Riehen beobachtet. Die Organisatorin war trotzdem ein bisschen aus dem Häuschen.

Vögel zu beobachten, galt lange Zeit als ähnlich belangloses Hobby wie Kaffirahmdeckeli sammeln. Das war etwas für einfach gestrickte Eigenbrötler. Der Literatur sei Dank hat sich die Vogelkunde in den vergangenen Jahren rehabilitiert. Die deutschen Schriftsteller Marcel Beyer («Kaltenburg»), Uwe Timm («Vogelweide») und Franz Friedrich («Die Meisen von Uusima singen nicht mehr») haben Bücher über die Vogel-Faszination geschrieben. Und grosse Intellektuelle wie der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen («Freiheit, Korrekturen») sind sogar selber bekennende Birdwatcher, also Vogelbeobachter.

Der Trend hat auch Riehen erreicht. 215 Mitglieder zählt die Gesellschaft für Vogelkunde und Vogelschutz, viele von ihnen sind dem Beobachter-Virus erlegen. Seit 14 Jahren steht Margarete Osellame der Gesellschaft vor. Sie ist selber eine Spätberufene, der es «nach langem Unterbruch» wieder den Ärmel reingenommen hat, wie sie sagt. Schuld war eine Hüftverletzung ihres Mannes. Er musste mit Fussball aufhören, und sie, die Ehefrau, brachte ihn auf die Idee, einen Einführungskurs über Vögel zu besuchen. «Wir hatten ein Rotbrüschtli im Garten und interessierten uns dafür», sagt Osellame. Sie selbst hatte die Vögel lange Zeit aus den Augen verloren, nachdem sie als Kind mit ihrem Vater mitgegangen war, einem passionierten Feldornithologen. Erst als ihr Mann den Vogel-Kurs besuchte, war es wieder um sie geschehen. Von da an zählten in ihrem Leben vor allem die Vögel.

«Der Höhepunkt waren die 98 Eichelhäher»

Gestern stand eines der Jahres-Highlights an: In ganz Europa nahmen Vogelschutzvereine am EuroBirdwatch teil. Die Fernrohre und Fotoapparate wurden auf dem ganzen Kontinent gegen den Himmel gestreckt, um die Vögel bei ihrer Reise in den Süden zu beobachten. In Riehen versammelten sich die Vogelkundler zur Zählung beim Eisweiher. Beim Birdwatch im vergangenen Jahr zogen noch über 3000 Vögel vorbei, doch heuer hielt sich der Verkehr im Luftraum am Tüllinger Hügel in Grenzen. «Die Vögel richten sich eben auch nach dem Wetter», sagt Osellame, als sie in den Nieselregen zwinkert. Anders als die Hobbyornithologen, die sich mit Funktionskleidung und heissen Getränken wärmen könnten, seien die Vögel eben «fudiblutt» unterwegs, wie ein Beobachter lachend meinte. Verständlich, dass man da lieber im ‹Schärme› bleibt.»

Immerhin: Die morgendliche Trockenheit hat dazu geführt, dass ein paar Vögel die Reise auf sich genommen haben. Zwischen 8 und 9 Uhr haben 24 Ringeltauben, 58 Stare, 33 Buchfinken und 19 Erlenzeisige den Kontrollpunkt passiert. Immerhin 251 Vögel werden in einer Stunde registriert. Mit zunehmendem Regen aber verlässt die Vögel die Reiselust. 144 Vögel sind es noch, die zwischen 10 und 11 Uhr registriert werden. Insgesamt 923 Vögel werden bis um 16 Uhr notiert, dann ist die Zählung vorbei. Das klingt enttäuschend, waren es doch im vergangenen Jahr über dreimal mehr. Doch Osellame spricht dennoch von einem geglückten Anlass. «Der Höhepunkt waren für mich die 98 Eichelhäher, aber auch, dass wir Gartenrotschwänze und Waldlaubsänger gesehen haben – das ist nicht alltäglich.»

Bei aller Besessenheit unterscheiden sich die Vogelkundler von anderen Tierliebhabern. Sie gehen keine Beziehungen mit den Tieren ein, halten sie immer auf Distanz. «Nie gehen wir zu den Nestern, wenn wir sie beobachten», sagt Osellame. Auch käme ihr nie in den Sinn, einen Vogel zu halten. «Sie haben sich nie dem Menschen angeschlossen wie etwa der Hund oder die Katze.»

Und so können sich die Riehener Vogelkundler guten Gewissens auch mal um anderes kümmern als um «ihre Vögel», etwa um den wohlverdienten Apéro nach dem ganzen Tag im Regen. Die Vögel jedenfalls finden sich auf ihrer Reise in den Süden ganz gut alleine zu Recht.

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