Naturschutz

Keine menschlichen Eingriffe mehr: Vor Liestals Stadttoren entsteht ein Urwald

Auf 45 Hektaren Wald im Röserental wird es künftig keine menschliche Eingriffe mehr geben.

Auf 45 Hektaren Wald im Röserental wird es künftig keine menschliche Eingriffe mehr geben.

Die Bürgergemeinde Liestal stellt 92 Hektaren Wald unter Schutz. Davon steht die Hälfte unter Totalschutz, was die zweitgrösste Fläche im Kanton ist.

Die Liestaler Bürgergemeindeversammlung hat am Montagabend einen einstimmigen Entscheid von kantonaler Bedeutung gefällt: Sie stellte im Röserental eine Waldfläche von 92 Hektaren unter Schutz, davon 45 Hektaren unter Totalschutz. Das heisst, auf dieser Fläche gibt es mit einer Ausnahme keine menschlichen Eingriffe mehr.

Die Ausnahme: Die Wege bleiben begehbar. Wird dabei ein Baum zum Sicherheitsrisiko, wird er gefällt, bleibt aber vor Ort liegen. Somit könne auch der Banntag bedenkenlos durch dieses Grenzgebiet zu Nuglar geführt werden, versicherte Markus Plattner einem besorgten Bürger; Plattner leitet im Ebenrain-Zentrum die Abteilung Natur und Landschaft.

Entscheid ist wichtig für den Naturschutz

Bei solchen strikten Naturschutzflächen im Wald redet man von Totalwaldreservaten. Das Röserental ist das zweitgrösste solche Reservat im Kanton. Das grösste ist das Gebiet Bogental-Geitenberg auf Lauwiler Boden mit 77 Hektaren; auf den weiteren Plätzen folgen der Dürstelberg in Langenbruck, das Gebiet Löffelberg-Baanholz in Liesberg und der Rehag auf Boden von Bennwil, Oberdorf und Waldenburg mit noch 25 Hektaren.

Kreisförster Andreas Etter vom Amt für Wald beider Basel betont, dass die kleinräumige Wald-Offenland-Verzahnung und die hohe Dichte an Infrastrukturen das Ausscheiden von grossen Totalwaldreservatsflächen im Baselbiet erschwerten. Und er fügt bei: «Umso wichtiger für den Naturschutz ist der positive Entscheid der Bürgergemeindeversammlung.»

Ein Eldorado für Käfer, Spechte und Pilze

Noch etwas anderes gibt dem Entscheid besonderes Gewicht: Das Liestaler Röserental ist das erste grosse Baselbieter Totalwaldreservat unmittelbar am Rand eines Bevölkerungszentrums. Es ermöglicht somit einem grösseren Publikum, die Veränderungen in einem total geschützten Wald mitzuerleben.

Und wie sieht dieser Wald nach 50 Jahren, der minimalen Nutzungsverzichtsdauer eines derartigen Reservats, aus? Dazu Etter: «Im Jahr 2070 hat dieser Wald einen urwaldähnlichen Charakter. Das heisst, man sieht die verschiedenen natürlichen Phasen des Waldzyklus vom Altern über den Zerfall bis hin zur Erneuerung.» Die Altbäume und damit deren ökologischer Wert nähmen zu, weil sie mehr Versteckmöglichkeiten und Nahrung böten.

Zunehmen würde auch das Totholz und damit die Arten, die darauf angewiesen seien. Etter erwähnt Käfer, Wildbienen, Fledermäuse, Spechte, verschiedene Pilze sowie Asseln und Springschwänze, die letztlich das Totholz zu Humus zersetzen. Aber nicht nur das Totalwaldreservat, sondern auch das restliche Schutzgebiet im Röserental ist sehr wertvoll für die Natur. Das, weil hier ganz unterschiedliche Lebensräume zu finden sind.

Helen Rutishauser, die ebenfalls im Ebenrain im Bereich Natur und Landschaft arbeitet, bezeichnete an der Bürgergemeindeversammlung den feuchten Talgrund mit dem naturbelassenen Rösernbach und den vielen Hochstauden als eigentlichen Hotspot für Waldschmetterlinge. Daneben gebe es trockene Bereiche, wo lichtliebende Baumarten wie Eichen und Föhren gefördert würden.

Schöner Bonus für weniger Nutzung

Die Bürgergemeinde Liestal erhält für die Nutzungseinschränkung in den nächsten 25 Jahren vom Kanton eine einmalige Abfindung von 325000 Franken; 22000 davon sind ein Extrabonus für das Totalwaldreservat. Nach 25 Jahren würden die vereinbarten Pflegeziele überprüft und die Bürgergemeinde danach erneut entschädigt, sagt Etter. Welche weiteren Totalwaldreservate in der kantonalen Pipeline stecken, will er nicht verraten. Derzeit stehen 3700 Hektaren Wald unter Schutz, was 17 Prozent der Baselbieter Waldfläche entspricht. 830 Hektaren davon sind Totalwaldreservate.

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Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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