Da steht sie auf der Terrasse des Hotels Drei Könige und posiert für den Fotografen. So, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Die übrigen Gäste des voll besetzen Restaurants scheint das Treiben nicht gross zu kümmern – und selbst wenn: Kiki Nam Nam wäre es wohl egal. Die Sängerin kennt das Musikbusiness, hat seine Regeln verinnerlicht. Eine davon ist das Ausgestelltsein. Eine andere: The Show Must Go On!

Und da wäre noch der Wohlfühlfaktor. Kiki Nam Nam, mit bürgerlichem Namen Sunanda Sheetal Géraldine Heuberger, kennt das «Trois Rois» bestens. Vor Jahren trat sie im Hotel auf. Damals, als sie noch mit ihrer Coverband unterwegs war. Doch irgendwann hatte sie genug davon, fremde Lieder zu singen. Sie sammelte Geld für die eigene CD. Vor zwei Jahren war es so weit: Sie ging nach Nashville, um ihr eigenes Album aufzunehmen. Im Mai kam «Kiki Nam Nam» in den Handel.

Mit 15 Monaten aus einem Waisenhaus adoptiert

Kiki, wie sie sich selber nennt, vereint zwei Kulturen in sich. Sie ist 15 Monate alt, als sie von Indien in die Schweiz gebracht wird. Ein Ehepaar aus Arlesheim adoptiert sie aus einem Waisenhaus in Mumbai. Als Kind spielte sie Klavier, als Teenagerin lernte sie Hindi und indischen Tempeltanz. Ihre grösste Leidenschaft ist das Singen. Bis sie sich dazu entscheidet, voll auf die Karte Musik zu setzen, macht sie jedoch noch ein paar Umwege.

Ihr Stil: poppiger Country mit indischen Einflüssen und englischen Texten. Das Album nahm sie im Oktober 2017 im legendären Blackbird Studio in Nashville auf, dem Epizentrum des Country, den in unseren Breitengraden viele noch immer als die Musik von Rednecks, Hillbillies und Möchtegern-Cowboys halten. «Das ist in Nashville ganz anders», sagt Kiki.

«Die Musik hat sich unglaublich entwickelt, ist offen für viele Einflüsse. Es ist ein Klischee, dass dort jeder einen Cowboyhut tragen würde – ich jedenfalls habe keinen gesehen.» Kiki lächelt und fügt an: «Ich muss gestehen, im Booklet trage ich auf einem Foto auch einen Cowboy-Hut.»

Nach der Schule absolvierte Kiki Nam Nam eine kaufmännische Lehre, arbeitete in der Eventbranche und im Risk-Management bei einer Wirtschaftsinformationsfirma. Später hängt sie einen Master in Kulturmanagement an. «Nach zahllosen Versuchen, meinen Weg in der Musik zu finden, habe ich beschlossen, dass das Musikbusiness nichts für mich ist», heisst es in ihrer Biografie auf ihrer Website.

Doch die Musik liess sie nie ganz los. Auch nach der Lehre spielt sie in Musicals mit. Den Ausschlag gegeben, es nochmals zu probieren, habe aber etwas anderes. «Vor ein paar Jahren häuften sich plötzlich wieder Konzertanfragen. Ich dachte, das ist ein Zeichen: Wenn die Musik zu mir kommt, muss ich das zulassen.»

Bei den Dixie Chicks machte es Klick

Wenn sie es aber nochmals wagt, dann muss es Hand und Fuss haben. Ganz die Kauffrau, stellt die Arlesheimerin einen Businessplan auf, sammelt per Fundraising das Geld für den Ausflug nach Nashville. «Einfach so drauflos, auf gut Glück – das geht heute nicht mehr», sagt Kiki. «Ich sehe mich als Unternehmerin.»

Vor der Abreise in die USA schreibt sie Baschi eine E-Mail. Sie ist auf der Suche nach einem Studio, um Demoaufnahmen zu produzieren. Der Sänger ist begeistert von den Plänen und dem Stil. Gemeinsam mit Phil Merk, Baschis Produzent, entstehen im Studio Rebel Inc. in Möhlin zehn Songs. Die Texte und Noten hatte Kiki bereits im Gepäck. Zu dritt hätten sie dann an den Melodien gebastelt und gefeilt, erinnert sich Kiki: «Wir nahmen teilweise einen Song auf pro Tag. Das ist fix. Baschi konnte sich gut auf mich einlassen.»

In ihren Liedern geht es um Freundschaften («Friends»), Beziehungen («Hold Your Hand», «Don’t Steal My Man») und Gefühle («Perfect Day»), aber auch um Rassismus, den sie als Dunkelhäutige auch habe erfahren müssen («What If»). Die Ideen für ihre Songs kämen ihr im Alltag, sagt Kiki. In «Selfie» etwa besingt sie die Manie, sich immer und überall abzulichten und die Fotos ins Netz zu stellen.

Kiki Nam Nam: «Selfie»

Die zwölf Tracks auf «Kiki Nam Nam» sind süffig und radiotauglich. Kiki erinnert an Taylor Swift. «Das höre ich immer wieder und macht mich stolz», sagt sie. Das zündende Erlebnis habe sie aber mit 15 gehabt. Eine Freundin habe ihr eine CD von James Taylor geschenkt. Speziell «Carolina In My Mind», einer der grössten Hits des fünffachen Grammy-Gewinners, habe es ihr angetan. Später habe sie die Dixie Chicks entdeckt und gemerkt: Das ist ihre Musik. Einer ihrer Berater sei ihr guter Freund Christoph Schwegler, wohl der Country-Kenner hierzulande.

Neues Projekt: Indern die Schweiz gluschtig machen

Wer auf Dialekt singt, erhöht die Chancen, von den Radios gespielt zu werden. Doch auf Schweizerdeutsch zu wechseln, sei nie eine Option gewesen, sagt Kiki. «Ich kann mich auf Englisch besser ausdrücken. Es fühlt sich einfach richtig an.» Mit Blick auf ihre Karriere fügt sie an: «Auf Englisch versteht man mich auch in meiner ersten Heimat, in Indien.»

Indisch angehaucht ist auch das CD-Cover. Darauf prangt ein stilisierter Tiger in typisch indischer Ästhetik. Das Tier stehe für die Kraft der selbstständigen modernen Frau, sagt Kiki.
Trotz des Debütalbums: In diesem Jahr wird man Kiki nicht mehr live singen hören. Sie sei mit einem anderen Vorhaben beschäftigt: Sie will Indern die Schweiz näher bringen.

Diese Idee kam von ihrem Manager Lukas Moser, der unter anderem mit Gölä zusammenarbeitet. Das neue Projekt sei multimedial, sagt Moser. Kiki soll etwa in Videoclips Tourismus-Hot-Spots besuchen und den indischen Zuschauern Luxusprodukte und Bräuche aus der Schweiz näher bringen. Sie habe einen grossen Vorteil, sagt Kiki: «Ich kenne die Mentalität der Zielgruppe. Ich weiss, was die Inderinnen und Inder mögen!»

Zuerst war «Birdie Num Num!»

Ihr Künstlername ist nicht indisch, hat aber einen Bezug zum Land. Auf die Idee sei sie wegen des Films «The Party» gekommen (Deutsch «Der Partyschreck»). Im Streifen aus dem Jahr 1968 spielt Peter Sellers einen indischen Kellner. In einer Szene füttert er einen Vogel und sagt mit indischem Akzent (oder dem, was man im Westen dafür hält): «Birdie Num Num!» «Ich fand das unglaublich witzig», sagt Kiki. «Statt Birdie nahm ich Kiki. Kiki Nam Nam – das ist frisch und das vergisst man nicht.»

Auch ihr Stil habe einen Namen, fügt sie an. «Sun-Country, Spice-Country, oder ganz einfach: Country-Pop mit etwas Spice.»