Muttenz

Kindergarten betreut Diabetiker nicht – die Eltern fordern klare Regeln vom Kanton

Der fünfjährige Noah erhält von den Kindergärtnerinnen kein Insulin verabreicht – seine Eltern mussten die Kinderspitex aufbieten.

Vergangenen Sommer kam Noah* (5) in Muttenz in den Kindergarten. Seine Eltern hatten die Hoffnung, die Lehrkräfte würden sich um die speziellen Bedürfnisse ihres Sohnes kümmern. Denn Noah hat Diabetes.

Vor jeder Mahlzeit den Blutzucker mit einem Pieks in den Finger messen und gemäss einer Tabelle die Insulinpumpe einstellen, das hatten schon die Betreuerinnen der Spielgruppe problemlos erledigt. Deshalb würden das auch die Muttenzer Kindergärtnerinnen tun, dachten die Eltern.

Doch es kam anders. Speziell für Noah kommt jetzt jeden Tag die Kinderspitex in den Kindergarten, um ihm Insulin zu verabreichen. Denn die Schulleitung will nicht, dass die Lehrkraft das übernimmt. Für die Eltern ist das keine befriedigende Lösung. «Wenn Noah unterzuckert ist, muss man sofort eingreifen», sagt Vater Alexander Hänsler. Dann sei die Spitex aber vielleicht wieder weg, sagt Mutter Sabrina Blaser. Dass ihr Sohn immer einen guten Blutzucker habe, sei für sein Wohlbefinden wichtig, und es vermeide Langzeitschäden.

Wie alle Eltern wünschen sich Hänsler und Blaser, dass ihr Kind den Unterricht normal besuchen kann. Zum Beispiel soll es mitturnen können. Stattdessen befürchten sie jetzt eine unnötige Stigmatisierung. «Wenn sich nicht die Lehrkraft, sondern eine separate Pflegeperson um unseren Sohn kümmert, ist er als krankes Kind gebrandmarkt», sagt Blaser. Und die Spitex kommt nicht auf Ausflüge mit, später auch nicht in Schullager.

Rest der Klasse vernachlässigt

Das Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB) schult Lehrkräfte für den Umgang mit Diabetikern. «Wir müssen meist zuerst Ängste abbauen», sagt die Verantwortliche des Diabetesberatungsteams. Vor allem am Anfang brauche es viel Zusammenarbeit zwischen den Lehrkräften und den Eltern, so ihre Erfahrung. «Aber dann läuft es gut.» Und auch Noahs Eltern finden: «Es geht, wenn man will.»

Doch ob die Lehrkräfte willens und fähig sind, Blut zu entnehmen und Insulin zu spritzen, ist für die Muttenzer Schulleitung nicht die entscheidende Frage. Schulleiterin Marianna Hersche befürchtet nämlich, die Lehrkraft könne den Rest der Klasse nicht richtig beaufsichtigen, während sie täglich minutenlang mit Noah beschäftigt ist. Das sei für die anderen Kinder nicht zumutbar. «Sich um ein chronisch krankes Kind zu kümmern, ist nicht die Hauptaufgabe der Lehrpersonen», hält sie fest. Deshalb will sie nicht, dass Noahs Lehrperson ohne zusätzliche Hilfe seine Bedürfnisse abdeckt.

«Ich weiss, dass das für Noahs Eltern nicht befriedigend ist.» Aber für Hersche ist klar: Insulin verabreichen ist eine medizinische Handlung. Der Blutzucker könne stark schwanken. Um das zu erkennen, brauche es eine zusätzliche Person, welche die Symptome richtig deute und umgehend handeln könne. Deshalb wünscht sie sich vom Kanton klare Regeln im Umgang mit Diabetikern. «Sonst muss ich eine individuelle Lösung ohne klare Richtlinien finden, das widerstrebt mir.» Ihr schweben zusätzliche Aufsichtspersonen vor. Geregelt sein müssten dabei die Finanzierung und der Haftungsausschluss.

«In der Verantwortung der Eltern»

Auch Noahs Eltern wünschen sich klare Richtlinien vom Kanton. «Wir wollen nicht von der Gunst der Schule abhängig sein», sagt Hänsler. «Es soll nicht jede Gemeinde tun dürfen, was sie will.» Deshalb fordern sie einen verbindlichen Grundsatzentscheid, was genau die Pflichten der Schulen bei Diabetikern seien. Sowohl die Schulleitung als auch Noahs Eltern sind mit ihren Anliegen an den Kanton gelangt.

Eine Anfrage bei der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion (BKSD) zeigt, dass tatsächlich einiges unklar ist. So heisst es zur Abgabe von Insulin durch Lehrkräfte: «Es besteht keine Verpflichtung, aber auch kein Verbot.» Das müsse im Einzelfall entschieden werden, «je nach Befähigung und Bereitschaft der Lehrperson». Und zur Ablenkung der Lehrkräfte schreibt die Direktion, das Ausmass müsse sich in Grenzen halten, die Aufsichtspflicht dürfe nicht in Mitleidenschaft gezogen werden.

Weiter meint die BKSD: «Grundsätzlich liegt es in der Verantwortung der Eltern, soweit möglich ihr Kind zu befähigen, selbstständig die benötigten Medikamente zu sich zu nehmen.» Wer diese Aufgabe übernehme, müsse «im Schulalltag» geregelt werden. Allenfalls müssten die Eltern die Medikamente selber verabreichen. Für Eltern wie Hänsler und Blaser ist das aber keine Option, sie sind beide berufstätig. «Wir können doch nicht täglich zum Znüni da sein», sagt die Mutter.

Über 1000 Franken pro Monat

Nicht geregelt ist laut Kanton die Finanzierung von zusätzlichem Personal. Derzeit zahlt die Krankenkasse die Spitex für Noah, über 1000 Franken pro Monat. Wie lange noch, ist offen. Die Eltern wollen den Druck auf den Kanton erhöhen, die offenen Fragen zu klären. Sie wären auch bereit, bei der Erarbeitung einer Lösung mitzuwirken. Die BKSD ihrerseits erklärt, man sei «bestrebt, aktuelle Handlungsanleitungen und Unterstützungsmaterial zur Verfügung zu stellen». Diese würden stets überarbeitet und ergänzt.

In Fachkreisen ist umstritten, ob die Schulen verpflichtet werden sollen, sich um Diabetiker zu kümmern. Der Verein Swissdiabeteskids, der Familien berät, hat rechtliche Schritte erwogen, das zu erreichen. Auch in Online-Foren ist dieser Wunsch weit verbreitet. Kritischer ist Priska Giger, Geschäftsleiterin von Diabetesregionbasel: «Richtlinien helfen noch nicht bei der Umsetzung, wie der Fall konkret gehandhabt wird.» Separates Personal für ein Kind anzustellen, hält sie für «übertrieben». Andererseits dürften sich die Schulleitungen nicht drücken mit der Begründung, sie hätten nicht genug Ressourcen. Ihr Fazit: «Man muss an einen Tisch sitzen und gemeinsam eine Lösung finden.»

In Muttenz ist Noah der erste Diabetes-Fall, der zu Kompetenzschwierigkeiten führt. Die BKSD sieht keinen Handlungsbedarf und schreibt: «Man kann davon ausgehen, dass die meisten Situationen zwischen Schule und Eltern zufriedenstellend gelöst werden können.» Das könnte sich ändern. Bisher fiel die Diagnose Diabetes meist erst in der Pubertät, wo ein weitgehend selbstständiger Umgang damit möglich ist. Doch in den vergangenen Jahren hat die Anzahl der Diabetiker im Kindergartenalter zugenommen. Ein Fall wie Noah ist vielleicht bald die Regel, nicht die Ausnahme.

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