Reformierte

«Kirchgemeinden werben kaum für die eigene Kirche»

Peter Schmid ist zuversichtlich, falls die reformierte Kirche die Empfehlungen seiner Kommission befolgt.

Peter Schmid ist zuversichtlich, falls die reformierte Kirche die Empfehlungen seiner Kommission befolgt.

Zum ersten Mal seit 20 Jahren hat die Reformierte Kirche Baselland wieder eine Visitation durchgeführt. Peter Schmid hat über die Zurückhaltung der Kirchgemeinden gestaunt, als er diese durchleuchtete

Die Visitation ist ein in der Kirchenverfassung vorgeschriebenes Instrument, mit dem periodisch das Innenleben der Kirche eruiert wird. So wurden in den vergangenen zwei Jahren alle 35 Kirchenpflegen, kirchliche Fachstellen und Spezialpfarrämter, Konfirmanden, aber auch Wirtschaftsvertreter im Kanton Baselland befragt. Zudem konnten sich die Kirchenmitglieder elektronisch äussern, wobei nur 1310 der derzeit 91 000 Mitglieder von diesem Recht Gebrauch machten. Die von der Synode gewählte Visitationskommission unter Leitung von alt Regierungsrat Peter Schmid verarbeitete die Antworten zu einem Bericht und reicherte diesen mit Handlungsempfehlungen an die Kantonalkirche und die Kirchgemeinden an. Schmid sagt im Interview, wo seine Kommission Handlungsbedarf sieht.

Herr Schmid, Sie sind mittlerweile wahrscheinlich einer der besten Kenner des Innenlebens der Reformierten Kirche Baselland. Was war Ihre überraschendste Erkenntnis während der Visitation?

Peter Schmid: Der überraschendste Punkt war, dass viele Kirchgemeinden darauf verzichten, aktiv neue Mitglieder oder Ausgetretene für den Wiedereintritt zu gewinnen. Diese starke Zurückhaltung gegenüber der Werbung für die eigene Kirche habe ich, obwohl ich die Kirche gut kenne, so nicht erwartet. Auch nicht erwartet habe ich die dahinter stehende Verbindung mit einem veralteten Missionsverständnis, wonach Werbung so etwas wie ein kolonialistischer Übergriff sein könnte. Dass man sich in der heutigen Zeit in so geringem Masse fragt, wie modernes Werben für die eigene Sache aussehen könnte, ja das hat mich überrascht.

Sie sprechen in Ihrem Bericht von anspruchsvollen Herausforderungen, denen sich die Reformierten stellen müssen. Was sind die wichtigsten?

Ein Ranking ist schwierig, aber zu den grossen Herausforderungen unserer Gesellschaft bezogen auf die Kirche gehören Individualismus, religiöser Pluralismus und Flexibilisierung. Mit Letzterem meine ich zum Beispiel die Begleitung von Geburt, Tod und Eheschliessung, bei der die Kirche kein Alleinvertretungsanspruch mehr hat, weil es mittlerweile auch private Angebote gibt. Diese Konkurrenzsituation ist neu. Zur Flexibilisierung gehört auch die hohe Mobilität vieler Menschen. Der Wohnort ist nicht mehr identisch mit dem Arbeits- und Freizeitort. Selbst der Gottesdienstbesuch findet längst nicht zwingend in der eigenen Kirchgemeinde statt.

Und der Mitgliederrückgang?

Der hängt mit all dem zusammen. Und er wird weiter gehen. Es treten jedes Jahr ungefähr 500 Menschen aus der Reformierten Kirche Baselland aus; dazu kommen die Rückgänge durch Wegzüge und Todesfälle. Damit verbunden ist natürlich auch eine Veränderung der Finanzierungsbasis. Die grosse Herausforderung für uns ist auch, wie wir uns in diesem Umfeld eines eigentlichen Traditionsabbruchs bewegen wollen. Eines Bruchs wohlgemerkt, in dem auch biblisches Basiswissen immer mehr fehlt. So gilt in weiten Kreisen das «Unser Vater» heute als ein interessantes Gedicht, wird aber oft nicht mehr als christliches Gebet wahrgenommen.

Gibt es bei diesen Herausforderungen regionale Unterschiede?

Natürlich ist die Situation in Reinach nicht genau die gleiche wie in Rothenfluh, aber die Phänomene zeigen sich überall. Es ist also nicht so, dass im oberen Kantonsteil eine heile Welt besteht und im untern Sodom und Gomorra herrscht. Interessant ist, dass die Ergebnisse der Visitation im Kanton St. Gallen ziemlich ähnlich sind.

Liest man die Auswertung der Befragungen der Kirchenpflegen, so hat man den Eindruck, dass manche die Augen vor den Herausforderungen der Zukunft verschliessen. Täuscht dieser Eindruck?

Jein. Es ist eine paradoxe Situation. Der Eindruck täuscht insofern nicht, als dass viele Kirchenpflegen jeweils am Anfang einer Frage eine Tendenz wie den religiösen Pluralismus eher verneinten. Im weiteren Verlauf des Gesprächs kamen dann aber Folgerungen oder Handlungen zum Vorschein. Also man sagte, man spüre den Islam nicht wirklich, aber zehn Minuten später wurde berichtet, wegen dem religiösen Pluralismus sei die Schulweihnacht infrage gestellt. Offensichtlich wird mehr aus dem Empfinden heraus gehandelt, als aufgrund einer klaren Analyse und einer daraus abgeleiteten Strategie. Das ist ein genereller Eindruck der Befragungen.

Welchen Schluss ziehen Sie aus dieser Diskrepanz?

Das anspruchsvolle aktuelle Tagesgeschäft, also die Gottesdienste, der Religionsunterricht, die Jugendarbeit, die Seniorenferien oder der Altersausflug, bindet sehr viel Energie. Und es braucht eine zusätzliche Anstrengung, sich zu überlegen, wohin eigentlich das Ganze gehen soll. Darum ist auch eine unserer Empfehlungen, mal Abstand zu nehmen und sich zu fragen: Was ist unsere Stärke, was macht unsere Kirchgemeinde aus, worauf wollen wir verzichten? Man muss auch anspruchsvoller werden und deklarieren, dass man vielseitig begabte Leute für anforderungsreiche Kirchenpflege-Ämter sucht. Vielleicht macht man dabei sogar die Erfahrung, dass wirklich gute Leute kommen. Wir empfehlen dringend, dass jede Kirchenpflege einen strategischen Prozess auslöst.

Eine Herausforderung ist offenbar auch die Jugend. Die befragten Konfirmanden geben sich zwar ein ins Kirchenleben, aber kaum ist der Konfirmationsunterricht fertig, verabschieden sie sich von der Kirche. Was läuft hier falsch?

Ich glaube nicht, dass man einfach sagen kann, es laufe etwas falsch. Sonst könnte man ja den Fehler rasch korrigieren. Wahrscheinlich muss man von der Idee wegkommen, dass man die Jugendlichen immer bei der Stange halten muss und sich zugestehen, dass das nicht gelingt. Stattdessen könnte man befristete Angebote machen. Ein Beispiel: Man führt Jugendliche, die sich für so etwas gewinnen lassen, zusammen mit Gleichaltrigen aus Flüchtlingsfamilien, um einen Teil der Freizeit gemeinsam zu verbringen und den Flüchtlingskindern den Einstieg in unsere Gesellschaft zu erleichtern. Dabei soll erkennbar bleiben, dass es sich um eine Einladung der reformierten Kirche handelt. Wichtig dürfte auch eine zeitliche Befristung sein.

Kommen wir zurück auf die Kirchenaustritte. Auf Ihrer Empfehlungsliste steht auch ein Konzept für Kirchenwiedereintritte. Ist ein Kirchenaustritt nicht das Ende eines Prozesses, an dem die Leute nicht einfach wieder umkehren, wenn man ihnen ein bisschen «chüderlet»?

Es gibt verschiedene Arten von Kirchenaustritten. Beim analytisch begründeten Austritt ist es relativ einfach, denn man kann jemanden, der den Austritt etwa mit der Haltung der Kirche gegenüber den Gleichgeschlechtlichen begründet, mit Argumenten überzeugen. Wenn sich jemand nach intensiven Überlegungen für einen atheistischen Lebensentwurf entschieden hat, dann ist es auch einfach, weil der Fall klar ist. Aber wir haben eine andere Ausgangslage. Der grösste Teil der Austritte erfolgt diffus, so gibt man beim Wohnortwechsel einfach keine Konfession mehr an. Dort ist es schwieriger, denn das kann Gleichgültigkeit oder ein momentaner finanzieller Vorteil sein. Mit ein bisschen «Chüderle» ist es sicher nicht gemacht. Ich setze auf Begegnungen und halte es mit Angela Merkel: Wer Angst hat vor dem Islam, der soll es doch mit dem Christentum probieren. Die Kirchen in Deutschland haben übrigens eigene Eintrittsstellen. Auf der Seite des Berliner Doms steht zum Beispiel ein grosses Schild «Kircheneintritt». Als ich das zum ersten Mal sah, habe ich das Portemonnaie gezückt, weil ich meinte, ich müsse Eintrittsgeld in den Dom bezahlen. Die Frau, die dort sass, begriff zuerst die Welt nicht mehr und war dann etwas enttäuscht, als ich ihr sagte, dass ich schon Kirchenmitglied bin.

Sie empfehlen den Kirchgemeinden auch, ergänzende Finanzierungsquellen zu suchen. Das dürfte sehr schwierig sein, umso mehr Ihnen die Wirtschaft im Rahmen der Visitation weitgehend die kalte Schulter gezeigt hat.

Kirchgemeinden könnten etwa den Einwohnergemeinden für die familienergänzende Kinderbetreuung Räume oder Betreuungsangebote zur Verfügung stellen. Wir denken hier an solche Sachen und nicht, dass eine Gemeinde oder eine Firma einen Gottesdienst finanziert. Diese Diskussion muss man führen. Nicht ausgeschlossen sind auch Steuererhöhungen, die durch ein bestimmtes Angebot wie zum Beispiel die Begleitung von hochaltrigen Leuten begründet sind. Und was die kalte Schulter der Wirtschaft betrifft: Aus meiner Sicht würde es sich lohnen, den Kontakt mit der Wirtschaft nochmals aufzunehmen. Ich glaube, wir haben sie mit unserem Gesprächsangebot auch etwas erschreckt, weil sich ihre Vertreter das von der Kirche nicht gewohnt sind und das Missverständnis herrschte, dass sie sich persönlich glaubensmässig festlegen müssen.

Es ist zu erwarten, dass Sie mit Ihren Empfehlungen auch auf viel Ablehnung stossen und ein schwieriger Prozess bevorsteht. Was muss geschehen, damit Sie sagen können, der Riesenaufwand einer Visitation hat sich gelohnt?

Die Zusammenarbeit mit so unterschiedlichen Leuten, die sich überdurchschnittlich viele Gedanken zur Kirche gemacht haben, war schon einmal toll. Meine grösste Hoffnung ist nun, dass es in den nächsten fünf Jahren eine Projektorganisation mit den Kirchgemeinden und der Kantonalkirche gibt, die sich ganz ernsthaft bemüht, Schritt für Schritt unsere Handlungsempfehlungen umzusetzen. Wenn sie Ausdauer hat und wirklich dran bleibt, dann hat es sich gelohnt. Ich habe eine gewisse Zuversicht, weil sehr vieles von der letzten Visitation umgesetzt wurde. Eine Folge war unter anderem der Ausbau der Gottesdienstvielfalt und der Jugendarbeit.

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