Reionach

Klaus Endress bereitet seinen Rückzug aus operativem Geschäft vor

«Ich sehe die Firma als einen Baum»: Klaus Endress.

«Ich sehe die Firma als einen Baum»: Klaus Endress.

Der Baselbieter Messtechnik-Spezialist Endress+Hauser hat ein Rekordjahr hinter sich. Nun bereitet der Chef des Familienunternehmens seinen Rückzug aus dem operativen Geschäft vor. Das Unternehmen wird künftig von einem Nicht-Familienmitglied geführt.

Wir treffen uns an einem der wenigen schönen Tage auf der Dachterrasse des Endress+Hauser-Hauptsitzes Reinach BL. Zu unseren Füssen liegt das Industriequartier Kägen, Richtung norden die Agglo des unteren Birstals, im Süden die sattgrünen Höhen des Gempens und des Passwangs. Klaus Endress (64), Mitbesitzer eines der grössten Familienunternehmen der Schweiz, ist in aufgeräumter Stimmung, nicht nur wegen des Wetters. Dem Unternehmen, kurz E+H, geht es ausgezeichnet, er hat ein weiteres Rekordjahr hinter sich. Die auf Messtechnik spezialisierte Firma ist in ihren Bereichen meist Marktführerin oder mischt zumindest ganz vorne mit (vgl. Kasten).

Im vergangenen Jahr stiessen 500 Mitarbeitende zur Firma, jetzt sind es über 10 000 weltweit – 5000 allein in der Region Basel. 2012 machte E+H zwei Milliarden Franken Umsatz, die Eigenkapitalquote liegt bei gesunden 70 Prozent. Am kommenden Dienstag gibt die Firma weitere Geschäftszahlen bekannt.

Ein Nicht-Familienmitglied folgt

Auch noch etwas anderes stimmt Endress positiv: Seit kurzem ist klar, wer sein Nachfolger sein wird: Matthias Altendorf. Er ist zwar kein Familienmitglied, «aber durch und durch eigenes Gewächs», so Endress. Altendorf hat bereits bei E+H gelernt, ist schrittweise aufgestiegen und habe stets «einen tadellosen Job» gemacht, sagt der Noch-CEO. Altendorf ist Geschäftsführer des Werkes Maulburg in Süddeutschland, der grössten Produktionsstätte des Unternehmens. Er tritt 2014 an, Klaus Endress wird dann Verwaltungsratspräsident. Nein, es gebe keinen Kulturbruch, versichert Endress. «Er hat die Firmenkultur, deren Werte und Überzeugungen verinnerlicht.»

Kultur, Werte, Überzeugungen: Diese Begriffe ziehen wie ein roter Faden durch unser Gespräch. Hier spricht nicht nur der Unternehmer, sondern auch der politische Bürger Endress: Er kritisiert die Lohnexzesse einiger Manager und hat Verständnis, dass sich die Bevölkerung aufregt. «Zuerst dienen, dann verdienen», zitiert er den Leitspruch seines Vaters Georg H. Endress, der das Unternehmen vor 60 Jahren in Lörrach gegründet hatte. Doch trotzdem war er gegen die Minder-Initiative und war sogar im Gegner-Komitee. Diese Initiative verfehle das Ziel.

Und auch die 1:12-Initiative lehnt er ab. «Gut gemeint, falsch gedacht. Denjenigen, die wenig verdienen, geht es damit nicht besser.» Firmen würden Niedriglöhne ausgliedern, in andere Firmen, ins Ausland. 1:32 könnte eine vernünftige Grösse sein. Wir bei Endress+Hauser liegen weit darunter.» Doch es wäre zu simpel, Endress, Reinacher FDP-Mitglied, einfach in die rechte Ecke zu stellen. Es gibt auch noch den anderen Endress, den nicht unbedingt konventionell denkenden Unternehmer. «Ich sehe die Firma als einen Baum. Damit dieser leben kann, braucht er alle Teile, die Wurzeln, den Stamm, die Krone, die Blätter.»

Die Wurzeln sind Forschung und Entwicklung, der Stamm die Logistik und der Support, die Krone steht für Vertrieb und Service. Innerhalb des Baumes gibt es keinen Wettbewerb. Alle müssen zusammenarbeiten, damit der Baum überleben, noch besser: wachsen kann. Deshalb sind für Klaus Endress auch die Mitarbeiter, zufriedene und selbstständig denkende, so wichtig. «Wir haben hier die weltbesten Leute unseres Fachs. Aber es braucht das Umfeld, wo sie gedeihen können. Dem müssen wir Sorge tragen.» Für Endress steht fest: Zusammen sind sie noch besser. Weil die E+H-Gruppe so spezialisiert ist, wird in dieser Firma sehr viel «on the Job» gelernt.

Lieber Vielfalt statt Einfalt

Auch bezüglich Firmenstrategie sei von der Natur viel zu lernen. Die Vielfalt, wie sie die Natur kenne, sei ein gewaltiger Schutz. Wie sieht die Vielfalt der E+H-Gruppe aus? Diese bestünde zum Beispiel in den fünf verschiedenen Technologien im Bereich Durchfluss, den zehn Technologien bei der Füllstandsmessung, aus den Aktivitäten in sieben Schlüsselindustrien und in 125 Ländern.

«Die Natur bevorzugt Vielfalt, nicht Einfalt», sagt Endress halb im Scherz. Wenn er im kommenden Jahr vielleicht etwas kürzertreten werde, ist es für ihn klar: Er wolle wieder mehr hinaus in diese Natur. Mit dem Mountainbike, dem Hund, dem Pferd. Vielleicht gleich da drüben auf dem herrlich sattgrünen Gempen. Oder vielleicht auch ein wenig weiter weg.

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