Herr Leimgruber, hat es Sie überrascht, dass Pratteln für das Eidgenössische Schwingfest 2022 ausgewählt wurde?
Walter Leimgruber: Anfangs schon. Denn bisher haben Schwingfeste in Klein- oder Grossstädten stattgefunden, nie in der Agglomeration. Aber wenn das Eidgenössische Schwingfest den Anspruch hat, die durchschnittliche Schweiz zu vertreten, ist die Standortwahl folgerichtig. Denn die Agglo ist heute die prägende Wohnform der Schweiz, das zeigen die Statistiken deutlich. Man kann sagen: Wer die Schweiz kennen lernen will, muss in die Agglo gehen. Also sollte man den Schwingern sagen: Kommt alle hierher nach Pratteln.

Ist denn der Arbeiterort Pratteln Schweizer Durchschnitt?
Es kommt drauf an, was Sie als typische Schweiz betrachten. Es gibt eine Bilderbuchschweiz, mit Seen, Bergen und Kühen. Daneben gibt es die durchschnittliche Schweiz, die damit wenig zu tun hat. Sie ist entweder grossstädtisch, kleinstädtisch, dörflich oder eben Agglomeration. Schwierig zu sagen, welche Schweiz schweizerischer ist. Pratteln ist sicher nicht Bilderbuchschweiz. Aber es ist die Schweiz, wie sie heute existiert und der Lebensrealität eines grossen Teils der Bevölkerung entspricht. Und falls Sie den hohen Ausländeranteil Prattelns (37 Prozent, Anm. d. Red.) ansprechen: Gegenden mit tiefem Anteil haben häufig zu wenig Infrastruktur, um einen Riesenanlass wie ein Eidgenössisches durchzuführen, weil es dort an wirtschaftlicher Macht fehlt.

Volkskunder Walter Leimgruber

Volkskunder Walter Leimgruber

Werden die Schwinger aus der übrigen Schweiz bereit sein, sich einen Spiegel vorhalten zu lassen? Oder wollen sie eine Postkartenschweiz vorgespielt kriegen?
Das kann ich nicht voraussagen. Wir denken sicher nicht an Agglomeration, wenn wir von der Schweiz schwärmen. Denn wir lieben die Postkartenseite unseres Landes, das geht mir persönlich auch so. Handkehrum steht an Orten wie Pratteln die Infrastruktur des Landes, hier entsteht unser Wohlstand. Ein Nationalsport kann diese Lebenswirklichkeit vieler Menschen nicht ignorieren. Daher hoffe ich, dass es rund ums Prattler Fest eine Auseinandersetzung gibt, was die Schweiz ist und wo sie wie aussieht. Wollen wir die heile Welt, aber nicht die, die unseren Wohlstand produziert? Eine solche Sichtweise funktioniert nicht.

Werden solche Überlegungen zu den Schwingfunktionären durchdringen?
Das müssen Sie die Funktionäre fragen. Aber ich erinnere daran: Der Standort Aesch kam wegen der dortigen Bauern nicht zustande, also den Vertretern der ländlichen Schweiz. Wo die angeblich heile Welt ist, wollte man dieses Fest offensichtlich nicht haben. Also mussten die Funktionäre schauen, wo es überhaupt Platz für einen so gigantischen Anlass gibt. Das sind Orte wie Pratteln. Und Pratteln ist eine Chance, daran zu arbeiten, dass der Graben zwischen Stadt und Land nicht weiter wächst. Wenn Feste, die sich «eidgenössisch» nennen, eine Funktion haben, dann eben die, Verbindungen herzustellen. Hingegen verlieren sie ihre Bedeutung, wenn man sie nur braucht, um zu sagen: «Das sind die richtigen Schweizer, jene hingegen nicht.»

War das Schwingen immer so ländlich, wie es sich heute darstellt?
Urform aller eidgenössischen Traditionsanlässe ist das Unspunnenfest 1805. Die Stadtberner Patrizier organisierten es, nachdem die Oberländer nach der napoleonischen Ära ihre politischen Rechte wieder verloren hatten und ein Aufstand drohte. Man wollte die ländlichen Sitten und Gebräuche zelebrieren, um sich mit der Landbevölkerung zu versöhnen. Eigentlich wurde diese vorgeführt, ähnlich wie heutzutage Afrikaner mit Tanzvorführungen für Touristen. Feste dieser Art wurde im 19. Jahrhundert immer wieder eingesetzt mit dem Ziel, Gräben zwischen Stadt und Land zu überwinden.

 

Und wieso gibt sich das Schwingen heute als Hort des Konservatismus?
Am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert kamen die negativen Seiten der Industrialisierung zum Vorschein: Elend, Arbeitslosigkeit, eine politisch nicht integrierte Arbeiterklasse, Verstädterung, Verschandlung der Landschaft. Damals entstanden viele Organisationen, die die vorindustrielle Schweiz bewahren wollten, so auch der Eidgenössische Schwingerverband. Die Kluft zwischen liberalen Städten und konservativem Land war damals gross, ähnlich wie heute. Heute geht es um Globalisierung, Digitalisierung, Wissensgesellschaft. In einer solchen Situation ist es wichtig, Anlässe wie das Schwingfest einzusetzen, um die Verständigung zu fördern. Einen in Pratteln durchzuführen, geht in diese Richtung.

Wo würden Sie Pratteln bezüglich Traditionen positionieren?
Ich kenne die Lokalgeschichte Prattelns nicht im Detail. Aber in vergleichbaren Orten war es oft so, dass der Schwingverein, der Jodelclub oder ähnliche Vereine von Zuwanderern aus dem alpinen Raum gegründet wurden, die in den grossen Agglomerationen Arbeit gefunden hatten. Es gab vor hundert Jahren ein Nebeneinander von althergebrachten und neu gegründeten kulturellen Organisationen, geteilt in liberal, sozialistisch und konservativ. Erst danach, etwa in der Geistigen Landesverteidigung rund um den Zweiten Weltkrieg, pflegte man eine Grundharmonie, die jetzt wieder aufgebrochen ist.

Im Stadt-Land-Konflikt steht Pratteln heute zwischen Stuhl und Bank.
So geht es allen Agglomerationen. Man kann sie negativ definieren, als weder Stadt noch Land. Dann sind ihre Bewohner eine Art Mängelwesen. Man kann aber auch eine gute Kombination von beidem sehen. Viele Agglo-Gemeinden kämpfen mit ihrer Identität, weil sie zwischen stolzen Städten und stolzem Land zerrieben werden. Vielleicht sollten sie selbstbewusst sagen: Wir sind die Zukunft der Schweiz.

Wieso sollten die Organisatoren der Versuchung widerstehen, in Pratteln eine heile Schweiz hinzuzaubern, unabhängig vom Umfeld?
Kommen die Besucher mit der Vorstellung nach Pratteln, dass es hier grässlich sei, werden sie das Fest kaum geniessen können. Und es sollte auch nicht so sein, dass die Einheimischen das Gefühl haben, die Auswärtigen fühlen sich bei ihnen in Pratteln nicht wohl. Schwierig wird es höchstens mit den Eintrittskarten, denn Schwingfeste sind rasch ausverkauft. Man sollte dafür sorgen, dass die Bewohner von Pratteln und Umgebung welche kriegen.

Haben die Organisatoren einen Spielraum zwischen völliger Abschottung und völliger Offenheit?
Schwingfeste finden in einer kompakten Form statt, im Gegensatz zu Turn- oder Jodelfesten, die eine ganze Stadt in Beschlag nehmen. Aber man kann Akzente setzen, etwa mit einer Verpflegung, die nicht nur dem entspricht, was man an einem Schwingfest erwarten würde, oder beim Unterhaltungsangebot. Ich habe an Schwingfesten schon Cüpli-Bars gesehen. Man könnte sich schon fragen, ob so etwas an einen so traditionsbewussten Anlass gehört. Aber offenbar fühlte sich niemand gestört. An Schwingfeste gehen nicht nur Bergler und Bewohner von idyllischen Dörfern, sondern auch Städter, sogar Hipster, Leute, die das exotisch finden, was da läuft.

Bisher ging es bei der Diskussion um das Schwingfest in Pratteln immer nur um die Infrastruktur.
Das Organisationskomitee sollte einen Kulturverantwortlichen einzusetzen, der sich Gedanken macht, was die Wirkung des Anlasses auf die Einheimischen wie auf die Gäste ist. Er müsste sowohl die Region als auch das Schwingen gut kennen. So könnte er bei jedem geplanten Element die Frage stellen, wie man die Agglomeration optimal präsentieren und die Besuchenden einbinden kann.

Wie werden die Sponsoren auf einen Ort wie Pratteln reagieren?
Sponsoren haben natürlich immer Freude an idyllischen Landschaften. Aber wo steht die Wirtschaft? Nicht im 700-Seelen-Dörfchen ohne Gewerbe, sondern in Regionen wie Pratteln. Das sollte die geballte Wirtschaftsmacht der Region als Chance sehen. Wieso sollte sie am Schwingfest zurückstehen? Bankenverwaltungen oder grosse Industrieunternehmen stehen oft an Orten wie Pratteln. Immer so tun, als bestehe die Schweiz aus Dörfchen mit Kühen im Hintergrund, ist verlogen. Und für Coop, bisher ein Schwing-Sponsor, ist Pratteln sozusagen ein Heimspiel.

Ist das Schwingfest die Gelegenheit für ’put Baselbiet on the map’, also die Region in der Restschweiz bekannter zu machen?
Die Region Basel hat oft einen Minderwertigkeitskomplex. Wir sind geografisch am Rand, aber wirtschaftlich stark. Das darf man zeigen. Vielleicht reicht dazu eine gescheite Ansprache eines Regierungsmitglieds. Man darf merken, dass wir genauso Schweiz sind wie dort, wo es idyllische Berge hat. Das soll man offensiv und selbstbewusst demonstrieren. Neulich war in Skopje in Mazedonien, es war der Final des Uefa-Supercups. Die Stadt war voller Fussballfans aus Spanien (Real Madrid) und England (Manchester United). Tausende waren an einem Ort, wo es sonst keine Touristen gibt und sie nie hingegangen wären. Und sie sahen, dass die Menschen freundlich sind und das Land schön ist. Da lief ein ganzer Prozess ab. Wenn man in Pratteln so etwas schafft, hat man gewonnen.

Ist der Standort Pratteln eine Chance für die Schweizer Schwingwelt, sich von einer anderen Seite zu zeigen?
Ich fände es gut, wenn viele Leute aus der Umgebung, gerade auch Ausländer, hingehen, sodass es zu einer Kommunikation zwischen Einheimischen und Festbesuchern kommt. Letztere sollen merken, dass es hier genau so sympathisch sein kann, wie wenn man in einem Dorf ist. Ich sehe da eine Chance, ein realistisches Bild dieses Landes zu zeichnen und zu zeigen: Stadt und Land, Agglo und Idylle gehören zusammen; das eine ist nicht ohne das andere zu haben.