«Stealthing»

Kondom beim Sex abgestreift: Der delikate Fall der Baselbieter Richter

Es bestehen noch keine Gesetze, die das Abziehen des Kondomes in Unwissenheit des Sexualpartners verbieten. (Symbolbild)

Es bestehen noch keine Gesetze, die das Abziehen des Kondomes in Unwissenheit des Sexualpartners verbieten. (Symbolbild)

Im August 2017 bestellte ein heute 36-jähriger Mann aus Gelterkinden eine Escort-Dame zu sich nach Hause. Beim Sex entfernte er heimlich das Kondom. Die Baselbieter Staatsanwaltschaft klagte den Mann wegen Schändung an. Der Tatbestand geht von einer Widerstandsunfähigkeit beim Opfer aus, diese kann durchaus auch nur eine kurze Zeit durch eine Überrumpelung bestehen. Staatsanwältin Ludovica Del Giudice sprach im Januar 2019 im Baselbieter Strafgericht in Muttenz von einem klaren Angriff auf die sexuelle Integrität. Doch das Dreiergericht kam damals zu einem Freispruch. Als Begründung diente vor allem das sogenannte Analogieverbot: Strafbar ist nur, was gesetzlich eindeutig und klar verboten ist.

Es gibt noch keine Bundesgerichtsurteile

Es sei klar gewesen, dass es Sex nur mit Kondom gebe, befand das Strafgericht im Januar. Der Mann habe die Frau getäuscht; dies sei aber nicht strafbar. In der mündlichen Begründung verglich der Gerichtspräsident das Vorgehen inbesondere auch mit Fällen, bei denen etwa ein Partner seine HIV-Prophylaxe vernachlässige, ein Mann eine angebliche Unterbindung vorschwindle oder eine Frau heimlich die Pille absetze: Der Gesetzgeber müsse letztlich entscheiden, ob solche Täuschungshandlungen strafbar seien. Bundesgerichtsurteile gibt es zum Thema «Stealthing» bislang nicht.

Der Fall liegt nun beim Kantonsgericht. Die Staatsanwaltschaft hat den Freispruch weitergezogen. Stawa-Sprecher Michael Lutz bestätigt auf Anfrage, man wolle die offenen juristischen Fragen klären. Weitere Angaben möchte er nicht machen. Eine mündliche Hauptverhandlung gibt es nicht. Die zuständige Gerichtsschreiberin des Kantonsgerichtes bestätigte auf Anfrage, dass die Berufung im schriftlichen Verfahren behandelt und das Urteil anonymisiert veröffentlicht wird. Einen Zeitpunkt dafür nannte sie nicht. Trotz des Freispruchs hatte das Strafgericht in Muttenz den Mann zu einer Genugtuung von 2000 Franken an die Escort-Dame verurteilt. Zudem muss er die Verfahrenskosten von über 20'000 Franken übernehmen. Die Frau hatte sich nach dem Vorfall sicherheitshalber einer Postexpositions-Prophylaxe gegen HIV (PEP) unterzogen, auch für diese Kosten wurde der Mann schadenersatzpflichtig.

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