Gymnasium Liestal

Kontroverses Kunstprojekt: Schülerinnen hängen Abdrücke ihrer nackten Brüste auf

Im Gymnasium Liestal herrscht mächtige Aufregung um ein Kunstprojekt: Zwei Schülerinnen haben die Abdrücke ihres nackten Körpers auf Papier verewigt. Während sich einige Schüler daran stören, können die beiden Gymnasiastinnen und die Schulleitung die Aufregung nicht verstehen.

Zwei 18-jährige Schülerinnen des Gymnasiums Liestal haben im Rahmen eines Kunstprojekts zum Thema «Körper» den Abdruck ihrer nackten Körper auf Papier verewigt, wie «20Minuten» und «Blick» gestern publik machten. Seit zwei Tagen hängen die insgesamt 13 Bilder in einem grossen Rahmen an einer Wand im Schulhaus und sorgen für mächtige Aufregung. 

Vor allem Schüler des Gymnasiums stören sich an dieser Kunstform. Ein Gymnasiast erklärt gegenüber dem «Blick», dass er die Bilder zu explizit finde: «Es ist fragwürdig, warum sich zwei Schülerinnen ausziehen, um ihre Brüste auf diese Weise zu präsentieren. Kunstfreiheit hin oder her.»

Der Schüler fügt hinzu, dass die Bilder gerade im Hinblick auf die Kontroverse um das Tragen von Hotpants an der Schule widersprüchlich seien. «Der Abdruck nackter Brüste von Schülerinnen soll demnach völlig in Ordnung sein, aber mit Hotpants hat die Schule ein Problem», sagt der Gymnasiast.

Feministische Neuinterpretation 

Hinter dem Projekt stecken die beiden Kunstschülerinnen Caterina John und Christina Birrer. Auf Anfrage erklären sie: «Selbstverständlich verstehen wir, dass sich nicht jeder von unserer Kunst angesprochen fühlt. Wir sind aber an den verschiedenen Standpunkten interessiert.» Dennoch hätten sie nicht mit einer derartigen Aufregung um ihr Kunstprojekt gerechnet.

Denn in erster Linie wollten die beiden Gymnasiastinnen – nach dem Erfolg ihrer Ausstellung im Februar – ihre Kunst mit den Mitschülerinnen und Mitschülern teilen. Die beiden erzählen: «Diese Idee wurde von allen Seiten unterstützt und angenommen. Wir bekamen bisher immer positive Rückmeldungen.»

Mit ihrem Kunstprojekt nahmen die beiden Schülerinnen Stellung zu Yves Kleins Werk, welches 1960 in Paris – in der Galerie Internationale d'Art Contemporain – gezeigt wurde. Der Künstler liess Frauen auf seine Anweisungen Körperabdrucke erstellen. «Die Frauen bzw. Modelle waren dabei im Hintergrund und wurden als seine ‹Stempel› betrachtet», erklären John und Birrer. So interpretieren sie Kleins Schaffen wie auch Werke zeitgenössischer Künstler neu, um als Frau in der Kunst Subjekt statt Objekt zu sein.

Eine Provokation läge ihnen also fern. «Wir wollten Toleranz und Akzeptanz der Rolle der Frau in der Kunst ansprechen und zum Nachdenken anregen.» Im Prinzip freut es die beiden, dass ihr Kunstwerk besprochen wird – auch in den Medien. Sie fügen aber hinzu: «Jedoch finden wir es schade, dass unsere feministischen und emanzipierten Anliegen nicht im Vordergrund stehen.» 

Das Kunstwerk bleibt hängen 

Auch die Schulleitung kann den Wirbel um die Abdrücke nicht nachvollziehen. Auf Anfrage erklärt Rektor Thomas Rätz, dass er die Bilder als unproblematisch ansieht. Das Kunstwerk sei lediglich eine feministische Neuauflage von Yves Kleins Werk.

«Die Schülerinnen wollten eine Neuinterpretation schaffen, bei der sie selbst die Regeln definierten» berichtet Rätz. So bestimmten sie alles selbst und schrieben zu den Bildern eine kritische Textarbeit, in der auch zeitgenössische Kunstschaffende befragt wurden. Rätz ergänzt: «Es ist ein handwerklich und inhaltlich herausragendes Werk. Es passt auch ausgezeichnet zur Architektur des Schulhauses, welche zur Zeit von Kleins Körperdrucken entstanden ist.»

Nichtsdestotrotz kann der Rektor verstehen, dass sich Schülerinnen und Schüler fragen könnten, was die Aussage des Werks ist. «Ich erwarte aber von unseren Lernenden, dass sie ihre Fragen stellen, diskutieren und sich erst dann eine Meinung bilden», meint Rätz. Wäre dies geschehen, hätten die Schülerinnen und Schüler gemerkt, was alles dahinterstecke. In diesem Sinne sei das Ganze eine Aufregung, weil man sich nicht informiert habe, so Rätz. 

Obwohl sich laut «Blick» rund ein Dutzend Gymnasiasten bei einem Geografielehrer über die Bilder beschwert haben und das Anliegen der Schüler an die Schulleitung weitergeleitet wurde, bleibt das Werk hängen, wie Rätz berichtet: «Kunst soll und darf kontrovers sein und kontrovers diskutiert werden.» Neben dem Bild soll aber eine Beschreibung aufgehängt werden, die den Werdegang, die Überlegungen und die kunstgeschichtlichen Aspekte erklärt. 

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