Ein 104-jähriger Australier stirbt in der Schweiz – und die ganze Welt schaut hin. Der Fall des David Goodall, der im vergangenen Mai ins Baselbiet reiste, um mit der Hilfe der Sterbebegleiterin Erika Preisig und ihrer Organisation Eternal Spirit in Liestal aus dem Leben zu scheiden, geschah unter Blitzlichtgewitter und maximalem Medienrummel.

Aufmerksamkeit bedeutet allerdings nicht Akzeptanz. Dass Sterbehilfe noch weit entfernt ist, breit akzeptiert zu sein, zeigt sich unter anderem daran, dass nur gerade in den drei Westschweizer Kantonen Waadt, Neuenburg und Genf Spitäler sowie Alters- und Pflegeheime gesetzlich verpflichtet sind, unter bestimmten Voraussetzungen Sterbehilfsorganisationen Eintritt zu gewähren. Ohne diese Verpflichtung lehnen die meisten Schweizer Spitäler Sterbehilfe in ihren Räumlichkeiten ab. Bei den Heimen schwankt es stark je nach Trägerschaft.

David Goodall: Bis fast zuletzt wollte er die Medien dabeihaben

David Goodall: Bis fast zuletzt wollte er die Medien dabeihaben

Alles andere als ruhig ging es in den Räumlichkeiten der Sterbehilfeorganisation Eternal Spirit in Liestal zu und her. David Goodall starb am Mittag im Beisein von Familienmitgliedern. Bis fast zuletzt begleitete ihn eine Gruppe von Journalisten aus aller Welt. 

Thema ganzheitlich angehen

Nun könnte Baselland als erster Deutschschweizer Kanton dem Westschweizer Vorbild folgen. Die Sicherheitsdirektion (SID) erarbeitet derzeit eine Vorlage zur im Juni 2018 überwiesenen Motion von SVP-Landrat Hans-Urs Spiess. Das Spezielle: Die Motion fordert eigentlich bloss, gesetzliche Grundlagen zu schaffen, um Sterbehilfsorganisationen an den Kosten der vorgeschriebenen strafrechtlichen Untersuchungen eines jeden Falles zu beteiligen.

Recherchen der bz zeigen jedoch, dass die Regierungsvorlage viel umfassender sein wird: «Inhaltlich werden wir das Thema ganzheitlich angehen. Sollten gesetzliche Grundlagen in diesem Zusammenhang angepasst werden müssen, wird die Vorlage auch diesem Aspekt Rechnung tragen», schreibt SID-Sprecher Adrian Baumgartner auf Anfrage. So weit, so schwammig.

Motionär Spiess aber sagt: «Ich wäre der Erste, der die Lösung Waadt begrüssen würde, und habe die Regierung explizit gebeten, alles zu berücksichtigen und meine Motion nicht zu eng auszulegen.» Und das Mitglied der Justiz- und Sicherheitskommission ergänzt: «Nachträglich war es vielleicht ein Versäumnis, in meiner Motion nicht direkt das Modell Waadt zu fordern, doch springt die Regierung nicht darauf an, werden wir es in der Kommissionsberatung tun.»

Skepsis in Basel-Stadt

Und Spiess ist nicht allein. Auch Klaus Kirchmayr, immerhin Chef der Grünen/EVP-Fraktion, unterstützt das Anliegen: «Ich bin dafür, dass Sterbebegleitungen in Pflegeheimen und Spitälern möglich sind. Ich bin für ein Modell Waadt.» Kirchmayr hofft, dass die parlamentarische Behandlung der Motion in diese Richtung geht. «Andernfalls reiche ich einen entsprechenden Vorstoss ein», sagt er. Laut der SID wird die Regierungsvorlage in der zweiten Hälfte 2019 präsentiert.

In Basel-Stadt gab es die politische Debatte bereits: Im Herbst 2015 scheiterte eine Motion von Luca Urgese (FDP) mit nur einer Stimme Unterschied knapp. Das Basler Gesundheitsdepartement hält auf Anfrage fest, dass «wir nach wie vor dagegen sind, Heime oder gar Spitäler zu zwingen, Sterbeorganisationen im Haus tätig werden zu lassen». Im Kanton Solothurn hat sich diese Haltung ebenfalls durchgesetzt.

Auch die Gesundheits-Institutionen selbst sind skeptisch. «Das Kantonsspital Baselland anerkennt und respektiert, wenn schwerkranke Patienten ohne Aussicht auf Heilung den Wunsch nach assistiertem Suizid äussern», schreibt das KSBL zwar. Aber man verstehe sich primär als Institution, die die Gesundheit ihrer Patienten wieder herstellen wolle. Eine interne Ethik-Richtlinie halte deshalb fest, dass am KSBL grundsätzlich keine Suizidbeihilfe geleistet werde. Der Fokus liege auf palliativer Pflege.

Gemeinden wollen mitreden

Dasselbe betont auch das Basler Universitätsspital. Im Leitfaden für Mitarbeiter steht aber immerhin: «Patienten dürfen Besuch von Organisationen der Suizidbeihilfe erhalten.» Dies aber nur, wenn der Besuch einer bestimmten Person gelte. Das auf Altersmedizin spezialisierte Felix-Platter-Spital lässt ebenfalls keine Sterbehilfe zu. Der Wunsch werde aber auch nur etwa einmal im Jahr geäussert – dies bei 5000 stationären Patienten.

Bei den Altersheimen sieht es etwas anders aus. Laut dem Basler Gesundheitsdepartement gewähren zwei Drittel der Basler Heime den Sterbehilfsorganisationen Zugang. Der Baselbieter Heimverband Curaviva hingegen sagt: «Für unsere Mitglieder steht die palliative Pflege im Vordergrund.» Allerdings müssten sich sowieso die Gemeinden als Träger der Heime mit derlei politischen Forderungen befassen.

Ueli Kräuchi vom Baselbieter Gemeindeverband VBLG sagt dazu, dass noch keine einheitliche Haltung bestehe. Sollte sich die Motion Spiess aber tatsächlich auch um die Öffnung der Heime für Sterbehilfe drehen, so hält er fest: «Dann sollten wir auf jeden Fall frühzeitig vom Kanton involviert werden.»