Nachbarsstreit

Krieg und Frieden unter Nachbarn – «Sie sind beide 70, wollen Sie bis 90 weiterkärren?»

Die zerstrittenen Nachbarn aus Reinach decken sich seit vielen Jahren gegenseitig mit Strafanzeigen ein. (Symbolbild)

Die zerstrittenen Nachbarn aus Reinach decken sich seit vielen Jahren gegenseitig mit Strafanzeigen ein. (Symbolbild)

Nach sechs Jahren kam es vor dem Strafgericht zu einem Vergleich: Zwei zerstrittene Nachbarsehepaare in Reinach ziehen alle gegenseitigen Strafanzeigen zurück.

«Sie und ich haben etwas gemeinsam: Wir sind ältere Damen. Wollen Sie warten, bis die Eine stirbt, damit der Streit beendet ist?», fragte Gerichtspräsidentin Monika Roth die beiden Frauen am Mittwochmorgen im Strafgericht in Muttenz.

Eine direkte Antwort darauf gab es nicht, die 64-Jährige Angeklagte betonte, die 71-jährige Nachbarin habe im August 2013 grundlos mit den Streitereien angefangen und sie beschimpft. «Wir wollten von Anfang an Frieden machen, aber die 24-Stunden-Überwachung muss aufhören», beteuerte hingegen die 71-Jährige. «Sie sind beide um die 70, wollen Sie bis 90 weiterkärren?», fragte Roth daraufhin.

Die zerstrittenen Nachbarn aus Reinach decken sich seit vielen Jahren gegenseitig mit Strafanzeigen ein, mangels klarer Beweise wollte die Staatsanwaltschaft die Verfahren bislang jeweils einstellen. Diese Einstellungsbeschlüsse wurden aber teilweise schon bis vor Bundesgericht weitergezogen, beide Parteien dürften schon mehrere tausend Franken für ihre Anwälte ausgegeben haben.

Gegenseitige Foto-Attacken in Unterwäsche

Die zwei Ehepaare wohnen direkt nebeneinander in Reinach, direkte Blicke sind nicht nur in den Garten, sondern offenbar auch in den Hausflur möglich. So wirft die eine Frau der anderen vor, sie mit Blitz fotografiert zu haben, als sie in Unterwäsche durch den Gang aufs WC ging. Die andere Frau wiederum soll ihre Kontrahentin im Pyjama an der Terrassentüre fotografiert haben.

Regelmässig fielen böse Worte, wobei «Sauluder» noch zu den harmloseren Beleidigungen gehörte. Laut den Aussagen der beteiligten Frauen wurde auch nachts immer wieder geblitzt, um den Schlaf der Gegner zu stören. Der Satz «Wir haben Maschinenpistolen bekommen», markierte im März 2018 offenbar den Höhepunkt der Auseinandersetzungen und wurde als eindeutige Drohung verstanden. Umstritten ist auch, ob der Strahl des Gartenschlauchs die Farbe des Blumenkistchens auf dem gemeinsamen Kooperationsweg abblättern liess und deshalb als Sachbeschädigung einzustufen ist. Gegen die Ehemänner wurden sämtliche Verfahren bereits eingestellt, am Montag sassen lediglich noch die zwei Frauen als Angeklagte im Gerichtssaal. Die Gerichtspräsidentin wies die Frauen darauf hin, dass auch bei teilweisen Schuldsprüchen der Gegenpartei der Streit wohl weiter gehe.

Jetzt müssen sie sich in Ruhe lassen

Schliesslich liessen sich die beiden Frauen zu einem Vergleich überreden: Sämtliche Strafanträge werden zurückgezogen und beide Seiten verzichten künftig auf Beleidigungen, spionieren sich gegenseitig nicht mehr nach und halten das Nachbarsleben auch nicht mehr mit der Kamera fest. Der Vergleich beschäftigte das Gericht fast den ganzen Morgen. Einen Ruck gaben sich die beiden Frauen möglicherweise auch deshalb, weil Roth erwähnte, dass sie aus dem Aktenstudium den Schluss gezogen habe, dass die Aussagen beider Frauen nicht sonderlich glaubhaft sind.

Kurz vor dem Mittag unterschrieben dann die Streithähne mitsamt den Anwälten den Vergleich, dafür reduzierte das Gericht auch die Verfahrens- und Gerichtskosten. Die Anwaltskosten von mehreren tausend Franken tragen beide Ehepaare indes selber. «Sie können sich ja künftig ignorieren. Sie sind ja nur Nachbarn, nicht verwandt oder verschwägert», empfahl Roth zum Abschluss. Wie lange der ausgehandelte Friedensplan in Reinach hält, wird sich zeigen.

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