Amphibienzug

Kröten und Fröschen fehlt in diesem Jahr der Wetterkompass

Liebesspiel à la Erdkröte: Mehrere Männchen versuchen, das grössere Weibchen zu besteigen und für sich zu gewinnen.

Liebesspiel à la Erdkröte: Mehrere Männchen versuchen, das grössere Weibchen zu besteigen und für sich zu gewinnen.

Normalerweise ziehen Amphibien innerhalb weniger Tage in Massen von den Überwinterungsplätzen zu den Laichgewässern. In diesem Jahr ist alles anders: Ein Teil der Weiher ist voll Laich, andere sind leer. Eine Erklärung fürs Chaos könnte das Wetter sein.

In der Amphibienwelt herrscht heuer das blanke Chaos. So gibt es in der Region Weiher, die schon voll Laich sind, und in andern herrscht die totale Leere. Und das ohne geografische Logik, haben doch zum Beispiel im höher gelegenen und damit kühleren Läufelfingen zahlreiche Grasfrösche schon abgelaicht, während im wärmeren Pratteln Exkursionsteilnehmer am letzten Wochenende im Talweiher vergeblich nach Fröschen und Laich suchten. An andern Orten haben die Erdkröten vor den Grasfröschen zum Amphibienzug geblasen, obwohl es normalerweise genau umgekehrt läuft, und an gewissen Tümpeln warten die Erdkrötenmänner auf ihre Damen, die noch nirgends zu sehen sind. Auch das ist unüblich.

Der Startschuss fehlte

Von einem geordneten Amphibienzug kann dieses Jahr also keine Rede sein. Oder in den Worten von Urs Chrétien, Geschäftsführer von Pro Natura Baselland: «Es sind alles Schissdräggziigli unterwegs, aber kein rechter Umzug.» Wieso dies so ist, da muss Chrétien passen: «Ich habe nur Hypothesen, aber keine eigentliche Erklärung.» Eine dieser Hypothesen ist, dass in diesem Jahr der Startschuss fehlte. Und der sieht im Idealfall so aus: Auf eine kalte Phase folgt eine feuchte, relativ warme Wetterperiode, in der das Thermometer nachts nicht unter vier Grad sinkt. Dann machen sich in der Regel die Amphibien in Massen auf ihre Wanderung vom Überwinterungsort zum Laichgewässer auf, und zwar zuerst die Grasfrösche, dann die Erdkröten und Bergmolche und später die Feuersalamander.

In den letzten 15 Jahren schwankte der Beginn der Amphibienwanderung zwischen 14. Februar (2007) und 21. März (2006). Ähnlich chaotisch wie jetzt ging es nur vor drei Jahren zu, als der Amphibienspezialist Benedikt Schmidt nach ungewöhnlichen Wetterkapriolen von «einem Aufbruch nach Gutdünken» sprach. Während dies für die Tiere weiter nicht tragisch ist, bedeutet es für die Helfer einen grossen Zusatzaufwand. Denn sie können die Erdkröten und Konsorten nicht geballt innerhalb weniger Tage über die Strassen tragen, sondern müssen dafür mehrere Wochen investieren. Doch den Amphibien macht nicht nur die Zerschneidung ihrer Lebensräume durch Strassen, sondern auch Herbizide und die Pilzkrankheit Chytridiomykose zu schaffen.

Chrétien sagt dazu: «Das sind alles grosse Probleme mit Wechselwirkungen. Am wichtigsten ist aber auf weite Sicht, dass die Tierbestände nicht isoliert, sondern miteinander vernetzt sind.»

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