Nach 27 Jahren patrouilliert Rolf Fricker immer noch fast jeden Abend während drei bis vier Stunden teilweise bis Mitternacht an der Hauptstrasse in Wintersingen. Die Frösche, Kröten und Molche, die er findet, trägt er in einer Plastiktüte oder direkt auf der Hand auf die andere Strassenseite; dorthin, wo sich die Männchen an ihrem Geburtsort paaren und die Weibchen laichen wollen.

Es ist wieder Amphibienwanderungszeit in Wintersingen. Für Rolf Fricker und seine Frau Josy bereits seit fast drei Jahrzehnten. Vor 28 Jahren zogen die beiden in das Oberbaselbieter Dorf und wurden gleich von einer Nachbarin auf die vielen überfahrenen Frösche auf der Ortsdurchfahrt angesprochen.

«Ich war damals schon engagiert im Landschafts- und Naturschutz», erklärt Fricker, warum gerade er der Adressat war. Heute hat Fricker seine Leidenschaft zum Beruf gemacht und arbeitet selbstständig als Berater für naturnahe Gärten.

«Mensch ist der Natur verpflichtet»

Für Fricker ist der Mensch verpflichtet, die Natur zu schützen, weil er auf sie angewiesen ist. «Frösche sind auch Lebewesen», lautet seine Schlussfolgerung. Dabei gehe es ihm in erster Linie darum, die Amphibienpopulationen vor Ort als solche zu erhalten. Denn er sei sich sehr wohl bewusst, dass es unmöglich ist, «jeden Frosch und jede Kröte zu retten».

Dennoch gehen er und seine Frau abwechselnd Abend für Abend an der Strasse entlang und schauen und sammeln und tragen hinüber: «Es ist tragisch, wenn halb überfahrene Tiere an den Asphalt gefesselt noch zwei Tage lang leiden müssen, ehe sie zugrunde gehen.»

Gerade, wenn andere Menschen lieber den Abend gemütlich im Wohnzimmer verbringen, sind Frickers draussen unterwegs: Denn die Amphibien wandern besonders gerne im Regen bei fünf bis sieben Grad. Wenn es nachts geregnet hat, ist ein weiterer Kontrollgang morgens um sechs Uhr nötig.

Inzwischen hat Fricker genug Erfahrung, um zu wissen, welche Witterung die Frösche und Kröten wanderlustig macht. Anfangs versuchten Frickers, die Tiere mit Zäunen von der Strasse abzuhalten. Aber in der Ortschaft mit ihren vielen Einfahrten und Kreuzungen war ein durchgängiger Zaun unmöglich, sodass trotzdem immer wieder Tiere überfahren wurden.

«Schliesslich haben wir resigniert», gibt Fricker zu. «Der Aufbau des Zauns wurde einfach zu aufwändig.» Zudem nehme die Zahl der Amphibien beständig ab: Wo früher 500 Tiere die Strasse in Wintersingen überquert hätten, seien es heute noch rund 100.

Weniger Frösche, mehr Kröten

Besonders die Grasfrösche verschwinden nicht nur in Wintersingen: Ihr Lebensraum wird durch die Versiegelung zunehmend dezimiert. Und ihre Fressfeinde, besonders Katzen, nehmen im Siedlungsgebiet zu. Auch der sechs Zentimeter grosse Bergmolch, der in Hausgärten genügend Schlupfwinkel findet, ernährt sich von den Froschkaulquappen.

Der Molch nimmt deshalb mit der giftigen und für Katzen ungeniessbaren Erdkröte weiter zu; laut Fricker allerdings nicht stark genug, um die Amphibienpopulation zu retten. Denn auch die Erdkröten werden Opfer der Zivilisation. Allzu oft fallen sie in einen Gully, aus dem sie nicht mehr herausfinden.

Heute, ohne Zaun, fordern noch Warntafeln die Autofahrer zum Langsamfahren auf. «Es gibt Leute, die die Augen verschliessen», sagt Fricker im Hinblick auf die überfahrenen Tiere. Viele störten sich zwar daran. Doch die, die wirklich etwas dagegen tun, sind immer nur wenige.

«In Wintersingen sind meine Frau und ich die Einzigen», erklärt er. In dieser Aussage schwingt jedoch kein Vorwurf mit. Fricker weiss um die anstrengende Arbeit: «Während dreier Wochen sind unsere Abende belegt und wir können nur noch sehr kurzfristig planen.» Gehe das Ehepaar abends doch einmal aus, finde sich allerdings jemand, der für einmal aushelfe.