Muttenz

Kunsthaus Baselland: In den Träumen der Hunde findet die Welt zusammen

Lena Eriksson vor ihrer Zeichnung an der Fassade beim Kunsthaus Baselland.

Lena Eriksson vor ihrer Zeichnung an der Fassade beim Kunsthaus Baselland.

Lena Eriksson bespielt die Fassade des Kunsthauses Baselland in Muttenz mit einer monumentalen Zeichnung.

Wo eigentlich und wie findet die Zeichnung statt? Die Frage ist seltsam. Kann eine Zeichnung überhaupt stattfinden? Ist sie nicht ein einmal gefertigter Gegenstand, den wir bei Bedarf an die Wand hängen? Doch ganz so einfach ist es nicht: Schon der Biologielehrer hat uns ja erklärt, wie das Bild durch die Augen in unser Bewusstsein kommt. Eigentlich findet das Bild ja erst dort statt.

Die Frage stellt die Künstlerin Lena Eriksson. Die 49-Jährige zeichnet schon lange, schon seit ihrem Besuch der École cantonale des Beaux-Arts in Sierre und Sion. 1998 kam die Walliserin mit nordländischem Namen nach Basel – und blieb. Hier fand sie das Umfeld, das ihrer Kreativität entspricht. Von hier aus hat sie zahlreiche Reisen unternommen. Ihr haftet das Label der «Abenteuerreisenden» an, aber sie relativiert. Den grösseren Teil ihrer Zeit verbringe sie in ihrem Atelier, beim Zeichnen eben.

Kollektive Arbeit und formale Vielfalt

Eriksson schätzt die Einsamkeit des Ateliers, ist aber auch eine bedeutende Netzwerkerin in der Basler Kunstszene. Künstlerische Heimat sind ihr die Ammerbachstudios, die Künstlerinnen-Genossenschaft im Kleinbasel, wo sich generationenübergreifend Kreative der Stadt die Klinke in die Hand drücken. Eriksson hat auch eigene Räume geprägt, war Miterfinderin des mittlerweile etablierten Offspace Kaskadenkondensator, hat gemeinsam mit der Künstlerin Chris Regn von 2004 bis 2009 den Kunstraum Lodypop betrieben. Mit vier Co-Herausgeberinnen betreibt sie das Neulandmagazin, ein digitaler Ort für Kunst, kulturelle und politische Debatten.

Neben diesen Aussenstellen gibt es noch die eigenen Arbeiten. Auch diese sind geprägt vom kollektiven Austausch und dem fröhlichen Wildern durch die Formate: Installationen, Videos, Performances, Vermittlungsprojekte oder die Rolle als Gastgeberin. Für den Kulturteil der NZZ entwarf Eriksson von 2007 bis 2015 wöchentlich eine Zeichnung.

Neben dem Reisen, dem kollektiven Arbeiten und der formalen Vielfalt prägt ein anderes Element ihre Arbeiten: die Zeit. Viele Projekte sind auf Dauer angelegt. «Jack Indurian» zum Beispiel. Eine Serie, in der sie seit 2013 auf der ganzen Welt Motive mit einer Lochkamera festhält und diese gleichzeitig filmt.
Oder das Blog-Projekt «Monday 2 Monday»: Eriksson steht mit Fotos, Zeichnungen und Videos in Korrespondenz mit der thailändischen Künstlerin Varsha Nair in Bangkok, seit 2011, immer jeden Montag.
Oder, als drittes Beispiel, ein Projekt, das sie für ihre Heimatgemeinde Brig entwickelt hat: In Etappen wandert die Künstlerin vom Wallis über die Alpen ans Meer und hält die Reise zeichnerisch fest. Dabei gehe es ihr auch um die Entwicklung des öffentlichen Raumes, ein Thema, das sie als Dozentin an der Hochschule Luzern auch mit ihren Studentinnen und Studenten regelmässig angeht.

Vom Gotthard bis nach Usbekistan

Aber zurück zur Eingangsfrage: Wo und wie findet die Zeichnung statt? Ein konkretes Beispiel von Lena Eriksson schmückt derzeit die Aussenwand des Kunsthauses Baselland in Muttenz. Auf der riesigen Zeichnung treffen in einer Collage globale Räume zusammen, welche die Künstlerin bereist hat.
Unten auf der monumentalen Zeichnung eine Szene auf dem Gotthardpass, ein improvisierter Bratwurst-Grill, daneben die Madonna di San Gottardo. Oben steht das Motiv kopfüber. Es zeigt einen Mann, der eine riesige Plane ausrollt. Fotografiert hat die Künstlerin ihn in Taschkent, Usbekistan.

Zwischen der Madonna auf dem Gotthard und dem Markthändler in Taschkent schlafen zwei Hunde. So in die Collage platziert, sind sie vielleicht die Antwort auf die Frage, wo die Zeichnung stattfindet: in den Träumen der Hunde. Da finden der mythische Schweizer Passübergang und der Markt in Usbekistan zusammen. Aber das ist eine persönliche Interpretation. Schliesslich findet auch diese Zeichnung ganz individuell in jedem Kopf statt.

Eingeweiht wird sie heute Abend. Lena Eriksson hat Künstlerfreunde geladen, die Videos zum Thema Alltag zeigen. Stephan Wittmer präsentiert die hundertste Ausgabe seines Independent Art Magazine «957». Dazu gibt es eine Suppe nach lemusischem Rezept. Lemusa ist eine fiktive Insel, erschaffen vom Journalisten und Künstler Samuel Herzog. Aber das ist eine andere Geschichte.

Lena Eriksson: «Tag und Nacht frei halten». Vernissage, Donnerstag, 12. März, ab 18.30 Uhr. Kunsthaus Baselland.

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