Welchen Begriff haben Sie aus dem Nähkästchen gefischt?

Ines Goldbach: Einen sehr schönen, Glück.

Sie sind seit sechs Jahren Direktorin des Kunsthauses Baselland. Sind Sie glücklich in diesem Job?

Sehr. Es ist ein grosses Glück, sich mit Kunst beschäftigen zu dürfen. Diese Bereicherung an andere zu vermitteln, sehe ich als meine wichtigste Aufgabe an. Es kommen immer wieder mal Leute zu mir in die Ausstellung, die mir sagen: Wissen Sie, ich bin eigentlich ein Kunstbanause. Das sind gute Momente. Viele haben einen Bezug zu Kunst, Musik oder Literatur, aber andere wiederum brauchen vielleicht erst einen Türöffner. Dieser Türöffner möchte ich gerne sein. Ich möchte den Leuten mitgeben, dass sie nicht immer was wissen müssen, sondern auch mal auf ihr Bauchgefühl achten können.

Warum denken gewisse Leute, Kunst sei nichts für sie?

Vielleicht könnte man meinen, man müsse sehr viel wissen, um Kunst zu verstehen. Ich meine aber, es braucht vor allem Neugier und Offenheit. Schauen Sie, wir haben hier auch immer wieder Kindergärten oder Schulen zu Besuch. Es ist unheimlich schön, diese jungen Menschen zu beobachten, wie sie einfach drauflosgehen, schauen, fragen, sich einlassen. Sie fragen sich eben nicht, was will mir der Künstler oder die Künstlerin damit sagen? Die gehen einfach los. Zu dieser uneingeschränkten Offenheit müssten wir wieder mehr zurückkommen.

Sie haben selbst auch Kinder. In welchen Momenten lernen Sie von ihnen?

In sehr vielen. Kinder sehen oft Dinge, die man selbst im Trott gar nicht mehr sieht. Man denkt an dies und das, rennt zu Terminen, und all das am Wegesrand wird in der ganzen Hektik überhaupt nicht mehr gesehen. Die Kinder sehen das aber. Die sagen dann, ach, jetzt müssen wir aber erst die Blume noch genau angucken und noch mal schnell den Grashüpfer, erst dann geht es weiter. Auch ihr Umgang mit Sprache fasziniert mich. Ich finde das wunderbar, dieses Infragestellen von Begriffen. Zum Beispiel, wenn sie das Wort Muttermal hören. Dann fragen sie: Warum gibt’s kein Vatermal? Dergleichen. Das ist doch genau dieses Unverstellte und dadurch sehr Offene, das es auch sonst braucht.

Haben Sie manchmal selbst Mühe, sich auf etwas einzulassen?

Natürlich. Aber ich glaube, man muss auch mal abwarten können. Wie bei einem guten Wein, dem man ein bisschen Zeit geben muss. Man muss sich selbst Zeit geben können – Zeit mit einem Buch, mit einem Kunstwerk, einem Musikstück, einem Menschen. Es gibt Werke, die brauchen wirklich Zeit. Und es ist ein grosses Glück, wenn man sich diese Zeit einräumen kann.

Wie oft können Sie sich diese Zeit nehmen?

Ich versuche mir diese Zeit oft zu nehmen, nicht nur für die Kunst, auch für anderes. Für das Lesen zum Beispiel. Am liebsten lese ich abends, wenn alle im Bett sind und alles ein bisschen ruhiger wird oder auf meinen Zugfahrten von einem Ort zum anderen.

Und das Zugfahren? Ist das stressig oder erholsam?

Im Zug zu sein, ist für mich eine Form der Entschleunigung. Weil man dort Zeit hat und sich diese nehmen kann. Dinge können sich setzen, man kann lesen, einfach seinen Gedanken nachhängen und aus dem Fenster blicken. Manchmal schreibe ich auch. Sehr viele meiner Katalogtexte entstehen im Zug. Man ist für eine oder zwei Stunden mal ganz bei sich. Ich telefoniere nicht, sehe kaum E-Mails an. Von dem her sind das gute Momente.

Was ist für Sie Glück? Diese Entschleunigung?

Die Schweizer Künstler Peter Fischli und David Weiss stellten in einer Arbeit einmal die schöne Frage: Findet mich das Glück? Natürlich, man kann aus vielen Gründen mehr oder weniger Glück haben – wo und wie man lebt oder wo man hineingeboren wurde. Ich glaube aber auch, dass man ein Stück weit das Glücklichsein mitgestalten kann. Glück kann jeden Tag und an den unterschiedlichsten Orten zu finden sein. Manchmal muss man dem Glück Zeit geben und vielleicht auch lernen, es zu sehen.

Wie schaffen Sie das?

Ich versuche, die guten und glücklichen Momente, die ich geschenkt bekomme, so gut wie möglich zu geniessen. Wohlwissend, dass es auch ganz anders kommen kann. Das hat vielleicht auch was mit einer Einstellung zu tun. Man kann ein Essen geniessen, man kann das Zusammensein mit der Familie, mit Freunden, mit der Kunst geniessen. Ich versuche, diese Momente so gut es geht auszuschöpfen.

Welches waren die glücklichsten Momente in Ihrem bisherigen Leben?

Oh, da gab und gibt es so viele. Ich habe das Gefühl, das Glück hat mich in meinem Leben stets begleitet. Das ist eine grosse Bilanz. Das heisst nicht, dass es nicht auch Momente gab, die man auch als unglücklich bezeichnen kann. Aber es gibt so viele wunderbare Dinge. Kunst kann durchaus sehr glücklich machen, gesund zu sein ist ein Glück. Aber auch, dass ich mich hier einbringen und mit diesen Künstlern und Künstlerinnen arbeiten kann, meine Familie und Freunde. All das trägt zum Glück bei. Glück ist aber auch zu wissen, wenn es mal runtergeht im Leben, dann geht es höchstwahrscheinlich auch wieder rauf.