Sportanlagen

Kunstrasen-Experte Eric Hardman: «Granulat-Felder sind für mich gestorben»

Kunstrasen-Experte Eric Hardman hat die Empörungswelle kommen sehen, warnt aber gleichzeitig vor Überreaktionen.

Kunstrasenfelder zählen zu den schlimmsten Verursachern von Mikroplastik überhaupt. Das Gummigranulat wird durch Wind, Wetter oder Abnutzung weggeweht. Eric Hardman war beim Kanton Basel-Stadt 23 Jahre verantwortlich für sämtliche Sportanlagen. Heute bietet er mit seiner Firma Alternativen zu herkömmlichen Kunstrasenfeldern an. Für den Experten hat lange Jahre die nötige Sensibilität gefehlt. Dabei gebe es durchaus Alternativen. Hardman nennt etwa die Möglichkeit eines Winterrasens, der ebenfalls ganzjährig bespielbar ist. Ein Umdenken habe aber erst angefangen.

Herr Hardman, sind Sie ein Umweltsünder?

Eric Hardman: Ja, wenn ich tatsächlich konsequent Kunstrasenfelder bauen würde. Als Planungsbüro analysieren wir aber jeweils, ob ein Kunstrasen überhaupt nötig ist. Denn oft gibt es durchaus valable Alternativen. Ich sehe mich deshalb sogar eher als Retter des Naturrasens und als Verhinderer des Kunstrasens – selbst wenn ich Experte auf diesem Gebiet bin. Ein Kunstrasen macht aber nur in einzelnen Fällen Sinn. Und dann gibt es verschiedene Typen. Das weitverbreitete Modell mit Granulat-Füllung ist für mich aber gestorben.

Das ist für viele eine ganz neue Erkenntnis. Heute werden Kunstrasen plötzlich als «Umweltsünde» bezeichnet, weil Granulat als Mikroplastik in die Umwelt gelangen kann.

Diese Entwicklung überrascht mich nicht. Ich habe das schon lange kommen sehen. Es hat mich einzig erstaunt, dass es so lange gegangen ist. Man konnte schon vor 20 Jahren beobachten, dass bei der Schneeräumung von Kunstrasenfeldern ganze Haufen wegen des Granulats schwarz waren. Dieses ist dann einfach liegen geblieben und in die Umwelt gelangt.

Bei jedem solchen Kunstrasen in der Schweiz findet man in der Umgebung Mikroplastik. Wirklich problematisch wird es dann, wenn es in ein lokales Gewässer gelangt. Früher hatte man noch schlimmeres Granulat aus alten Lastwagenreifen, die Schwermetall enthielten.

Das Problem liegt auf der Hand. Warum hat man ihm lange zu wenig Beachtung geschenkt?

Es gab durchaus auch schon vor zehn Jahren Untersuchungen, die auf die Probleme hingewiesen haben. Es hat aber niemanden wirklich interessiert. Das ist zu vergleichen mit den Plastiksäckchen in Coop oder Migros: Vor zehn Jahren war ein Verbot noch für niemanden ein Thema. Die Zeit war nicht reif, die Sensibilität nicht vorhanden. Jetzt aber bricht das Thema fast wie eine Lawine über uns herein.

Dennoch: Auch heute noch liebäugeln viele Gemeinden damit, ihre alten Felder wieder mit granulatverfülltem Kunstrasen zu ersetzen.

Vielerorts fehlt es noch immer am nötigen Wissen. Viele Gemeinden sind mit dem Thema verständlicherweise überfordert. Sie bräuchten fachliches Wissen. Es gibt viele Plätze, auf denen man für das gleiche Geld einen neuen Winternaturrasen einrichten könnte, der statt 10 bis 15 Jahre rund 50 Jahre hält – ohne irgendwelche Umweltprobleme und der erst noch bis 800 Stunden im Jahr bespielt werden kann. Mittlerweile hat der Kunstrasen sogar ein derart schlechtes Image, dass er sogar dort, wo er sinnvoll wäre, abgelehnt wird.

Es entsteht heute fast schon ein Hass auf den Kunstrasen, obwohl er durchaus auch sehr gute Eigenschaften hat. An einzelnen Orten ist er das einzig Richtige. An viel mehr Orten aber ist er völlig unnötig. Deshalb ist es wichtig, dass man sich des Themas ernsthaft annimmt und die jeweils beste Variante sucht.

Welche Alternativen gibt es denn für Gemeinden, die viele Aspekte berücksichtigen müssen: Dorfvereine, Finanzen und dann auch noch Umweltanliegen?

Es gibt verschiedenste Möglichkeiten: Hat eine Gemeinde beispielsweise zwei oder drei Fussballfelder können diese alternierend genutzt werden, sodass sich einzelne Plätze zwischendurch erholen können. Hier wäre es eine Dummheit, einen Kunstrasen zu bauen. Eine Möglichkeit kann auch ein mobiler Kunstrasen sein, der nur im Winter auf einem Hartplatz ausgelegt wird. Dann stehen diese meist ohnehin leer.

Weil am Rhein hat sich gerade für einen solchen entschieden. Nur in einzelnen Fällen kommt man tatsächlich nicht um einen Kunstrasen herum. Sinnvoll wären im Vorfeld aber jeweils eine Benützungsanalyse und eine Begutachtung der gesamten Sportanlagen-Situation.

Stellen Sie denn nun tatsächlich bereits ein Umdenken fest?

Ich stelle durchaus ein Umdenken fest. Verschiedene Gemeinden lassen sich von uns beraten. Die Skepsis gegenüber Kunstrasen ist stark gestiegen. Es werden vermehrt Alternativen gesucht. Noch immer aber werden viel zu viele Kunstrasenfelder gebaut, wo auch Naturrasen möglich wäre.

Dann wird uns das Problem mit Kunstrasen-Granulat trotz der aufkommenden Skepsis noch länger beschäftigen.

Wir sind erst ganz am Anfang der Diskussion. Es ist nun ein erster Aufschrei in Gesellschaft und Medien zu hören. Die Unsicherheit bei Vereinen und Gemeinden ist jetzt erst recht gross. Sogar viele Planer sind überfordert. Sie setzen einfach um, was der Bauherr will. Man muss nun aber aufpassen, dass man keine Schnellschüsse macht und nicht plötzlich Kunstrasen-Verbote ins Auge fasst. Das wäre genauso sinnlos.

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Autor

Daniel Ballmer

Daniel Ballmer

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