Coronakrise

Langzeitarbeitslosigkeit droht: Arbeitsausfall für Ältere besonders prekär

Arbeitslose über 50 sind besonders durch Langzeitarbeitslosigkeit gefährdet.

Arbeitslose über 50 sind besonders durch Langzeitarbeitslosigkeit gefährdet.

In der Region Basel sind über 7000 Menschen arbeitslos; ein Drittel von ihnen ist über 50 Jahre alt. Regionale Verbände stehen wegen Corona vor neuen Herausforderungen – und Chancen.

Es ist unmissverständlich, was die Seco-Statistik vom März zeigt: Die tiefe Arbeitslosenquote von 2019 wurde durch Corona zunichtegemacht. «Momentan bekomme ich doppelt so viele Anfragen», erzählt Daniel Neugart vom Verband Save 50Plus Schweiz mit Sitz in Rheinfelden. Der 58-Jährige organisiert seit acht Jahren Workshops und Fachseminare für ältere Arbeitslose. Obwohl die Zahlen zeigen, dass Junge öfter erwerbslos werden, sind Arbeitslose über 50 besonders durch Langzeitarbeitslosigkeit gefährdet. «Die Coronakrise wirkt wie ein Booster des eigentlichen Problems», ist Neugart überzeugt und erzählt von verzweifelten Anrufen und Sitzungen, in welchen Tränen fliessen.

Im Zentrum der Kritik: RAV und politische Untätigkeit

Kritik übt Neugart an den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV), welche sämtliche arbeitsmarktlichen Massnahmen wegen der Pandemie eingestellt haben: «Arbeitslose fühlen sich wegen der ausfallenden Weiterbildungen erst recht im Stich gelassen.» Er selbst bietet weiterhin Sitzungen an – mit Masken, Desinfektionsmitteln und Schutzscheiben – wie er betont. Was zu Neugarts Freude momentan einen regelrechten Aufschwung erlebt, sind Beratungsgespräche per Videotelefonie und Trainings via E-Learning: «Die Krise bietet eine Chance für Ältere, ihre Ängste vor Digitalisierung und Technik abzubauen.»

Hauptsächlich richtet sich die Kritik des Verbandsgründers an die Politik. «Die Coronakrise zeigt, dass blitzartiges Handeln und die Ergreifung von Massnahmen möglich sind.» Noch immer werde dem Handlungsbedarf für eine Erneuerung der beruflichen Vorsorge und für das Vermeiden von Langzeitarbeitslosigkeit im Alter von Seiten der Politik zu wenig Beachtung geschenkt. Das ist der Grund, weshalb Neugart auf wirtschaftlicher Ebene kämpft: Er erlernt seinen Klienten Selbstvermarktungsstrategien, die zu Firmenkontakten und dann zu Anstellungsverhältnissen führen.

Mit anderen Mitteln, aber für dieselbe Problematik, macht sich Christian Fischer von Avenir 50plus stark. Der Verband wurde 2012 in Luzern gegründet; mittlerweile existieren Regionalgruppen in der gesamten Deutschschweiz. Fischer, der Co-Geschäftsführer in Basel, ist vom politischen Kampf überzeugt: «Gesetze sind unabdingbar, weil die Betroffenen ansonsten keine Basis für Klagen haben.»

Hoffen auf Änderung durch Ausgangssperre-Erfahrung

Seit 2015 hat Avenir 50plus zwei nationale Petitionen eingereicht; eine für altersunabhängige Pensionskassenbeiträge und eine gegen Altersdiskriminierung. Für Letztere, welche in Zusammenarbeit mit einer Allianz als Volksinitiative lanciert werden soll, hätte die Unterschriftensammlung im März begonnen. Wegen der Pandemie musste sie verschoben werden. Nebst der Überbrückungsrente wird auch ein Aussteuerungsverbot für über 50-Jährige diskutiert. «Und weil noch immer keine Massnahmen verabschiedet wurden, sind wir dem vorletzten Treffen mit dem Bundesrat ferngeblieben und haben protestiert.»

Die krisenbedingte Verzweiflung, die Save 50Plus entgegenschlägt, ist bei Avenir 50plus Basel noch wenig spürbar. Doch auch Fischer hat umdisponiert. Die sogenannten «Talks», das Herzstück des Verbandes im Rahmen der Selbsthilfe, können dank Videotelefonie weitergeführt werden. Dies sei elementar in dem von Frust und Existenzängsten geprägten Alltag. «Ich sehe eine Chance, dass die gesamtgesellschaftliche Erfahrung des Zuhausesitzens zu mehr Solidarität gegenüber Arbeitslosen führen kann.»

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