Strafgericht Baselland

Laut Strafgericht unvorhersehbar: Abwassertank in Schweizerhalle explodierte im Sommer 2015 überraschend

Ort des Schreckens: Das Werkgelände der Infrapark Baselland AG in Muttenz nach der Explosion. (zvg / Polizei Baselland)

Ort des Schreckens: Das Werkgelände der Infrapark Baselland AG in Muttenz nach der Explosion. (zvg / Polizei Baselland)

Die Explosion auf dem Werkgelände der Infrapark Baselland AG in Muttenz war heftig: An einem Juni-Abend im Jahr 2015 zerbarst kurz nach 19 Uhr ein Kunststofftank, rund 140 Tonnen an giftigen Chemikalien ergossen sich über das Gebiet.

Die Druckwelle beschädigte auch weitere Behälter in der Nähe mit anderen giftigen Chemikalien, ebenso wurden Leitungen zerstört, wodurch weitere 60 Tonnen schwermetallhaltige Abwässer ausliefen. Immerhin landete die Sauerei grösstenteils in der darunterliegenden Auffangwanne, und auch zwei Werksmitarbeiter konnten sich noch knapp in Sicherheit bringen.

Ein wässriger Sprühnebel verbreitete sich allerdings ebenfalls auf die angrenzende Rheinfelderstrasse, dort kamen zwei Velofahrer damit in Kontakt. Auch die Vegetation war danach mit einem weissen Belag aus pulverförmigem Natriummethansulfonat überzogen. Die Polizei sperrte die Strasse über zwei Stunden, bis die Feuerwehr eine Grobreinigung durchgeführt hatte und zumindest die Zusammensetzung der Stoffe klar war.

Vorbelastete Abwässer aus Spezial- und Agrochemie

Die Infrapark AG ist kein eigentliches Chemiewerk, hier werden von den umliegenden Firmen beispielsweise mit Schwermetallen vorbelastete Abwässer aus der Spezial- und Agrochemie angeliefert. Diese giftigen Abwässer werden dann vorbehandelt, sodass sie danach in die Industriekläranlage fliessen können. Die Anlage ist als Folge der Schweizerhalle-Katastrophe von 1986 entstanden, die Firma gehört zu Clariant.

So wurden im Juni 2015 seit mehreren Tagen zwei Flüssigkeiten in den Tank geleitet: Abfallschwefelsäure einerseits zusammen mit basischem Natriumcarbonat, Natronlauge und Natriummethansulfonat. Das Gemisch bildete Kohlendioxid, die Belüftungsventile waren geschlossen, der nicht für hohen Druck ausgelegte Kunststofftank explodierte.

Gestern musste sich der 54-jährige Betriebsleiter der Infrapark vor dem Strafgericht in Muttenz verantworten. Juristisch ging es um den Vorwurf der fahrlässigen Verursachung einer Explosion, Verstösse gegen das kantonale Umweltschutzgesetz und das Chemikaliengesetz.
Laut Staatsanwaltschaft hat der promovierte Chemiker angeordnet, einen ungeeigneten Tank zu benutzen. Auch habe der Tank keine richtige Umwälzanlage gehabt, sondern lediglich Kreisdüsen im Bodenbereich, so haben sich die Stoffe nicht richtig vermischt. Und auch die Lüftungsanlage war nicht gross genug dimensioniert: Der 54-Jährige habe aus Angst vor Geruchsbelästigungen der Umgebung gar das Lüftungsventil verschlossen. Dazu herrschten Aussentemperaturen von 30 Grad, all dies hat laut Staatsanwaltschaft zum gefährlichen Überdruck beigetragen. Die Vorwürfe hat sie in einer Anklageschrift über 23 Seiten hinweg ausgebreitet.

«Ich trage die Oberverantwortung»

Auf seine Kappe geht demnach auch die Anweisung, nicht von jedem angelieferten Stoff Proben zu ziehen, sondern lediglich einmal pro Woche ein Mischmuster zu vergleichen. Auch dies habe zusätzliche Unsicherheiten geschaffen, ob der Prozess plangemäss abläuft. Die Staatsanwaltschaft hatte zunächst auch drei andere Angestellte im Visier, diese Verfahren wurden indes eingestellt.

Der Betriebsleiter hatte zuerst die Aussage verweigert, danach dann schriftlich Stellung genommen. «Ich bin der Betriebsleiter, ich trage die Oberverantwortung», sagte er in der Gerichtsverhandlung diese Woche. «Er hätte für eine fachmännische Ausführung ohne Gefährdung oder Beschädigungen sorgen müssen», betonte Staatsanwalt Friedrich Müller.
«Verantwortung und Schuld sind nicht das Gleiche. Wir leben zwar in einer Risikogesellschaft. Basejumpen und andere Risikosportarten sind beliebt, aber gleichzeitig muss für jedes Unglück jemand verantwortlich gemacht werden», kritisierte Verteidiger Alain Joset.

Betriebsleiter wird freigesprochen

Das Dreiergericht kam schliesslich zu einem Freispruch: Die Hauptursache der Explosion bestand in der mangelnden Umwälzanlage, doch dies sei für den Mann nicht vorhersehbar gewesen. «Im Nachhinein ist man immer gescheiter», fasste Gerichtspräsident Daniel Schmid das Problem zusammen. Der Neutralisationsprozess dauere normalerweise 20 Stunden, danach müsse man nicht mehr mit einer Gasbildung rechnen. Eine Nachlässigkeit könne man dem 54-Jährigen damit nicht nachweisen. Dafür, dass angeblich ein ungeeigneter Tank verwendet worden war, fehlten laut Gericht schlichtweg die Beweise. Damit blieb für eine Verurteilung nichts mehr übrig.

Schmid betonte aber auch, es sei von der Staatsanwaltschaft richtig gewesen, die Sache vor Gericht zu bringen: Die Öffentlichkeit erfahre so mehr über die Hintergründe als bei einem simplen Einstellungsbeschluss. Die Staatsanwaltschaft kann gegen den Freispruch noch Berufung einlegen.

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