Patientendürre

Leere Sprechzimmer, volles Risiko: So gehen Hausärzte in beiden Basel mit Corona um

Empfängt Dreiviertel weniger Patienten in seiner Münchensteiner Praxis: Hausarzt Michael Vollgraff.

Empfängt Dreiviertel weniger Patienten in seiner Münchensteiner Praxis: Hausarzt Michael Vollgraff.

Umsatzeinbussen von bis zu 70 Prozent, Dreiviertel weniger Patienten pro Tag: Hausärzte in beiden Basel spüren die Coronakrise. Einige setzen vermehrt auf Telefonberatungen, andere helfen – gegen Bezahlung – in den regionalen Testcentern aus. Alle kämpfen.

Nachmittags wird es still. Dann sitzt Michael Vollgraff alleine in seiner Münchensteiner Praxis. «Ich habe meinen Angestellten nachmittags frei gegeben, da es für sie nicht mehr viel zu tun gibt», sagt der 55-jährige Hausarzt zur bz. Kein Wunder: Rund 75 Prozent weniger Patienten suchten dieser Tage seine kleine Praxis auf. Und Vollgraff ist kein Einzelfall. Wegen der Coronakrise bleiben die Hausarztpraxen in der Region zwar geöffnet, es ist ihnen aber gemäss bundesrätlicher Verordnung verboten, nicht dringend angezeigte medizinische Untersuchungen durchzuführen.

«Präventive Untersuchungen wie Routinekontrollen machen sonst den Grossteil unserer Arbeit aus. Diese fallen nun alle weg», erklärt Hanspeter Merz. Der Reinacher Hausarzt ist Präsident des Hausärztevereins Angenstein, dem rund 150 Mediziner aus beiden Basel angeschlossen sind. Er selbst könne den Rückgang noch nicht genau beziffern, bezeichnet sein Angebot derzeit aber trocken als «Schmalspurpraxis».

Schon 2000 haben sich in den Testcentern beworben

Alle Hausärzte erleben einen Rückgang, aber nicht überall ist er gleich gross: «Ich habe nur rund 30 Prozent weniger Konsultationen», sagt Stefan Kradolfer. Der Präsident des Hausärzteverbands beider Basel führt dies unter anderem auf die zentrale Lage seiner Praxis am Basler Picassoplatz zurück. Peripherer gelegene Einrichtungen hätten es deutlich schwerer, wie Kradolfer weiss: «Einige Kollegen beklagen Umsatzeinbussen von bis zu 70 Prozent.» In einem Fall habe ein Basler Hausarzt für sämtliche seiner zehn Praxisassistentinnen und zwei ärztlichen Helfer Kurzarbeit anmelden müssen. Der Verband schätze, dass mittlerweile zwei Drittel der Hausärzte Kurzarbeit eingeführt haben. «Wir empfehlen jedem, dies zu tun.»

Kradolfer selbst hat ein anderes Problem: Just per März habe er einen neuen Assistenzarzt eingestellt, den er nun vorfinanzieren müsse. «Deshalb musste ich einen Überbrückungskredit beantragen.» Ganz hilflos sind die Hausärzte der Coronakrise allerdings nicht ausgeliefert. Das neue Zauberwort heisst Tele-Medizin. «Wir beraten nun viel häufiger per Telefon», sagt Kradolfer. Auch Merz stellt eine Verschiebung fest. Und er weist auf etwas wichtiges hin: «Für Telefonkonsultationen gilt ja derselbe Tarif wie beim Besuch im Sprechzimmer.» Etwas anders sieht dies Vollgraff: «Ich berechne für einen Anruf längst nicht immer etwas, da Aufwand und Ertrag nicht stimmen.»

Dafür holt sich Vollgraff einen Zusatzverdienst in der Corona-Abklärungsstation in Münchenstein ab. «Ich liebe meinen Beruf und statt nichts zu tun helfe ich lieber aus – und verdiene noch etwas, sodass ich als Kleinpraxis überleben kann.» Kradolfer und Merz kommen für einen solchen Einsatz nicht infrage, da sie schon 64- respektive 66-jährig sind. «Schon 2000 Ärzte oder Praxisassistentinnen haben sich in Baselland für einen Einsatz in einem Testcenter beworben», weiss Merz. Es gäbe auch Abweisungen, allerdings meistens weil die gewünschten Daten nicht passten.

Manche meiden Hausarzt zu stark – mit bösen Folgen

Einen Vorteil haben Baselbieter Hausärzte gegenüber ihren Basler Kollegen übrigens: Sie sind weiterhin für die Grundversorgung mit rezeptpflichtigen Medikamenten zuständig. «Die Patienten mit Dauermedikamentationen kommen weiter zur Kontrolle», sagt Merz.
Andere, vor allem ältere Patienten kämen dagegen derzeit eher zu selten. «Der Altersschnitt meiner Patienten liegt bei 70 aufwärts. Ich sorge mich etwas, dass Gesundheitsprobleme, die bei regelmässigen Kontrollen harmlos sind, ohne diese plötzlich gravierender werden», sagt Vollgraff. Und Kradolfer liefert dazu das aktuelle Beispiel: «Erst heute morgen kam eine ältere Frau zu mir. Sie hatte seit fünf Tagen Schmerzen in der Brust, meldete sich aber erst jetzt. Die Diagnose: Herzinfarkt.»

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