Verkehrsschulung

Leiter Verkehrsinstruktion der Baselbieter Polizei: «Wir wehren uns vehement gegen das Elterntaxi»

Hanspeter Kumli instruiert eine Schulklasse und sagt, worauf es im Verkehr ankommt.

Hanspeter Kumli instruiert eine Schulklasse und sagt, worauf es im Verkehr ankommt.

Heute Montag beginnt im Baselbiet die praktische Verkehrsschulung: Hanspeter Kumli, Leiter Verkehrsinstruktion der Baselbieter Polizei, über Kinder im Verkehr.

Herr Kumli, worauf freuen Sie sich am meisten bei der heute Montag beginnenden praktischen Verkehrsschulung?

Hanspeter Kumli: Dass wir im Team diesen Mädchen und Knaben so viele Tipps und Empfehlungen wie möglich mitgeben können, damit sie sich sicher auf unseren Strassen bewegen können. Das ist mittlerweile doch eine recht schwierige Aufgabe.

Ihre siebenköpfige Equipe wird bis Mitte Juni rund 3000 Schülerinnen und Schüler aller vierten Primarklassen im Baselbiet instruieren. Wo setzen Sie die Prioritäten?

Defensives Verhalten, Respekt und Akzeptanz gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern – wir sind nicht alleine auf der Strasse –, verschiedenste Gefahrenquellen bei Vortrittsregelungen. Weiter thematisieren wir den toten Winkel. Falls in Gemeinden vorhanden, befahren wir dort Kreisel und zeigen die korrekte Ein- und Ausfahrt und wie man sich im Kreisel verhält.

Wo liegen erfahrungsgemäss die grössten Defizite der Mädchen und Knaben in diesem
Alter?

In der mangelnden Motorik. Das stellen wir je länger, je mehr fest. Dies erschwert später sicheres Fahren mit dem Velo. Wir geben den Kindern mit, dass sie niemandem etwas beweisen müssen. Sie sollen bei Unsicherheit oder Angst, eine Kreuzung zu überqueren, jederzeit vom Velo steigen dürfen, dieses schieben und auf der anderen Seite wieder aufs Rad aufsteigen können und weiterfahren.

Stellen Sie Unterschiede fest zwischen Kindern aus Agglo-Gemeinden und solchen, die auf dem Land aufwachsen?

Kinder im Speckgürtel oder in Stadtnähe sind sich den Verkehr gewohnt. Dort herrscht auf den Strassen von morgens bis abends Betrieb. Im oberen Kantonsteil können die Kinder zwar besser Velofahren, dafür «frötzen» sie umso mehr. Wir verzeichnen nicht weniger Unfälle, weil riskanter gefahren wird. Diesen Unterschied bestätigen uns auch Kollegen aus Basel-Stadt. Dort sind die Kinder das Radfahren weniger gewohnt, und teils dürfen sie das nicht einmal wegen der Eltern.

Welche Rolle spielen diese bezüglich Verhalten ihrer Kinder im Verkehr?

Das ist unterschiedlich. Wir können das beobachten, wie der Schulweg begangen wird. Eltern lassen ihre Kinder laufen, damit diese dort selbstsicher und verkehrsgewohnter werden. Und es gibt besorgte Eltern – aus was für Gründen auch immer –, die das bekannte Elterntaxi aktivieren. Dagegen wehren wir uns von der Polizei vehement.

Sind Eltern heute ängstlicher als früher?

Ja. Ob das eine reale Angst ist, kann ich Ihnen aber nicht beantworten.

Hat die Zunahme des Verkehrs einen Einfluss?

Ganz bestimmt. Und das können wir auch beurteilen. Vor 15 bis 20 Jahren gab es an Vor- und Nachmittagen noch Lücken mit verkehrsärmeren Zeiten. Heute setzt der Verkehr frühmorgens ein, verstärkt sich rasant und bleibt in der Regel bis nach dem Feierabendverkehr stets auf hoher Frequenz. Dadurch wird das Velofahren, vor allen in Agglomeration und Stadt, teils schon zu einer Herausforderung. Das stellen wir fest, wenn wir mit den Kindern Verkehrsschulung betreiben.

Sie haben als Verkehrsinstruktor langjährige Erfahrung. Wie beurteilen Sie die heutige Kompetenz von Primarschülern im Verkehr verglichen mit früher?

Ich behaupte, dass die Kinder heute viel wissen und auch viel können. Aber sie sollten es auch umsetzen können. Leider fehlen oftmals die Infrastrukturen, um das richtige Velofahren lernen zu können. In der Verkehrsschulung klappt es meistens tipptopp. Kinder fragen sich oft – bewusst oder unbewusst: Weshalb soll ich das nun so machen, wenn es andere anders tun? Vielmals appellieren wir an Erwachsene, dass alle Personen eine gewisse Vorbildfunktion haben oder wahrnehmen sollen. Dies wird aber leider nicht immer so gelebt, wie wir das gerne hätten.

Vor wenigen Jahren wollte die Baselbieter Regierung den Dienst Verkehrsinstruktion aus Spargründen massiv reduzieren, was jedoch scheiterte. Was hätte das für Folgen haben können?

Das war der traurigste Moment in meiner langjährigen Laufbahn bei der Polizei. Wir führten damals – Polizeileitung und Regierungsrat Isaac Reber wussten davon – mit vielen Landräten persönliche Gespräche, schrieben Schulleitungen und Schulräte im ganzen Kanton an und legten dar, was wir noch bieten können, wenn uns die Hälfte der Gelder gestrichen werden. Die praktische Verkehrsschulung hätten wir nicht mehr gewährleisten können.

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