Frau Wachtl, was ist das Thema?

Ich habe «Mut» gezogen.

Würden Sie sich selber als mutigen Menschen bezeichnen?

Ja. Ich habe zum Beispiel den Mut, Neues zu probieren und Dinge zu tun, die ausserhalb meiner Komfortzone liegen, und neue Wege zu gehen. Weniger mutig bin ich, wenn es um verrückte Sportarten geht.

Braucht es in Ihrer Tätigkeit als Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung Baselland viel Mut?

Mut nicht, eher Beharrlichkeit. Gleichstellungspolitische Anliegen haben es schwer, beispielsweise in den Parlamenten oder in der Wirtschaft. Es geht bei diesen Anliegen um Veränderungen und darum, die bestehenden Verhältnisse aufzubrechen. Das kommt nicht immer gut an. Besonders, wenn sie etwas kosten.

Wie steht es im Baselbiet um die Gleichberechtigung?

In den vergangenen Jahrzehnten wurde enorm viel erreicht. Beispielsweise hat die Erwerbsbeteiligung der Frauen stark zugenommen, auch in der Politik gibt es mittlerweile mehr Frauen. Und der Bildungsstand ist bei den jüngsten Generationen ausgeglichen.

Was sind die wichtigsten Meilensteine, die Sie erreicht haben bei der Fachstelle für Gleichstellung?

Ich bin seit knapp anderthalb Jahren die Leiterin. Das ist natürlich eine wahnsinnig kurze Zeitspanne, wenn es um Gleichstellungsanliegen geht. Wir haben aber intensiv daran gearbeitet, dass der Kanton die Lohncharta unterschreibt. Und sind stolz, das geschafft zu haben. Die Verwaltung wird nun eine Lohnanalyse durchführen. Auch haben wir eine neue regierungsrätliche Kommission, das «Sounding Board Gleichstellungspolitik BL», aufgebaut. Die ehemalige Kommission für Gleichstellung wurde 2015 mit dem Auftrag, ein neues Gefäss zu gründen, aufgelöst. Gestern hatte die Kommission ihre erste Sitzung. Es ist ein sehr vielfältig zusammengesetztes Gremium.

Was müsste sich noch ändern, damit Sie sagen könnten, dass Gleichberechtigung herrscht?

Die Arbeit wird uns definitiv nicht ausgehen (lacht). Ich könnte eine sehr lange Liste vorlesen. Aber wichtige Anliegen sind unter anderem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Vaterschaftszeit, die faire Verteilung von unbezahlter und bezahlter Arbeit, finanzierbare Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Lohngleichheit, Ehe für alle, eine ausgewogene Vertretung von Frauen und Männern in Führungspositionen, keine sexuelle Belästigung, Sexismus oder geschlechterspezifische Gewalt. Und dass Frauen und Männer, Jungen und Mädchen unabhängig von ihrer Herkunft oder sexuellen Orientierung in allen Lebensbereichen die gleichen Chancen haben.

Wie schaffen Sie es selber, Beruf und Familie zu vereinbaren?

In einem Gleichstellungsindex würden meine Familie und ich wohl sehr gut abschneiden (lacht). Mein Mann und ich haben ähnlich grosse Pensen und gleich viel Zeit mit den Kindern. Für uns ist das eine ideale Situation. Aber die Vereinbarkeit ist in der Schweiz extrem schwierig, besonders, wenn man auf Betreuungsplätze angewiesen ist, die viel kosten.

Von welchen anderen Themen der Gleichstellung sind Sie persönlich betroffen?

Von der fehlenden Vaterschaftszeit, als unsere Kinder zur Welt gekommen sind. Mein Mann konnte länger Ferien nehmen, aber das kann sich in der Schweiz nicht jeder leisten.

Ist Ihr Beruf auch im Familienleben spürbar?

Gleichstellung ist in meiner Familie ein wichtiges Thema. Es ist toll, wenn mein Achtjähriger geschlechtergerecht spricht, er sagt etwa immer «Lehrer und Lehrerinnen». Da Gleichberechtigung alle Lebensbereiche betrifft, stossen wir stets auf Themen, die wir diskutieren. Wir wundern uns beispielsweise, wenn wir den Spielzeugkatalog anschauen. Die Spielsachen sind so stark nach Geschlecht getrennt. Eigentlich sollten es einfach Kinderspielsachen sein.

Sie sprechen mit viel Leidenschaft über Gleichstellungsanliegen ...

Meine Begeisterung für das Thema hat im Soziologiestudium begonnen, als ich mich stark mit sozialer Ungleichheit beschäftigt und meine Lizenziatsarbeit zum Thema «Gender und Peacebuilding im Kosovo» geschrieben habe. Ich bin auch da hingereist und war beeindruckt vom Engagement der Frauen für die Zivilgesellschaft. Seither bin ich dem Thema treu geblieben – nach dem Studium habe ich hier bei der Fachstelle sogar ein Praktikum gemacht.

Und in der Zwischenzeit?

Ich habe in Bern und dann in Neuenburg gearbeitet. Beim Bundesamt für Statistik in Neuenburg war ich zuständig für das Monitoring der Nachhaltigen Entwicklung. Danach habe ich mich selbstständig gemacht und zu Querschnittsthemen wie Gleichstellung und nachhaltige Entwicklung Wissensvermittlung und Kommunikationsprodukte angeboten. Dadurch bin ich wieder bei der Fachstelle gelandet: Mit dem Gleichstellungsbericht Baselland, der 2016 erschienen ist und der die Gleichstellung im ganzen Lebensverlauf analysiert.

Nächste Woche ist Frauenstreik. Braucht es Mut, da mitzumachen?

Es sind auf jeden Fall mutige Frauen, die sich so stark engagieren. Der Frauenstreik ist ein starkes und klares Zeichen für Gleichstellung. Für uns als Fachstelle ist das sehr motivierend, dass sich so viele Menschen engagieren. Der 14. Juni nimmt zentrale Gleichstellungsanliegen auf, die ungelöst sind.

Streiken Sie selber?

Als Verwaltungsangestellte müsste ich freinehmen. Da ich aber Teilzeit arbeite, habe ich am Freitag sowieso frei.

Wo kann man Sie am kommenden Freitag, dem Tag des Frauenstreiks, antreffen?

Am Vorabend wird die Fachstelle mit der «Gruppe 14. Juni», die sich seit 1999 für Gleichstellung einsetzt, den Film «On the basis of sex» zeigen. Danach gibt es einen Vernetzungsapéro. Am Freitag werde ich ab 11 Uhr im Stedtli sein und am Nachmittag mit meiner Tochter und meiner Mutter am Grossanlass in Basel.

Was hält denn Ihre Tochter vom Streik?

Sie findet es super, dass alle lila tragen werden (lacht).