Prost Schildbürger!

Liegt im Wein tatsächlich die Wahrheit? Das Etikett behauptet zumindest nicht das Gegenteil – oder?

Der «Grenzgänger»-Wein von Christian Jäggi aus Biel-Benken sorgt bei kantonalen Ämtern für Kopfweh. (Archivbild)

Der «Grenzgänger»-Wein von Christian Jäggi aus Biel-Benken sorgt bei kantonalen Ämtern für Kopfweh. (Archivbild)

Eigentlich geht es nur darum, den Kunden nicht zu täuschen. Das zumindest sagen sie alle: das Baselbieter Amt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, der Baselbieter Regierungsrat, das Bundesamt für Landwirtschaft – und schliesslich sogar Brüssel und Paris. Allein diese Aufzählung zeigt, welches Ausmass an Bürokratie eine paar Worte auf der Etikette einer Weinflasche auslösen.

Doch der Reihe nach. Es gibt Schweizer Winzer im schweizerisch-französischen Grenzgebiet, Leimentaler, die Reben auf elsässischem Boden bewirtschaften. Das tun sie schon ziemlich lange, schliesslich gehörten die Regionen dies- und jenseits der Grenze einst zusammen, das Sundgau reichte bis an die Aare, kurzum: Das Leimentaler Rebgebiet ist älter als die heutige Grenzziehung. Das war 1815, als der Wiener Kongress Europa neu ordnete und auch die Grenze durchs Leimental zog. Damals ging es nicht um Ursprungsbezeichnungen, sondern um Pragmatismus für Landwirte und den Zoll. Was hat sich geändert? Die Bestimmungen zur kontrollierten Ursprungsbezeichnung aus dem Jahr 2010 und die Weinverordnung des Bundes.

Rebsorte und Jahrgang darf nicht auf die Etikette

Biel-Benken ist die grösste Rebgemeinde im Leimental. Hier entsteht ein geachteter Pinot Noir. Der Betrieb, der ihn produziert, kultiviert Reben in Biel-Benken dies- und in Leymen jenseits der Grenze, darum nennt er den Wein «Grenzgänger». Nun könnte man denken, dass allein der Name alle bürokratischen Vorgaben zur Verhinderung der Kundentäuschung aus Liestal, Bern, Paris und Brüssel erfüllt. Mitnichten! Dem «Grenzgänger»-Produzenten wurde beschieden, er müsse seine Etiketten umformulieren, die bz berichtete. Nicht der Name ist derweil Stein des Anstosses, sondern dessen Beschreibung. Auf dem Etikett müsse nämlich «Wein» stehen, ergänzt mit der Farbe, dem Produktionsland und der Herkunft der Rohstoffe. «Wein, rot, hergestellt in der Schweiz aus französischen Trauben» also. Tant pis?

Au contraire. Denn obwohl unser Winzer ganz genau weiss, welche Rebsorte er kultiviert (Pinot Noir), darf er diese nicht aufs Etikett schreiben. Und obwohl er genau weiss, in welchem Jahr er seine Trauben pflegte, erntete und zu Wein verarbeitete (zum Beispiel 2019), darf er diesen nicht aufs Etikett schreiben. Geschützte Herkunftsangabe – und die bedarf offensichtlich eines Staatsvertrags. Den gibt es etwa für Genfer Winzer, die Reben im benachbarten Savoyen bewirtschaften. Die Leimentaler hat man bei Vertragsabschluss anscheinend vergessen. Ausserdem geht es hier um lediglich drei Hektaren, dafür werden die Mühlen in Liestal, Bern, Paris und Brüssel nicht angeworfen.

Dem Kanton sind die Hände gebunden

Pascal Ryf ist überzeugt, dass es auch ohne Staatsvertrag gehen würde. Bereits 2017 reichte der Oberwiler CVP-Landrat eine Motion ein, ein Appell an den Regierungsrat, in dem kurz und knapp steht, dass das alles doch nicht sein könne. Die Antwort des Regierungsrats im vergangenen Monat, ähnlich kurz und knapp: Die bisherige Etikettierung stelle fürwahr keine Kundentäuschung dar, er wundere sich ja selbst, doch das Bundesgesetz verlange einen Staatsvertrag, was dem Kanton wiederum die Hände binde, allerdings gebe es durchaus Ermessensspielraum, darum sei eine Lösung in Sicht, die nun ausgearbeitet werde, die betroffenen Winzer würden informiert.

Die Motion liegt in der zuständigen Landratskommission zur Beratung. Sollte sie wie vom Regierungsrat beantragt abgeschrieben werden, würde Ryf die Sache an den Nationalrat weiterleiten. Müsste er auch, denn mit einer kantonalen Vorlage lässt sich kein Bundesrecht ändern. Es könne nicht sein, sagt Ryf, dass man von Wirtschaftsförderung spreche und einem innovativen Winzer Knüppel zwischen die Beine werfe.

Schweizerkreuze auf Fertig-Fondues

Auf Fertigfondue dürfen übrigens Schweizerkreuze prangen, auch wenn der Wein darin Industriewein aus dem Ausland ist, so regelt es eine Bundesverordnung. Dasselbe Swissness-Gesetz, von dem Wein explizit ausgeschlossen ist, erlaubt es Schweizer Landwirten auch, innerhalb eines Zehn-Kilometer-Streifens ennet der Grenze produzierte Kartoffeln, Äpfel und Getreide mit dem Suisse- Garantie-Logo zu deklarieren. Kundentäuschung? Nein, von Bern, Paris, Berlin, Wien, Rom und Brüssel so ausgehandelt.

Man könnte das Ganze als süffige Episode abhaken, über die da oben im Allgemeinen und die Beamtenschaft im Spezifischen fluchen. Doch wenn es nicht die Existenz von Weinbauern ist, die daran hängt, dann zumindest der Verkaufswert ihrer Weine. Vielleicht aber, schliesslich steht das ja so in jedem Werberatgeber, geschieht auch genau das Gegenteil. Denn «there is no such thing as bad publicity».

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1