Stadtentwicklung

Liestal streitet gerade über verdichtetes Bauen – das sagen die Experten

In Liestal tobt ein Streit um ein Bauvorhaben. Experten sagen, auf was es bei Verdichtungen ankommt und führen Beispiele an.

Verdichtetes Bauen ist seit über einem Jahrzehnt auf einer abstrakten Ebene unbestritten, weil es ein Mittel gegen den Landverschleiss in einem ohnehin schon zersiedelten Land ist. Im konkreten Fall jedoch kann es zu heftigen Kontroversen wie derzeit in Liestal führen. Was ist nun gutes verdichtetes Bauen, was schlechtes? Wo macht es überhaupt Sinn? Das wollten wir von drei Exponenten aus den Bereichen Architektur und Raumplanung im Baselbiet anhand von Beispielen wissen.

Wie heikel das Thema ist, zeigt die Reaktion von Margot Meier, Präsidentin der Sektion Basel des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA). Sie lässt nach einer Denkfrist wissen, dass sich ihr Verband nicht als Gremium sehe, das über Lösungen urteile. Deshalb nennt sie weder Positiv- noch Negativbeispiele, sondern flüchtet sich in Unverfängliches: Das Thema Verdichtung sei allgegenwärtig. Wichtig sei, dass die Verdichtung an den richtigen Orten stattfinde – das heisse: an zentralen, verkehrstechnisch gut erschlossenen Lagen.

Auch Kantonsplaner Martin Kolb will keinem Bauherrn auf die Füsse treten und windet sich vor der Nennung von schlechten Verdichtungsbeispielen. Dafür kann er aus dem Stegreif mehrere Positivbeispiele aus dem Ärmel schütteln. Interessant: Im Wohnbereich fällt ihm als erstes eine Überbauung aus den 1960er-Jahren ein – der Rheinpark beim Kraftwerk in Birsfelden. Kolb: «Der Rheinpark gehört zu den drei dichtest genutzten Arealen im Baselbiet. Ihn zeichnet aber nicht nur die bauliche Dichte, sondern auch sein grosser Grünraum aus. Ein solcher ist seither nirgends mehr im Kanton in dieser Qualität realisiert worden.»

Mit Kunstgriffen Grünraum schaffen

Als Top-Beispiel für einen verdichteten alten Ortskern, wo man nicht in die Höhe bauen kann, nennt Kolb Oltingen. Hier müsse man mit der feinen Klinge fast wie in der Chirurgie vorgehen, indem man Licht in die alten, dunklen Ökonomie-Teile bringe und sie so zu attraktivem Wohnraum umfunktioniere. «Das ist Oltingen absolut vorbildlich gelungen.»

Und für eine gemischte Nutzung nennt der Kantonsplaner das Dreispitz-Areal zwischen der neuen Fachhochschule für Kunst und Gestaltung und der Tramhaltestelle Freilager in Münchenstein als positives Beispiel. Auf diesem einstigen, reinen Gewerbeareal sei es gelungen, ein lebendiges Quartier mit einer guten Nutzung aus Wohnen, Gewerbe, Kulturellem und Bildung zu schaffen. Was es jetzt noch brauche, sei Grünfläche. Und diese hole man sozusagen heran, indem man eine Passerelle in die Grün 80 baue.

Ein ähnlicher Kunstgriff ist in Pratteln vonnöten. Wobei Kolb betont, dass diese Gemeinde eine Vorreiterin in Sachen verdichtetes Bauen sei. Aber um die neuen Hochhäuser fehle noch «das Lebendige und die Aussenräume». Das hole man nun nördlich der Bahngleise mit Parks im Rahmen der Bebauung des Buess- und Coop-Areals nach. Kolb hält fest: «Es reicht nicht, mit verdichtetem Bauen Hunderte von neuen Einwohnern unterzubringen. Zwingend ist auch Grünraum. Die grösste Schwierigkeit ist dabei, ein belebtes Quartier mit einem Mix aus Wohnen, Grünanlagen, Kinderspielplätzen und Treffpunkten wie eine Beiz zu schaffen.»

Keinen Sinn macht für Kolb, Einfamilienhaus-Quartiere an Hängen wie etwa am Schleifenberg in Liestal verdichten zu wollen. Alles ineinander «zu mosten», störe das Erscheinungsbild und bringe kaum mehr Einwohner. Überbauungen mit «sehr grossen» Wohnungen widersprächen ebenfalls dem Prinzip des verdichteten Bauens, auch bei hoher Nutzung des Bodens.

Pratteln und den Schleifenberg in Liestal erwähnt auch Ruedi Riesen, Architekt und Präsident des Baselbieter Heimatschutzes: «Wenn gute Ortsplanungen fehlen, wuchern die Bauzonen überall hin. Augenfällig sind die siedlungsplanerisch konzeptlosen Gewerbegebiete und zufällig gesetzten Hochhausbauten etwa in und um Pratteln.»

Wer hohe Rendite will, soll für Qualität sorgen

Zu «äusserster Vorsicht» mahnt Riesen mit Projekten in peripheren Zonen sowie in gut einsehbaren, geografisch und topografisch diffizilen Landschaftsräumen. Als diesbezügliches Negativbeispiel stehen für ihn neuere Quartiere am Schleifenberg. Eigentlich, so Riesen, weise die Baugeschichte seit Jahrhunderten den Weg: «Generell soll zu den Ortszentren hin verdichtet werden. Die Altstadt von Liestal, aber auch Oberbaselbieter Dörfer wie Oltingen stehen als Musterbeispiele dafür.» Und wie Kolb hält auch Riesen den Finger auf die Grünzonen: «Diese müssen quartierüberlappend eingeplant werden.»

Riesen bringt noch einen andern Aspekt ein. Weil Verdichtungen nicht nur eine bessere Nutzung des Bodens, sondern auch eine grössere Rendite brächten, plädiert er für mehr Qualität. Dies mittels Wettbewerben und einer fachlichen Begleitung bei der Umsetzung von Quartierplänen. Sonst komme es zu renditeorientierter Architektur mit «charakterlosen 08/15-Bauten wie am Weierweg in Liestal». Ein gutes Beispiel sei das Mittenza im Dorfzentrum Muttenz.

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Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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