Neuseeland

Lockdown am anderen Ende der Welt: Bubendörferin Andrea Baumann lebt im Corona-Musterland Neuseeland

Nur für Spaziergänge ging sie raus: Andrea Baumann auf der Terrasse ihres Reiheneinfamilienhauses.

Nur für Spaziergänge ging sie raus: Andrea Baumann auf der Terrasse ihres Reiheneinfamilienhauses.

Die Bubendörferin Andrea Baumann lebt im Corona-Musterland Neuseeland. Nur wenige Länder haben die Pandemie so gut im Griff wie Neuseeland. Sie ist nicht mit allen der strengen Massnahmen einverstanden.

Null aktive Fälle in der Bevölkerung, 25 Todesfälle insgesamt – so sieht die Covid-19-Zwischenbilanz Anfang November in Neuseeland aus. Nur wenige Länder haben die Pandemie so gut im Griff wie Neuseeland. Als abgelegener Inselstaat im Südpazifik hat das Land selbstredend entscheidende Vorteile. Und trotzdem gilt Neuseeland weltweit als Vorzeigemodell für die Bekämpfung des Virus.

Wie die fünf Millionen Einwohner die Krise meistern, erlebt die Baselbieterin Andrea Baumann hautnah mit. In Bubendorf aufgewachsen, wanderte sie 1999 als 31-Jährige ans andere Ende der Welt aus (siehe Kasten). Mittlerweile lebt sie in Orewa, einem Vorort von Auckland, der grössten Stadt des Landes. In ihrem Reiheneinfamilienhaus verbrachte sie die meiste Zeit während des ersten und zweiten Lockdowns. «Während des ersten machte die Bevölkerung gut mit», erzählt sie beim Besuch der bz. «Wie alle anderen auch, blieb auch ich die meiste Zeit zu Hause. Einzig für Spaziergänge in der Nachbarschaft und für Einkäufe ging ich nach draussen.»

Grenzen Neuseelands sind seit Monaten dicht

Die 52-Jährige ist selbstständig in der Heilkunde tätig. Sie ist sogenannte Body-Talkerin und arbeitet mit Patienten, die an Schlafmangel, Konzentrationsschwächen, Depressionen oder Burn-out leiden. Der erste Lockdown in Neuseeland, der im weltweiten Vergleich zu einem der strengsten gehörte und von Ende März bis Mitte Mai dauerte, sei gut verlaufen, privat wie beruflich, sagt Andrea Baumann: «Irgendwas im Haus gibt es ja immer zu tun.» Danach wurden die Massnahmen landesweit zurückgefahren. Einzig die Einschränkungen an den Grenzen blieben aufrechterhalten – auch heute noch wird mit Ausnahme von heimkehrenden Neuseeländern, Personen mit einer Niederlassungsbewilligung und Spezialisten niemand ins Land gelassen. In normalen Zeiten besuchen vier Millionen ausländische Gäste pro Jahr Neuseeland. Ein Grossteil von ihnen bleibt heuer aussen vor.

Dann allerdings der Schock Mitte August – ein Schock auch für Andrea Baumann: Nachdem es über hundert Tage keinen Fall in der Bevölkerung mehr gegeben hatte, infizierten sich vier Personen eines Haushalts in Auckland mit dem Virus. Nach wie vor ist der Ursprung unbekannt. Es dauerte keine 24 Stunden, und die Stadt mit 1,7 Millionen Einwohnern wurde in einen zweiten Lockdown versetzt und vom Rest des Landes abgeriegelt. Niemand durfte mehr rein in die Stadt, niemand raus. Und das während mehr als zwei Wochen. «Das hat mich schwer getroffen», sagt Baumann. Ihre Patienten sagten gebuchte Konsultationen reihenweise ab. «Deshalb entschied ich mich schweren Herzens, meine gemietete Praxis zu räumen und fortan zu Hause meine Patienten zu empfangen.»

Bevölkerung steht hinter strikten Massnahmen

Aber nicht nur das Geschäftliche machte ihr zu schaffen: «Wegen vier neuer Fälle gleich eine ganze Millionenstadt abzuriegeln, fand ich etwas übertrieben.» Zudem habe es ihr zu denken gegeben, dass die Bevölkerung die erneut starken Einschränkungen und somit auch Eingriffe in die Freiheit nicht stärker hinterfragt habe. «Die Neuseeländer akzeptieren solche Entscheide der Regierung viel schneller als die Schweizer. Das verstehe ich manchmal schon nicht.»

Umfragen nach dem ersten Lockdown haben ergeben, dass 90 Prozent der Bevölkerung hinter den harten Massnahmen standen. Die sozialdemokratische Premierministerin Jacinda Ardern und ihre regierende Labour-Partei wurden zudem Mitte Oktober in einem Erdrutschsieg wiedergewählt. Die Partei hält nun mehr als die Hälfte der Sitze im Parlament, was es seit Umstellung des Wahlsystems in den 1990er-Jahren noch nie gegeben hat.

Trotz ihrer Vorbehalte ist auch Andrea Baumann froh, dass der Alltag in Neuseeland mittlerweile zurückgekehrt ist. «Jetzt können wir erneut wieder alles machen. Das freut mich sehr.» Der einzige Wermutstropfen sei, dass die Grenzen zu bleiben – und das wohl noch für eine Weile. «Das ist schade. Ich war schon seit drei Jahren nicht mehr in der Schweiz und würde gerne wieder einmal ins Baselbiet reisen», sagt die Bubendörferin. Aber alles könne man nun einmal nicht haben, und es gehe ihr ja gut. «Hoffentlich dauert es aber nicht noch einmal drei Jahre, bis ich es das nächste Mal in die Schweiz schaffe», sagt sie mit einem Lachen. Den Optimismus und die gute Laune lässt sich die Baselbieterin auch in schwierigen Zeiten nicht nehmen.

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