Theologie

Maria Magdalena, die Prostituierte, die keine war

Die acht biblischen Frauenfiguren zieren die Kirche St. Stephan in Therwil. Eine davon ist Maria Magdalena.

Die acht biblischen Frauenfiguren zieren die Kirche St. Stephan in Therwil. Eine davon ist Maria Magdalena.

Gestern schrieb die bz einen Artikel über die Kirche St. Stephan in Therwil, wo ein Kunstwerk acht frühchristliche Frauenfiguren abbildet. Dabei wies unser Allgemeinwissen Lücken auf.

Zu viele Details sind einem Artikel oft nicht dienlich. So auch bei diesem Text über die Kirche St. Stephan in Therwil, wo eine neue Freske acht biblische Frauenfiguren aus dem Neuen Testament ehrt. Dabei sorgte ein Satz für Empörung: Als wir die Jüngerin Maria von Magdala (auch als Maria Magdalena bekannt) erwähnten, schrieben wir, dass von allen acht Frauen sie die wohl bekannteste war. Weil sie in «allen Evangelien als erste Zeugin der Auferstehung beschrieben wird. Und weil sie Prostituierte war.» Auf den letzten Satz reagierte die Theologin und Gemeindeleiterin der Kirche St. Stephan Elke Kreiselmeyer, die wir in anderen Teilen des Artikels zitierten, mit Entsetzen. Sie empörte sich darüber, dass wir diese Darstellung von Maria von Magdala in den Text aufgenommen hatten.

Elke Kreiselmeyer schreibt uns: «Es gibt keine einzige biblische Stelle, die Maria von Magdala als Prostituierte beschreibt. Erst im 6. Jahrhundert hat Papst Gregor I. sie mit der anonymen Sünderin gleichgesetzt, die im Lukasevangelium erwähnt wird. Wenn von einer Sünderin die Rede ist, ist in einer männerdominierten Kirche der Schritt zu sexuellen Verfehlungen nicht weit und schon war der Irrtum geboren, Maria von Magdala sei eine Prostituierte gewesen.»

Auch Theologin Susanne Ruschmann erwähnt, dass die Rolle von Maria Magdalena aus politischen Gründen zurückgedrängt wurde, obwohl sie gemäss Andreas Braun von der katholischen Hörfunkarbeit in der frühchristlichen Zeit als «Apostola apostolorum, als Apostelin der Apostel» verehrt wurde. Diese Ideen verwarf aber die westliche Kirche mit der Zeit und festigte über Jahrhunderte eine theologische Tradition, in denen die Frauenrollen untergeordnet waren. In weltbekannten Werken wie dem von Tizian aus der Renaissance wurde Maria Magdalena entsprechend als verführerische, schöne rothaarige Frau, oft lasziv und entblösst, abgebildet. In der allgemeinen Vorstellung setzte sich dieser Gedanken fest. Auch in den Köpfen von bz-Journalisten, die in der Korrektur dieses Detail noch einfügten, weil sie dachten, das sei erwähnenswert, damit unsere Leser den Namen einordnen könnten.

Das, obwohl die katholische Kirche völlig weggekommen ist von der Darstellung der Maria von Magdala als Sünderin und Prostituierte. Papst Franziskus hat sie vor drei Jahren offiziell den Aposteln gleichgestellt und ihren Gedenktag, den 22. Juli, aufgewertet zu einem Festtag.

Das Werk in der Kirche von Therwil wollte genau auf diese Thematik aufmerksam machen. Elke Kreiselmeyer schreibt uns: «Unser Kunstwerk soll auch dazu beitragen, mit dem fatalen Irrtum um Maria von Magdala aufzuräumen.» Der gestrige Artikel beweist, dass noch mehr Arbeit nötig ist, um solche Hinterfragungen von als allgemein geltendem Wissen herbeizuführen. Auch bei bz-Journalisten.

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