Ehrendoktor

Martin Stingelin: «Das reicht heute nicht mehr»

Kirchenratspräsident Martin Stingelin wurde mit einem Ehrendoktor gewürdigt. (Archivbild)

Kirchenratspräsident Martin Stingelin wurde mit einem Ehrendoktor gewürdigt. (Archivbild)

Der reformierte Kirchenratspräsident und Pfarrer Martin Stingelin kann seinen Abschied vom Amt mit der soeben verliehenen Ehrendoktorwürde feiern.

Nachträglich herzlichen Glückwunsch zum Ehrendoktor der Basler Universität. Haben Sie mit dieser Auszeichnung gerechnet?

Martin Stingelin: Nein. Wirklich nicht. Klar und wichtig für mich ist, dass dies nicht nur eine persönliche Auszeichnung darstellt, sondern ein Verdienst all meiner Mitarbeitenden der Reformierten Kirche Baselland ist. Und insofern auch ein Stück weit als Anerkennung zu verstehen ist, dass wir grundsätzlich gute Arbeit leisten.

Wann haben Sie davon Wind bekommen?

Erstmals wurde ich im Sommer benachrichtigt. Danach hörte ich lange nichts mehr, und dann ging es um so simple Dinge wie die Anzahl persönlicher Einladungen für den Festakt in der Basler Martinskirche. Am Vorabend des Dies Academicus darf man als designierter Ehrendoktor einen Vortrag halten. Spätestens dann läuten bei den Insidern die Glocken, dass da noch was kommt. Selber muss man ja Stillschweigen bewahren.

Zu welchem Schluss sind Sie in Ihrem Vortrag zur heutigen Rolle von Kirchenleitungen gekommen?

Meine These lautet, dass die Anforderungen an das Leitungshandeln der Verantwortlichen in den vergangenen Jahren immer anspruchsvoller geworden sind. Es braucht heute klare Kompetenzregelungen, wer wofür verantwortlich ist. In der aktuellen Kirchenordnung ist die Hauptanforderung, die an ein neues Kirchenpflegemitglied gestellt wird, die regelmässige Teilnahme an Gottesdiensten und Kirchenanlässen. Das reicht heute bei Weitem nicht mehr. Heute braucht es auch ganz weltliche Kompetenzen wie das Wissen um Finanzen, Führung oder Kommunikation. Handkehrum droht der Verlust von Traditionen. Das ist eine Gratwanderung – da gilt es aufzupassen.

Sie wurden von Ihrer Alma Mater dafür geehrt, sich für die Schnittstelle von Kirche und Wirtschaft, für die Zusammenarbeit der Kirchen auf nationaler und internationaler Ebene sowie für Menschen am Rande der Gesellschaft eingesetzt zu haben. Welcher Punkt ist Ihnen besonders wichtig?

Schwierig zu sagen. Das eine Thema lässt sich kaum vom anderen trennen. Für mich gehören all diese Punkte zu einer lebendigen Kirche. Ohne soziales Engagement kann die Kirche nicht existieren, sie darf im Kontext mit anderen Kirchen ökumenisch wirken und muss mit Wirtschaft und Bevölkerung ständig im Gespräch bleiben. Nie kann man als Kirchenrat alle Ansprüche erfüllen, aber man kann eigene Prioritäten setzen.

Ende Jahr treten Sie als Kirchenratspräsident zurück. Erleichtert der Ehrendoktor Ihren Abschied?

Natürlich, es ist ein schönes Zeichen zum Abschluss. Ohnehin ist es sinnvoll, solche Auszeichnungen am Ende seiner Laufbahn zu erhalten – sonst könnte man ja übermütig werden.

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