Das kann kein Zufall sein: Je näher das Goetheanum, desto mehr Masern-Erkrankungen treten auf. Oder anders gesagt: Rund um die anthroposophischen Zentren Dornach und Arlesheim hat es die hoch ansteckende Infektionskrankheit leichter als anderswo.

Diesen Schluss legen Berechnungen nahe, welche die «Sonntagszeitung» durchgeführt hat. Sie liess die Masernfälle der letzten dreissig Jahre geografisch auswerten. Drei Regionen stachen heraus: das Entlebuch, Appenzell Innerrhoden und das Dorneck. Der solothurnische Bezirk ist der grösste Krankheitsherd der Region Basel, von hier strahlt die Krankheit aus. Auf der Masernkarte ist die gesamte Nordwestschweiz ein dunkler Fleck.

Seit Anfang Jahr hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) 155 Fälle der hoch ansteckenden Infektionskrankheit verzeichnet. Das sind über acht Mal mehr als in derselben Periode des Vorjahres. Zwei Infizierte sind gestorben. In der ganzen Nordwestschweiz ist die Zahl der Fälle überdurchschnittlich hoch, ein Hotspot ist das Dorneck.

Werte in den beiden Basel erhöht

Wie die «Sonntagszeitung» berichtete, zählte der solothurnische Bezirk in den letzten dreissig Jahren 53 Fälle auf 10'000 Einwohner. Die Zeitung berücksichtigte für ihre Berechnungen die Fälle seit 1988. In beiden Basel sind die Werte ebenfalls erhöht. Zwei Herde im Kanton Baselland sind der Bezirk Liestal, der ans Dorneck grenzt, und der Bezirk Sissach.

Nun reagiert die Baselbieter Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion auf die jüngste Entwicklung. Ein Informationsschreiben zu Masern des kantonsschulärztlichen Dienstes wird in diesen Tagen an die Leitungen aller öffentlichen, Privat- und Berufsschulen verteilt. Das Infoblatt enthält auch Anweisungen an die Eltern, wie im Fall eines Krankheitsausbruchs vorzugehen ist. Auch in den Vorjahren habe man derartige Informationen an Schulen und Eltern versandt, schreibt die Gesundheitsdirektion. Der Inhalt sei jedoch umfassend aufbereitet worden, «aufgrund der Aktualität des Themas».

«Sind keine Anti-Impf-Bewegung»

Der Verdacht: Weil die Anthroposophie dem Impfen gegenüber kritisch eingestellt ist, versammeln ihre Einrichtungen auch viele Impfgegner. Das erhöht die Gefahr von Ansteckungen – etwa wegen Eltern, die der Ansicht sind, es sei wertvoll, dass ihre Kinder Krankheiten «durchmachen». Der Solothurner Kantonsarzt Lukas Fenner bezeichnet die Impfskepsis-These als plausibel. Er warnt jedoch vor voreiligen Schlüssen. Die Zahl der Erkrankungen sei in den vergangenen Jahren im Kanton Solothurn auf eher tiefem Niveau verharrt. 

Die Vereinigung anthroposophisch orientierter Ärzte in der Schweiz (VAOAS) mit Sitz in Arlesheim sah sich noch am Sonntag dazu bewogen, eine Stellungnahme zu publizieren. Die VAOAS schreibt, die anthroposophische Medizin unterstütze Impfungen «als wichtige Massnahme zur Vermeidung lebensbedrohlicher Erkrankungen.» Der Verband vertrete keine Anti-Impf-Haltung, es handle sich bei ihm auch nicht um eine Anti-Impf-Bewegung. «Statt Impfpflicht befürwortet die VAOAS eine aktive Aufklärung und eine freie Impfentscheidung als geeigneteren Ansatz.»

Infektionsherde: Kindergärten und Schulen

Potenzielle Masern-Infektionsherde sind Kindergärten und Schulen. In Biel kam es an einer Rudolf Steiner-Schule zu einem Massenausbruch. Die Schulleitung schloss nicht geimpfte Kinder und Jugendliche vorübergehend vom Unterricht aus, um weitere Ansteckungen zu verhindern.

Thomas Didden von Rudolf-Steiner-Schulen Schweiz mit Sitz in Aesch sagt zur bz, die Steiner-Schulen würden, wie die Volksschule auch, zwar keinen Impfzwang kennen. «Wir fordern aber die Eltern dazu auf, mit ihrem Hausarzt zusammen die Impfproblematik zu diskutieren und dann einen Entscheid zu fällen.» In Steiner-Schulen würde niemandem von Impfungen abgeraten oder vor ihnen gewarnt, sagt Didden. «Wir sind Pädagogen, keine Mediziner.» An den Bildungseinrichtungen in der Region Basel ist laut Didden 2019 bislang kein Masernfall aufgetreten.

Die Baselbieter Gesundheitsdirektion schreibt, der Zusammenhang zwischen anthroposophischen Einrichtungen und erhöhten Masernansteckungen könne man nicht statistisch erhärten. Derartige Personendaten würden nicht erhoben.