Kommentar

Maskendetektive und IV-Kontrolleure: Der grösste Schuft im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant

Wer im ÖV ohne Maske unterwegs ist, riskiert den Internetpranger.

Wer im ÖV ohne Maske unterwegs ist, riskiert den Internetpranger.

Kennen Sie den häufigsten Grund für Baslerinnen und Basler, den Polizeinotruf zu wählen? Die Antwort ist banal: Die Leute tippen 117, um sich über falsch parkierte Autos zu beklagen. Alleine in diesem Jahr haben deplatzierte Fahrzeuge 1256 Menschen in Basel-Stadt derart in Wallung gebracht, dass sie kurzerhand zum Hörer griffen und die Polizei verständigten.

Das klingt zunächst einmal nach Wohlstandsverwahrlosung, wenn die wichtigste Nummer im Land für solche Lappalien – nehmen wir mal an, es habe keine 1256 ernsthaften Blockaden gegeben – missbraucht wird. Dahinter verbirgt sich aber ein Phänomen, das sich dieser Tage grosser Beliebtheit erfreut: das Denunzieren.

Vergangene Woche berichtete die «Schweiz am Wochenende» vom Fall der Pia Clavadetscher. Die 59-jährige Frau hat nach 25 Jahren ihre IV-Rente verloren, nachdem Unbekannte sie in einem gefälschten Brief verunglimpft hatten: Sie sei neu einzuschätzen, es gehe ihr besser, stand im Falsifikat an die Behörden. Lässt man die Nachlässigkeit der IV ausser Acht, entsteht hier ein Bild von Menschen mit hoher krimineller Energie und niederen Motiven.

Aber man darf sich nicht täuschen: Es ist keine verschwindende Minderheit, die nie dem pennälerhaften Verpetzen vom Schulhof entwachsen ist. Gerade in Zeiten von Corona schaut eine breite Masse von Leuten, wo vielleicht jemand gegen die Staatsempfehlungen verstossen könnte. Im April waren es argwöhnisch beäugte Spaziergänge. Heute patrouillieren die selbst ernannten Masken-Sheriffs durch den öffentlichen Verkehr.

Der Boulevard befeuert diese allgemeine Empörung. Der «Blick» forderte Leser dazu auf, Bilder von Maskenverweigerern einzusenden. Und stellte eine junge Frau an den Pranger, die trotz Corona in den Ausgang ging. Es ist immer ein bisschen kurios, wenn sich die Klatschpresse zur Sittenwacht aufschwingt, doch in Zeiten von Corona scheint es für manche Medien kein Halten mehr zu geben.

Eine spezielle Form des Narzissmus

Die Psychologie erkennt im Denunziantentum eine besondere Form des Narzissmus: Wer andere anschwärzt, sieht sich selber auf der Seite der Guten. Die Handlung verschafft ihm ein kurzzeitiges Hoch. Dies täuscht ihn darüber hinweg, dass er nicht aus Ethik, sondern vor allem aus Selbstgerechtigkeit handelt. Es lässt ihn im Glauben, er sei besser als der andere und macht ihn die eigene Übergriffigkeit vergessen.

Dabei ist das Denunzieren ein Ausdruck eines verdrehten Rechtsverständnisses gegen unten. Es geht den Kleinbürgern nicht darum, dass niemand zu kurz kommt. Sondern, dass sich sicher niemand zu viel Freiheiten herausnimmt. Die kollektive Angst vor der Krankheit kann nicht kaschieren, dass es im Kern um Neid gegenüber dem Einzelnen geht. Zu Beginn richtete sich dieser oft gegen die älteren Mitmenschen, die trotz Corona-Restriktionen Einkaufen gingen. Solche Leute minderten natürlich das Opfer, das die zu Hause Gebliebenen erbrachten. Jetzt ist es umgekehrt: Gerade die älteren Generationen neiden den feiernden Jungen ihren Hedonismus.

Beides bringt uns nicht weiter. Eine Gesellschaft ist nur so stark, wie sie sich zu einem gewissen Punkt egal ist. Oder, vielleicht positiver formuliert: sich gegenseitig toleriert.

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