Grosses Interview

Maya Graf: «Wir werden gestärkt aus dieser Krise hervorgehen»

Das aktuelle Bild zu diesem Interview hat Maya Graf in der Corona-Isolation auf ihrem Hof gleich selber gemacht.

Das aktuelle Bild zu diesem Interview hat Maya Graf in der Corona-Isolation auf ihrem Hof gleich selber gemacht.

Wegen der Corona-Pandemie musste sich Maya Graf auf ihren Bauernhof oberhalb von Sissach zurückziehen. Im grossen Interview spricht sie darüber, wie die jetzige Krise die Schweiz und die Demokratie verändern wird.

Auf ihrem Bauernhof oberhalb von Sissach erlebt die Familie von Maya Graf die Corona-Krise am eigenen Leibe. Grafs Tochter fuhr am vergangenen Freitag ins Abklärungszentrum nach Lausen, weil sie am Vortag Fieber und Husten gehabt hatte. Sie wurde jedoch ohne Test nach Hause geschickt, da die Symptome bereits nach einem Tag wieder abgeklungen waren.
Wegen der aktuellen Umstände wurde folgendes Interview mit der Baselbieter Ständerätin telefonisch geführt.

Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?

Maya Graf: Danke, gut. Ich bin sehr erleichtert, dass meine Tochter wohlauf ist. Nur müssen wir selbstverständlich zuhause bleiben, da wir kein Testergebnis haben. Doch befinden wir uns auf unserem Bauernhof in einer privilegierten Situation. Wir können weiterhin an der frischen Luft sein und hier unserer Arbeit nachgehen. Natürlich versuchen wir, insbesondere unsere Mutter bestmöglich zu schützen. Ich halte es für absolut wichtig, dass sich jetzt alle an die verordneten Regeln halten.

Fällt Ihnen diese Selbstabschottung leicht?

Auf einem Hof und ohne Kinder im schulpflichtigen Alter geht es uns gut im Vergleich zu vielen anderen gut. Ich denke an Familien oder Alleinstehende, die in kleinen Wohnungen zurechtkommen müssen. Total ungewohnt ist die komplett leere Agenda. Alle politischen Aktivitäten sind zum Stillstand gekommen. Neben der abgebrochenen Session fallen auch rund 10 bis 15 Kommissionssitzungen aus. Hier stauen sich jetzt wichtige Geschäfte wie die Botschaft zur Förderung von Bildung, Forschung und Innovation 2021/24, die Altersreform 21 oder die laufende Crypto-Inspektion. Immerhin bleibt mir jetzt Zeit, um die Dossiers zu studieren.

Durch die Notlage sind die üblichen demokratischen Abläufe ausser Kraft gesetzt. Der Bundesrat verordnet oppositionslos Massnahmen mit einschneidenden Folgen für jeden einzelnen.

Ich setze mich dafür ein, dass das Parlament handlungsfähig bleibt. Gerade in einer Krise muss das Parlament Massnahmen mitbeschliessen können. Anfangs Mai müssen wir die ausserordentliche Session zur Corona-Krise durchführen können, mit allen Vorsichtsmassnahmen. Es darf nicht sein, dass das Parlament sich selbst ausschaltet.

Das heisst, Sie sind mit den bisherigen Abläufen nicht einverstanden?

Ich habe Bedenken bezüglich unserer Demokratie. Wenn der Normalzustand zurückkehrt, müssen wir den Einbezug der Parlamente in Krisenzeiten wie einer Pandemie klären.

Worauf zielen Sie ab?

Ab diesem Mai muss das parlamentarische System zumindest wieder in einem eingeschränkten Mass funktionieren. Die schnelle Einführung des E-Parlaments, insbesondere der digitalen Kommunikation untereinander, ist jetzt essenziell. Hier zeigt sich ein Versäumnis der Vergangenheit, dass wir Parlamentsmitglieder noch immer nicht elektronisch Sitzungen abhalten können, geschweige denn in Kommissionen und Parlament Abstimmungen durchführen.

Das Volk darf momentan auch nicht abstimmen.

Aus meiner Sicht war es richtig, den Abstimmungstermin vom 17. Mai auszusetzen. Ohne politische Debatte ist so ein Urnentermin demokratiepolitisch fragwürdig.

Das E-Voting war ja schon beinahe totgesagt. Wird der Umsetzung dank Corona neues Leben eingehaucht?

Wenn das E-Voting zuerst in Kommissionen und dann im Parlament sicher eingeführt werden kann, wäre dies ein erster Schritt.

Nicht nur das Parlament, auch einzelne Bürgerinnen und Bürger beklagen den Verlust ihrer Freiheitsrechte. Werden die demokratischen Rechte über Corona hinaus beschnitten bleiben?

Nein, niemand muss hier Angst haben. Das Parlament wird dafür einstehen, dass das eine einmalige Ausnahmesituation bleibt. Wir Bürgerinnen und Bürger, die wir zu recht so sehr an unsere Freiheit gewohnt sind, würden uns permanente Einschränkungen nie bieten lassen. Im gleichen Atemzug muss ich aber auch erwähnen, dass vieles jetzt davon abhängt, wieviel Eigenverantwortung und Solidarität jeder und jede von uns jetzt aufbringt.

Welche Noten geben sie den Schweizer Parteien in der Krise?

Ich bekomme nicht alles mit, aber auf Bundesebene ziehen alle Parteien gemeinsam an einem Strick. Das ist vorbildlich. Ich sehe nicht, dass jemand politisches Kapital aus der Krise schlagen will. Wenn einzelne Stimmen mit irgendwelchen absurden Forderungen kommen, schlägt ihnen sofort eine heftige Reaktion entgegen. Das spricht für die Besonnenheit vieler.

Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein.

In der Schweiz schon. Aber im Ausland ist es spektakulär mitzuerleben, wie gerade die Populisten an der Corona-Krise zerbrechen. Populistische Parteien haben einfach keine Rezepte für solch grenzüberschreitende Krisen, die das wichtigste der Menschen, ihre Gesundheit, betrifft. An Donald Trump sieht man wie ihre Autorität ins Wanken geraten.

Wie?

Die Methode der Populisten ist: Zuerst sagt man, Corona existiere nicht. Dann: Es betrifft uns nicht. Wenn die Pandemie doch ankommt, waren die bösen Anderen daran Schuld und es folgen Panikreaktionen. Die Menschen werden merken, dass eine solche Politik das eigene Volk ins Desaster führt. Oder in Deutschland: Bei der AFD war mit der Grenzschliessung die politische Luft bereits draussen und nun gibt es keine Rezepte mehr.

Wie funktioniert in der Schweiz die Krisenbewältigung?

Bis jetzt haben unsere Behörden, der gesamte Service Public und die Wirtschaft die Lage sehr gut gemanagt. Das möchte ich an dieser Stelle betonen und allen ein grosses Dankeschön aussprechen. Man muss hier beispielsweise an die Schulen denken: Diese haben innert einer Woche das Homeschooling neu erfunden, dass ist grossartig. Die Corona-Krise wird uns viel abverlangen, aber wenn wir solidarisch, konstruktiv und innovativ bleiben, werden wir sie meistern. Die Schweiz ist in der privilegierten Lage, auch das finanzielle Potenzial zu besitzen, um die wirtschaftlichen Auswirkungen zu bewältigen.

Wo sehen Sie augenblicklich die grösste Handlungsnot?

Prioritär ist, dass Bund und Kantone die dringenden finanziellen Soforthilfen möglichst unbürokratisch auslösen, damit all die wichtigen kleinen Selbständigerwerbenden, Familienbetriebe sowie KMU, aber auch Kulturschaffende über die Runden kommen. Das haben nun alle begriffen. Die Beschlüsse sind gut, aber das Geld muss nun auch schnell fliessen.

Wie wird die Corona-Krise die Schweizer Gesellschaft verändern?

Es ist eine ausserordentliche Krisensituation, die noch nie jemand von uns erlebt hat. Darum ist es schwierig abzuschätzen, was sie mit uns macht. Ich für meinen Teil neige zum hoffnungsvollen Optimismus: Wir werden gestärkt daraus hervorgehen, weil wir aus dieser Krise lernen und unsere Schwachstellen erkennen. Beispielsweise sind wir in der Digitalisierung nicht so weit, wie wir sein sollten. Und wir müssen mehr Sorge zu unserem lokalen Gewerbe tragen. Auch führt uns die Krise drastisch vor Augen, dass wir es in den letzten Jahrzehnten verpasst haben, genügend eigene Pflegefachkräfte auszubilden.

Diese Erkenntnisse sind schön und gut, aber wie steht es um die realen Konsequenzen?

Die Frage der Systemrelevanz wird sich neu stellen, da bin ich mir sicher. Plötzlich merken wir, dass nicht der x-te Billigflug an eine Feriendestination systemrelevant ist, sondern die Fähigkeit, innert Stunden eine Corona-Abklärungsstation hochzufahren. Wir sehen, was passiert, wenn Gesichtsmasken nur noch in China und gewisse Medikamente nur noch in Indien hergestellt werden, und diese Länder nicht mehr liefern.

Daraus folgt?

Die Gesundheitsberufe müssen gestärkt und aufgewertet werden, nicht zuletzt bei der Aus- und Weiterbildung und mit besseren Arbeitsbedingungen. Zu unseren Gewerbebetrieben müssen wir mehr Sorge tragen. Die Globalisierung muss neu definiert und auf das regionale Wertschöpfung heruntergebrochen werden, um regionale Kreisläufe zu schliessen. Eigentlich haben wir ja alles vor Ort: Produzenten, Verarbeiter, Detailhandel, Handwerksbetriebe und viele andere, die für unseren Lebensbedarf sorgen. Doch muss ihnen allen ein neuer Wert beigemessen werden. In der Vergangenheit sind gerade diese Bereiche laufend entwertet worden. Ebenso auffällig ist, dass viele dieser systemrelevanten Berufe und Dienstleistungen hauptsächlich von Frauen ausgeführt werden. So wird uns plötzlich bewusst, wie wichtig Kinderbetreuung für die ganze Gesellschaft ist.

Auch hier: Die Erkenntnis ist wichtig, aber fallen Politik und Wirtschaft nicht sofort in alte Muster zurück, wenn es um die reale Lohnerhöhung für die Spitalpflegerin geht?

Es wird interessant sein zu beobachten, ob die nötigen und berechtigten Aufwertungen durchgesetzt werden können. Gewisse Verbesserungen sind politisch bereits aufgegleist, etwa der indirekte Gegenvorschlag zur Pflegeinitiative zur Stärkung der Pflege. Diese Krise schüttelt uns alle derart fundamental durch, dass sie mit einem gewissen Wertewandel verbunden ist. Im Rückblick wird es ein Vor- und Nach-COVID-Zeitalter geben. Wir alle haben jetzt viel Zeit, unsere eigenen Lebensansprüche grundlegend zu überdenken.

Dann befürchten Sie auch nicht, dass der vor Corona allgegenwärtige Kampf gegen die Klimakatastrophe vergessen geht?

Im Gegenteil. Zum einen bleibt das Erreichen der CO2-Reduktionsziele unverändert bestehen, weil die Klima-Krise bleibt. Zum anderen zeigt uns die Corona-Krise auf, dass es möglich ist, rasch sichtbare Veränderungen herbeizuführen. In Venedig führen die Kanäle plötzlich klares Wasser, weil die gigantischen Kreuzfahrtschiffe mit ihren Touristenströmen ausbleiben. In China ist die Atemluft durch die Produktionsbeschränkungen schlagartig besser geworden. Vorher war alles überdimensioniert, angefangen bei der Grösse der Kreuzfahrtschiffe über die Menge an Flugverkehr. Der Mensch, der zuvor jegliches Mass verloren hat, gerät durch die Krise an seine Grenzen. Aber er erkennt auch, welcher Spielraum eigentlich bestünde, um wirkungsvolle Massnahmen zu treffen, die gleichzeigt die Lebensqualität steigern. Wir lernen gerade wieder mehr Zeit miteinander zu verbringen und uns um einander zu kümmern. Und vielleicht bleibt auch etwas von dieser Entschleunigung übrig, zu der wir alle gezwungen sind.

Was sollte der Einzelne jetzt tun?

Wichtig bleibt, die lokalen Geschäfte zu berücksichtigen, sich solidarisch mit unseren Mitmenschen, besonders den Aelteren zu zeigen. Und das Wichtigste: sich an die Verhaltensregeln zu halten, damit möglichst viele gesund bleiben und unser Gesundheitssystem nicht kippt.

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