Draussen an der Fassade steht «Restaurant zur Station». Drinnen ist es für alle das «Statiönli». In geschwungener Schreibschrift ziert eine Neonröhre oberhalb des Holz-Tresens die Wand mit diesen Buchstaben.

Im Statiönli lebte das Dorf weiter, obwohl Bottmingen in den letzten zwei Dekaden immer näher an die Stadt heranrückte. Der Musikverein Bottmingen gehörte zu den Stammgästen. Am Mittwochabend kam immer die Feuerwehr. Reto Dalcher servierte ihnen zu später Stunde noch Wurstsalat mit Pommes. Bis vor zwei Jahren gab's im Statiönli eine Dorffasnacht.

Wochentags füllten ältere Dorfbewohner die Traditionsbeiz. «Noch zwei bis drei Jährchen führen wir das Statiönli weiter», hatte Reto Dalcher den Stammgästen gesagt. Nun ist die Zeit bald um.

Anfangs März an einem frühen Donnerstagnachmittag. Das Restaurant ist gut gefüllt. Ausnahmslos Personen mit grauem oder getöntem Haar trinken nach dem Mittagessen einen Schluck. Eine Handvoll Senioren jasst vor der grossen Malerei, die das Bottminger Dorf anno 1922 abbildet. Gelbe Rosen auf dem Massivholztisch. Türkisfarbene Vorhänge. Alte Fotoaufnahmen zieren die Wände. Eine Schwarzweiss-Aufnahme zeigt die «Sonntägliche Ruderfahrt im seichten Gewässer des Schlossgrabens um 1895». In allen Ecken Hexen auf Besen, die von der Decke runterhangen. Am Entrée hängt ein Abreisskalender. Nur noch wenige Blätter werden ihm entrissen, ehe sich die Dalchers Ende März zurückziehen.

Hexen als Dekor

Nach 22 Jahren lassen Reto und Pia Dalcher fast alles zurück. Ihre Wohnung, die Gaststube und was dazu gehörte. «Es ist gesünder für uns, einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen», sagt Pia Dalcher.

Die Dalchers gaben dem Gasthof Statiönli während über zwei Dekaden den Namen eines gutbürgerlichen und heimeligen Dorfrestaurants mit Gartenterrasse. Ende März zieht sich das Wirtepaar in den Ruhestand zurück. «Als wir 1996 anfingen, wollten wir eine Dorfbeiz führen, doch bald schon wurde das Statiönli zur Fressbeiz», sagt Pia Dalcher.

Cordonbleus, Trämli-Teller und Kalbsleberli von Reto Dalcher kamen über die Dorfgrenzen gut an. «Mein Kochstil stirbt aus», sagt er, der sich nie mit moderner Küche identifizieren konnte.

In den Sommermonaten füllte sich die grosse Terrasse mit seinen schattenspendenden Kastanienbäumen bei sonnigem Wetter rasch. «Die sensationellen Salate der ‹Chefin› waren beliebt», sagt Reto Dalcher und schaut seine Ehefrau an. Sie lacht zurück.

In den letzten Wochen nahmen die zierenden Hexen in der Gaststube ab. Begonnen hatte die Episode, als die Dalchers mit fünf Hexen aus den Norwegen-Ferien heimkehrten. Pia Dalcher hängte die Hexen in der Gaststube aus, worauf Stammgäste dem Ehepaar immer mehr Hexen brachten. Am Ende waren es um die 80 Stück.

Vor dem Abschied dankte nun die Wirtin den wiederkehrenden Kunden, indem sie die Hexen als Souvenir überliess. «Schliesslich haben sie uns in all diesen Jahren den Lebensunterhalt ermöglicht.»

Acht Container Kastanienblätter

Vor Bottmingen war Arlesheim Lebensmittelpunkt der Dalchers. Die heute 68-jährige Pia Dalcher führte viele Jahre einen Kinderhort. Reto Dalcher wirtete nach der Kochlehre im Basler Bahnhofsbuffet in einem Restaurant in Arlesheim. Schon dort pflegte er ein Konzept, das jenem des Statiönli ähnlich war und gutbürgerliche Küche bot.

«Nach 24 Jahren stach uns das Inserat für das Statiönli ins Auge», sagt Pia Dalcher. Das Ehepaar setzte sich damals gegen 22 Bewerber durch. Die Gemeinde bewies bei der Pächter-Wahl offensichtlich ein glückliches Händchen. Über zwanzig Jahre lang stand das Ehepaar ausser Sonntag und Montag von morgens um acht bis Mitternacht auf den Beinen.

Besonders kräftezehrend war der Sommer. Rund acht Container Kastanienblätter nahm Pia Dalcher jährlich auf. «Ich war vermutlich auch pingelig», sagt sie lachend.

Nach dem Vollblutjob im Statiönli beginnt für das kinderlose Ehepaar Dalcher ein neuer Lebensabschnitt. Im Elternhaus von Reto Dalcher in Pratteln, wollen die Wirte zunächst die freie Zeit geniessen. Die Bottminger Traditionsbeiz übernimmt Santhiravarathan Paramsothy. Er führt bereits das Restaurant Schiff in Binningen.

Reto Dalcher will von der Küche vorläufig nichts mehr wissen. Bis Ende März fordern die Stammgäste das Ehepaar nochmals aufs Letzte. Das Telefon klingelt innert Kürze zweimal. Beide Dalchers sind am Hörer und nehmen letzte Reservationen auf. Doch im Buch bleiben kaum weisse Flecken.