Nachrichtenflut

Mein leben als Live-Ticker

Heutzutage ist es leicht, sich zu informieren. Aber brauchen wir denn so viele Nachrichten? (Symbolbild)

Heutzutage ist es leicht, sich zu informieren. Aber brauchen wir denn so viele Nachrichten? (Symbolbild)

Früher wurde man 14 Tag nach einem Ereignis per Brief über die Sachlage informiert. Heute geht alles rascher.

Es gab Zeiten, in denen es gelegentlich wenig Neues in den Nachrichten gab. So mit «Landrat Oberhuber eröffnet in Tenniken Süd die 124. Jahreskonferenz der Kakteenkäfer-Freunde» als Hauptschlagzeile. Irgendwie wurden die Zeitungen jeden Tag voll, die analogen Radiowellen plätscherten vor sich hin, und aus dem Tiefschlaf während der Tagesschau wurde man erst von Thomas «Meteo» Bucheli gerissen.

Nein, das ist keine «Früher war alles besser»-Kolumne. Es gab viele schwere Zeiten, fragen Sie mal Ihre Eltern und Grosseltern. Oft war es schwierig, überhaupt verlässliche Informationen zu erhalten. Mit der Tante in Alaska durften wir keine 10 Sekunden telefonieren, weil es «zu teuer» war. Erst 14 Tage später erhielten wir einen Brief, dass sie während eines Erdbebens in den Kleiderschrank flüchten musste; mit Zeitungsfotos von Spalten in der Strasse, die ganze Autos verschlungen hatten. Oder wenn der Vater auf Geschäftsreise war, hing ein Papier am Kühlschrank, auf dem wir sahen: Heute ist er in Nairobi. Morgen fliegt er nach Johannesburg. Ob er dort angekommen war, erfuhren wir erst nach seiner Heimkehr. Ich lernte damals, dass «Keine Nachrichten» durchaus auch gute Nachrichten sein können. Von einem Flugzeugabsturz hätten wir irgendwann etwas gelesen. So war das – und es ist, verflixt noch mal, nicht so wahnsinnig lange her.

«Ich kann keinen Bildschirm anschalten, ohne dass Push-News mich nervös machen.»

Inzwischen ist mein Leben ein einziger Live-Ticker. Ich kann keinen Bildschirm anschalten, ohne dass Push-News mich nervös machen. Irgendwo geht immer etwas in die Luft, sticht einer mit dem Messer zu oder hat ein «Star», von dem ich noch nie etwas gehört habe, eine neue Affäre. Meine stetig wachsende Schar von Freunden und «Freunden» in den sozialen Medien posten live, was sie essen, was ihr Kater gerade Lustiges macht oder kopieren einfach einen mässig originellen Spruch auf die Timeline. Ich sage nicht, dass alles schlecht ist. Es gibt wunderbar witzige Contents (etwa von Patti Basler), wirklich hilfreiche Tipps zu Kultur oder Links zu ausgezeichneten Artikeln und Filmreportagen. Ich möchte das nicht missen. Das Problem ist: Ich kann es nicht mehr bewältigen. Wer macht eine Triage? Wer trennt die Spreu vom Weizen? Ich habe zwei E-Mail-Dienste abonniert, die mich auf Lesenswertes hinweisen. Nicht mal dafür reicht die Zeit, weil die Medien – und wir fast alle selbst noch dazu – dafür sorgen, dass «Neuigkeiten» wie ein Flächenbombardement über uns niedergehen.

Darum mache ich ab sofort eine News-Pause. Aber voll konsequent. Nur noch schnell checken, mit welchem Symbol die Queen die Rede von Boris untergräbt. Und welchen Style trägt jetzt eigentlich Angelina Jolie?

 

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er lebt in Basel.

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