Landzunge und Stadtmund

Meine innere Rentnerin

Ein reichhaltiges Frühstück am Wochenende. (Symbolbild)

Ein reichhaltiges Frühstück am Wochenende. (Symbolbild)

Wer ein glückliches Leben führen will, der soll sein inneres Kind bewahren. Aber was, wenn man statt eines inneren Kindes eine innere Achtzigjährige spürt, die nur rumkeift und um halb neun ins Bett will? Die Grundidee dieses Ratschlags ist ja nachvollziehbar. Man sollte die Unbeschwertheit wahren, die kindliche Neugier und die Sorglosigkeit. Wenn einem Arbeit, Haushalt und Besuche bei den Schwiegereltern das Leben schwer machen, dann sollte man sich sein eigenes, fünfjähriges Ich in Erinnerung rufen und dementsprechend mit der Situation umgehen.

So weit, so gut, nur hapert es an der Umsetzung. Solche zwanghaft junggebliebenen Mittvierziger kann man auf Dorffesten beobachten, wenn sie nach fünf Gläsern Aperol Spritz die Festbänke erklimmen und zu Helene Fischer abgehen. Kann ziemlich verstörend sein.

Und damit sind wir beim Punkt, denn ich sage das als Neunzehnjährige. Eigentlich sollte ich bei derartigen Einlagen euphorisch kreischen, diese Leute gar zur Teilnahme am Wet-T-Shirt-Contest anfeuern. Stattdessen muss ich mir Bemerkungen verkneifen wie: «Zieh Dir mal was an, Mädel, die Nieren müssen immer bedeckt sein, sonst holst du dir eine Entzündung!» Solche Verhaltensauffälligkeiten meinerseits bemerke ich immer öfter.

Erst letzthin ist mir aufgefallen, dass ich eine Lieblingsherdplatte habe. Mit neunzehn sollte man keine Lieblingsherdplatte haben. Mit neunzehn sollte man beim Kochen auch nicht «Devil in Disguise» und andere Lieder aus der Jugend der eigenen Grosseltern hören. Kann zu Fleischwunden führen, wenn man beim Gemüserüsten solche Musik laufen lässt.

Auch die Aufregerthemen sind im Alter plötzlich andere: Wenn der bevorzugte Weichspüler eingestellt wird, trifft einen das härter als die Trennung von One Direction. Und mit den Problemen ändert sich die Aggressionsbewältigung. Anstatt rauszugehen und fünf Kilometer zu rennen, häkle ich jetzt. Das reicht für mein Temperament, alles andere geht nur auf die Knie. Einen Weidenkorb zum Einkaufen mitnehmen, im Sommer Birkenstock-Sandalen statt Flip Flops tragen, beim Filmabend «HD-Soldat Läppli» gucken, am Wochenende brunchen statt in den Club – das alles darf man mit neunzehn.

Doch etwas ist mit neunzehn absolut nicht vertretbar: im Internet nach Nordic-Walking-Ausrüstungen suchen. Als ich diesen Seitenaufruf sehe, klappe ich meinen Laptop zu und mache mir einen Kaffee. Ich schalte den Fernseher ein, aber da laufen nur eine Dauerwerbesendung und «Der Bachelor». Und ich bekomme von beidem gleichermassen Kopfweh. Ich schalte den Fernseher aus und gehe ins Bett. Die innere Rentnerin hat durchgegriffen. Oma weiss immer, was zu tun ist.

*Die 19-jährige Eva Oberli ist Schülerin am Gymnasium in Muttenz und wohnt auf einem Bauernhof in Niederdorf.

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