Bottmingen

Messerattacke im Asylheim: Kantonsgericht mildert Strafe deutlich

(Archiv)

Im Asylheim in Bottmingen spielten sich Jagdszenen ab.

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Nach der Messerattacke im Bottminger Asylheim: Ein Somalier muss weniger lange ins Gefängnis, wird aber des Landes verwiesen. Das Baselbieter Kantonsgericht stützt sein Urteil in zweiter Instanz auf ausgiebige Videoanalysen.

Der genaue Auslöser des Streits bleibt unbekannt: Im Juni 2017 jagte ein heute 22-jähriger Somalier mit einem Rüstmesser einen Afghanen regelrecht quer durch das Asylwohnheim in Bottmingen.

Der strenggläubige Afghane soll den Somalier zuvor kritisiert haben, weil er während des Ramadans nicht fastete. Möglicherweise ging es aber auch nur darum, dass der Somalier im Asylheim laut rumtelefoniert hatte.

Drei Jahre und sechs Monate in erster Instanz

Die Sache ging mit geringen Verletzungen relativ glimpflich aus, die Jagd durch mehrere Räume ist auf den Überwachungskameras des Heims teilweise detailliert zu sehen. Die Baselbieter Staatsanwaltschaft klagte den 22-Jährigen wegen versuchten Mordes an und verlangte eine Freiheitsstrafe von acht Jahren. Das Strafgericht in Muttenz beliess es bei einer Verurteilung wegen versuchter vorsätzlicher Tötung (bz berichtete) und verhängte eine Freiheitsstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten. Verteidiger Gabriel Giess zog das Urteil weiter.

Diese Woche nun schauten sich fünf Kantonsrichter in Liestal die Videos nochmals detailliert in Zeitlupe an und befragten den 22-Jährigen erneut. Das Fazit der Verhandlung gestern Donnerstag: Der Angeklagte habe mit dem Messer keine Stichbewegungen gegen Hals und Kopf geführt. Im Gegenteil sei er darauf bedacht gewesen, dass es höchstens zu Schnittverletzungen kommt.

Somit könne man ihm keinen Tötungsvorsatz nachweisen, lautete das Verdikt. Das Kantonsgericht korrigierte den Schuldspruch auf versuchte schwere Körperverletzung. Allerdings nicht ohne dem Verurteilten ins Gewissen zu reden: «Egal, wie man das wertet: Das ist inakzeptabel, das geht auf keinen Fall», schärfte Kantonsgerichtspräsident Enrico Rosa am Donnerstag dem Verurteilten ein.

Damit reduzierte die zweite Instanz auch das Strafmass auf 30 Monate teilbedingt, davon muss der Mann 12 Monate absitzen. Davon wiederum hat er allerdings bereits zwei Monate in Untersuchungshaft abgesessen, den Rest darf er wohl mit der elektronischen Fussfessel zu Hause absitzen.

Die erste Instanz befand noch, es sei zumindest nachvollziehbar, wenn er bei religiösen Vorwürfen derart ausflippe. Er habe viele Erlebnisse mit Fundamentalisten gehabt und sei in der Vergangenheit auch in libyschen Lagern gefoltert worden. Die Kantonsrichter hingegen betonten diese Woche, das Tatverhalten sei überhaupt nicht nachvollziehbar.

Inzwischen nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig

Der Verurteilte sagte diese Woche vor Gericht, er habe inzwischen über die sozialen Medien eine 21-jährige Frau kennen gelernt, beide wurden in einer religiösen Zeremonie im Baselbiet verheiratet, voraussichtlich im Dezember kommt das gemeinsame Kind auf die Welt. Die Frau lebt allerdings in Finnland und besitzt dort eine Aufenthaltsgenehmigung.

Der Verurteilte arbeitet inzwischen in einem Restaurant als Küchenhilfe und verdient monatlich zwischen 2500 und 2700 Franken. Er betonte vor Gericht, er wohne in einer kleinen Wohnung und bezahle Miete und Krankenkasse selbst, er sei nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig. Dennoch bleibt es beim Landesverweis von acht Jahren: Ob und wie dieser vollzogen werden kann, ist nun Sache der Vollzugsbehörden.

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