Freunde schildern ihn als herzlich, einfühlsam und humorvoll. Im öffentlichen Rampenlicht wirkt er wie ein Kompaniekommandant bei der Befehlsausgabe: angespannt, monotone Stimme, zuweilen sogar schroff. Bei kaum einem anderen Politiker klaffen die Wahrnehmungen so auseinander wie bei Thomas de Courten.

Entsprechend gespannt waren wir, welchen de Courten wir auf unserer Mission in halb privatem Rahmen – wir begleiteten ihn von seinem Wohnort Rünenberg nach Liestal – antreffen.

Nun, der Auftakt an diesem Donnerstag war militärisch und freundlich-persönlich zugleich: De Courten, einst Oberleutnant, lud morgens um halb sechs Uhr zum Kaffee in seine Dachwohnung in einem unscheinbaren Mehrfamilienhaus.

Der frühe Zeitpunkt, der an die Tagwache in der Rekrutenschule erinnerte, war seinem Tagesprogramm geschuldet: Den SVP-Nationalrat erwarteten in Bern mehrere Veranstaltungen; unter anderem musste er am Morgen eine Sitzung der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit leiten, die er präsidiert. Beim Kaffee ging es aber vorerst um Persönliches.

Kennedy und das Wallis

De Courten teilt die Wohnung mit seinem Jagdhund «Kennedy». Die ungewöhnliche Namensgebung zeugt von augenzwinkerndem Humor des Herrchens. Denn die Verbindung zum Hundenamen ist er selbst, haftete ihm doch einst das Image des Baselbieter Kennedys an. «Jeder Running Gag geht mal zu Ende», meint er dazu lachend.

Der Jagdhund an und für sich trügt aber nicht: De Courten ist Jäger, bezeichnet sich jedoch lieber als Wildtierheger. Natürlich lauere er den Wildschweinen auf und erlege ab und zu auch ein Reh, doch am meisten fasziniere ihn an der Jagd das Beobachten des Wilds und das Einssein mit der Natur.

Die Natur fesselt ihn auch bei Gebirgstouren, vorzugsweise im Wallis. Wobei der 52-Jährige heutzutage «mangels Fitness» die wirklichen alpinistischen Herausforderungen, die Gipfel im Hochgebirge, auslässt. Doch plötzlich bricht seine ambitionierte Seite durch: «Einen Traum habe ich schon noch: Ich möchte das Bietschhorn besteigen. Und Träume sind da, um sie zu realisieren.»

Mit dem Wallis verbinden ihn auch der Heimatort, Kindheitserinnerungen an Familienferien im ausgebauten Heustadel im Goms und seit ein paar Jahren die Liebe zu einer Walliserin. Zu dieser geografisch anspruchsvollen Verbindung sagt er: «Wir verbringen eine typische Fernbeziehung, einmal im Wallis, einmal im Baselbiet.» Dafür ist die Distanz zu seinen drei Kindern (22, 19 und 13) kurz. Sie wohnen einen Steinwurf von ihm entfernt bei ihrer Mutter.

Das Ende der heilen Welt

Der Bus ruft. Wir machen ein paar Schritte und stehen an der Haltestelle «Zur frohen Aussicht». Kann man den Haltestellenamen auch auf sein Leben münzen? Amüsiert meint de Courten: «Ja, das passt als Lebensmotto. Ich bin grundsätzlich ein optimistischer Mensch, der das Beste aus einer Situation zu machen versucht.» Was wäre das, falls er nicht in die Regierung gewählt würde? «Dann träte Plan B in Kraft und ich würde im Herbst wieder für den Nationalrat kandidieren.»

Der Bus kommt, wir steigen ein. De Courten grüsst nach links, lächelt nach rechts, und lässt ein scherzhaftes «Guten Morgen, Herr Gemeindepräsident» fallen. Und man merkt schnell, er ist hier verankert.

Zur Bedeutung von Rünenberg sagt er: «Ich wohne seit 22 Jahren hier, das ist ein Stück Heimat, das entspricht mir. Bis vor einem Jahr war das heile Welt.» Damit spielt er auf den Mord an Martin Wagner an, der ihn einst bei der Baselbieter Wirtschaftskammer eingestellt hat. De Courten: «So etwas bleibt in den Köpfen und kommt einem immer wieder in den Sinn, wenn man durchs Dorf geht.»

«Regierung teils fremdbestimmt»

In Gelterkinden tauchen wir in eine andere Welt ein: Der Zug ist voll, draussen zieht ein praktisch bis Liestal durchgehender Siedlungsschlauch am Fenster vorbei, auf der Strasse reiht sich Auto an Auto. De Courten, einst auch kantonaler Wirtschaftsförderer, wertet das positiv: «Das ist das Abbild des Wohlstands, das gefällt mir. Nehmen wir das Beispiel Chienbergtunnel. Der Bau dieses Tunnels ermöglicht dem Oberbaselbiet eine dynamischere Entwicklung.»

Den momentanen Handlungsschwerpunkt bei der Infrastruktur sieht de Courten weit bachabwärts: «Das Herzstück in Basel hat Priorität. Das müssen wir in Bern durchbringen.» Generell sieht er bei Grossprojekten noch viel Verbesserungspotenzial innerhalb der Regierung. Und er referiert über Lobbyieren, Antizipieren, Führen, zielgerichtetes Anpacken und bessere Zusammenarbeit mit der Opposition vom VCS bis zur Wirtschaftskammer.

Wie schwer aber erfolgreiches Lobbyieren sein kann, muss de Courten derzeit am eigenen Leib erfahren. Er, der nebst diversen andern Verwaltungsratsmandaten und Sitzen in Interessensorganisationen auch das Vizepräsidium bei der Autobus AG Liestal (AAGL) inne hat, steht im Gegenwind: Die Regierung und damit zumindest ein Teil des bürgerlichen Wahlkampfteams, mit dem er derzeit fast täglich landauf landab unterwegs ist, will die AAGL-Linien ausschreiben.

De Courten sagt: «Debatten und Beschlüsse zu diesem Thema sind Interna des Regierungsrates. Ich als noch nicht Mitglied dieses Teams bin davon ausgeschlossen. Aber die Situation ist nicht einfach, die Kommunikation schlecht und zumindest ein Teil der Regierung fremdbestimmt in dieser Frage.»

Arm und Reich näher zusammen

Am Bahnhof Liestal, einem regionalen Hotspot für Randständige, landen wir auch noch bei sozialen Themen. Auf das grosse Gefälle zwischen Arm und Reich angesprochen, sagt der Ökonom: «Insgesamt geht es unserer Gesellschaft besser denn je. Die Kluft ist eher kleiner geworden.»

Zweifellos sei die Situation für Alleinerziehende oder Working Poor nicht einfach. Doch bestehe eine Tendenz, Einzelfälle zu dramatisieren. Und de Courten konstatiert: «Das soziale Netz ist dicht geknüpft und funktioniert.» Die Solidarität werde gelebt und die gegenseitige Hilfe immer noch hochgehalten. Sagt es und steigt in den Zug nach Bern.

Und wir schauen ihm nach und fragen uns: Welchen de Courten haben wir jetzt erlebt? Auf jeden Fall einen weit Zugänglicheren, als seine öffentlichen Auftritte erwarten liessen.