Am kommenden Samstag wird Adil Koller neben Landrätin Regula Meschberger wohl zum Co-Präsidenten der Baselbieter SP gewählt. Ein durchaus historisches Ereignis: Der 21-jährige Münchensteiner dürfte damit zum jüngsten Kantonalparteipräsidenten in der Geschichte des Baselbiets werden. Zumindest ist aus den vergangenen Jahrzehnten kein jüngerer Parteichef aktenkundig. Nur auf den ersten Blick erstaunlich ist, mit welcher Selbstverständlichkeit Koller, aber auch Kollegen, diese Wahl beurteilen.

Doch wer ist Adil Koller? Lässt sich sein grosses Engagement, die immense Neugier und der Drang, politisch etwas zu bewegen, aus seiner Biografie erklären? Aufschlussreich ist eine Aussage gleich zu Beginn des Gesprächs mit dem Soziologie- und Wirtschaftsstudenten: «Für mich ist es nicht tragisch, wenn mir jemand vorwirft, ich habe keine Lebenserfahrung. Ich weiss, dass das nicht stimmt.» Adil habe keine einfache Kindheit gehabt, kommentierte seine Grossmutter, aber er sei gut damit zurechtgekommen. Vor einigen Jahren liessen sich seine Eltern scheiden, 2012 starb sein Vater. Er hat als 18-Jähriger Steuererklärungen ausgefüllt und ein Erbe verwaltet. Adil musste früh lernen, mit schwierigen Umständen umzugehen – und dass man im Leben nicht alles beeinflussen kann.

In eine Büezer-Familie geboren

Im Gegensatz zu vielen Jungpolitikerkollegen entstammt er nicht einer Bildungsbürger-Familie. Da gab es kein Einfamilienhaus mit Katze und Hund, und schon gar keine Ferien im Ausland, wie bei fast allen Klassenkameraden. Aufgewachsen ist er in einer Büezer-Familie. Vater und Mutter – beide Postangestellte – lebten am Existenzminimum in einer Genossenschaftswohnung für Bundespersonal. Siedlungsversammlungen, Gemeinschaftsräume, Aufgabenteilung. Traditionell linkes Milieu. Weil die Eltern oft auch am frühen Morgen arbeiteten, war seine Grossmutter über viele Jahre Adils erste Bezugsperson. «Mein familiäres und soziales Netz war klein, aber dafür sehr dicht», sagt er heute.

Elternhaus und Kindheit erklären teilweise, weshalb sich Adil «mit Fragen der Gerechtigkeit beschäftigt, seit ich denken kann», wie er betont. Als neunjähriger Primarschüler protestierte Klein-Adil mit anderen Kindern dagegen, dass die Gemeinde den Robi-Spielplatz aus finanziellen Gründen schliesst. Koller beschrieb diesen ersten Kontakt mit der Gemeindepolitik kürzlich in einer bz-Kolumne. Nur ein Jahr später verloren seine Eltern ihren Job bei der Post. Grund waren Restrukturierungsmassnahmen beim Gelben Riesen. «Ich empfand das damals als ungerecht, schliesslich hatten sich meine Eltern über viele Jahre für ihren Arbeitgeber eingesetzt.» Es mag bloss Zufall sein, doch treffend ist es allemal: Der Vorname Adil stammt aus dem Arabischen und bedeutet «der Gerechte.»

Dies führt zu einer zweiten Prägung aus Kollers Biografie: Sein leiblicher Vater ist Pakistani, geboren wurde er als Adil Malik. Adil Koller hat seinen leiblichen Vater aber erst viel später kennen gelernt; grossgeworden ist er in einem «typisch schweizerischen Umfeld», wie er selber sagt. Multikulti war also nicht Bestandteil der Erziehung. Doch hat sich Adil Koller als Teenager über seine Herkunft intensive Gedanken gemacht. Noch heute vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht auf sein orientalisches Aussehen angesprochen wird. «Ich kann dies nicht abschütteln. Es ist Teil meiner Identität.»

Sehr sensibel reagiert er denn auch auf religiöse Fragen: «Mir geht es gegen den Strich, wenn jemand den Islam mit Terrorismus gleichsetzt.» Terroristen hätten weder eine Nationalität noch eine Religion. Dieselbe Sensibilität legt er in der Migrationspolitik an den Tag. Sein leiblicher Vater wurde als Asylbewerber zwei Mal abgewiesen und konnte erst durch die Heirat mit Adils Mutter in der Schweiz bleiben – so gesehen war er ein Wirtschaftsflüchtling. «Ich wäre niemals hier, wenn er nicht hätte bleiben dürfen.» Bei Adil Koller ist auch das Persönliche politisch. Er sagt denn auch selber: «Ich kann gesellschaftliche Fragen nicht unpolitisch anschauen.»

Selbstbewusst, aber nicht naseweis

Als Knirps Adil auf Töpfe klopfend «Robi, Robi» schrie, protestierte er erstmals. Zum Politiker wurde er am 13. Dezember 2007. Der 14-jährige Sekschüler setzte extra einen Joker-Tag ein, um mit einem Freund am Fernsehen die Bundesratswahlen anzuschauen. Nicht nur zu seiner riesigen Überraschung wurde Christoph Blocher damals aus der Landesregierung gewählt. «Wir haben damals in der Klasse und im Freundeskreis angefangen, über Politik zu diskutieren», berichtet Koller. Es sei eine politisch aufgeladene Zeit gewesen; Koller erinnert sich an die «Blocher stärken, SVP wählen»-Plakate – oder jene mit dem schwarzen Schaf. Wenn Koller davon berichtet, klingt es, als wären dass Episoden aus einer fernen, historischen Zeit. Dabei ist die Blocher-Abwahl gerade einmal etwas mehr als sieben Jahre her. Das führt uns älteren Semestern vor Augen, wie jung dieser Adil Koller eben doch noch ist.

Er hat Christoph Blocher Jahre später persönlich zum Interview getroffen, als er in seiner Maturarbeit über den SVP-Volkstribun schrieb. «Mein Gymlehrer sagte später, man merke dem Interview an, dass ich Blocher auf Augenhöhe begegnet sei», berichtet Koller. Ein dickes Lob für den damals 19-jährigen Gymnasiasten. Die Münchensteiner SP-Landrätin Hanni Huggel kennt ihn, seit er ein kleiner Bub war. Adil habe ein gesundes Selbstbewusstsein, sei aber alles andere als arrogant, sagt Huggel: «Er hat nicht das Gefühl, er wisse bereits alles, sondern er holt gerne und oft Ratschläge ein.» Das sind alles gute Voraussetzungen für das Parteipräsidium, für den Umgang mit SP-Granden wie Susanne Leutenegger Oberholzer oder Eric Nussbaumer. Koller sagt selber über sich, dass er Beharrungsvermögen habe und andere für Ideen gewinnen könne.

«Adil ist blitzgescheit, ein scharfer Analytiker und obendrein ein sympathischer, gewinnender Typ». Das sagt der Aescher Jan Kirchmayr, der mit Koller in den vergangenen vier Jahren bei den Juso politisiert hat. Wenn das mal nicht eine super Kombination für einen Parteipräsidenten ist. Angesichts der vielen Stärken und dem für einen Mann in diesem Alter reichen Erfahrungsschatz fragt man sich, ob es neben Studieren und Politisieren überhaupt noch was gibt im Leben dieses politischen Naturtalents. Jan Kirchmayr als treuer Weggefährte versichert, dass Koller vielseitige Interessen habe – den FCB zum Beispiel. Koller findet gar, dass er ein «ganz gewöhnlicher» 21-Jähriger sei und am Wochenende wie andere in den Ausgang gehe. Ein ganz gewöhnlicher 21-Jähriger? Mit Verlaub: Das lässt sich angesichts von Kollers Werdegang nun wirklich nicht behaupten.