Basel

Mit 71 Jahren hat dieser Basler in der Südsee operiert

Seine ganze Karriere als Orthopäde hat er in der Schweiz mit modernster Technik gearbeitet. Mit 71 Jahren hat der Basler Jochen Ruckstuhl einen Monat auf den Salomoninseln Drittwelt-Medizin kennen gelernt.

«Das ist unglaublich.» Jochen Ruckstuhl sitzt im Jachtklub in Honiara auf den Salomoninseln, nur Meter entfernt vom kristallklaren, 30 Grad warmen Wasser des Pazifischen Ozeans.

Der 71-jährige Stadtbasler meint aber nicht die paradiesische Natur der Südsee, nein, Ruckstuhl zieht vielmehr ein Fazit über die Erlebnisse, die er während drei Wochen im Februar als orthopädischer Chirurg am Spital in Honiara erlebt hat.

Er hat die letzten Tage im Operationssaal verbracht und lokale Chirurgen bei komplizierten Operationen assistiert. Das heisst, immer dann eingegriffen, wenn diese nicht mehr weiter wussten.

Das ging alles meist sehr gut, abgesehen davon, dass die Operationsschwestern die Instrumente immer wieder verwechselten. Und doch konnte immer wieder mal eine geplante Operation nicht mehr durchgeführt werden. «Etwa weil die Waschmaschine defekt war, sodass es keine sauberen Leinentücher mehr gab», erklärt Ruckstuhl. Als Arzt scheitere man hier oft an einfachsten Dingen.

Am Flugseminar überredet

Jochen Ruckstuhl ist zum ersten Mal in einem Entwicklungsland. Seine Karriere hat der im Freiburgerland Aufgewachsene ausschliesslich in der Schweiz verbracht. Ab 1970 in Basel, wo er mit seiner Frau bis zur Pensionierung eine Praxis betrieb und als Belegarzt in der Merian-Iselin-Klinik arbeitete.

Dann aber erkennt Hobbyflieger Ruckstuhl im vergangenen November an einem Sicherheitsseminar des Aeroclub Hermann Oberli wieder. Ihn hatte er vor 15 Jahren als Mitglied der Kommission für Kriegschirurgie flüchtig kennengelernt.

Oberli hat von 1993 bis 2003 auf den Salomonen als Chefchirurg gearbeitet, das Spital auf Vordermann gebracht, und fliegt auch heute noch regelmässig in die Südsee fliegt, um lokale Ärzte auszubilden. Er könne Unterstützung gebrauchen, sagt Oberli. Nach einer Woche Bedenkzeit sagt Ruckstuhl zu. «Ich habe Zeit, und das Projekt klingt spannend», denkt sich der Basler.

Die Salomonen sind eines der ärmsten Länder im Südpazifik. Auf fast 1000 Inseln leben eine halbe Million Menschen, 80 Prozent von ihnen als Selbstversorger. Der Staat ist schwach, medizinische Versorgung Mangelware.

Es dauert oft Wochen, bis die Patienten, nachdem Versuche traditioneller Buschmedizin wie das Auflegen von heissen Steinen fehlgeschlagen haben, per Bananenboot oder Frachtschiff den Weg nach Honiara finden.

In den ersten beiden Wochen im Land geben Ruckstuhl, Oberli und zwei australische Kollegen sechs Assistenzärzten aus den Salomonen, Samoa und Kiribati Unterricht im Rahmen eines Master-Moduls. Das Master-Programm wird von Oberlis Schweizer Verein «Medizin im Südpazifik» finanziert und soll in den Pazifikstaaten so dringend benötigte orthopädische Chirurgen ausbilden.

Anders als in der Schweiz, wo die meisten Patienten wegen Alterskrankheiten oder -gebrechen behandelt werden, sind auf den Salomonen Traumapatienten die Regel.

Patienten mit Engelsgeduld

Das wird jeden Morgen klar, bevor der Unterricht startet. Die vier ausländischen Chirurgen begeben sich dann auf eine Rundtour durch die Orthopädieabteilung des Spitals in Honiara. 32 Patienten liegen in einem grossen Raum, auf einfachen Betten, Frauen in Tücher gewickelt, Männer oben ohne.

Sie sind von Palmen gefallen, von der Ladefläche eines Pick-Up-Trucks, oder haben einen Baum beim Fällen auf den Fuss gekriegt. Ein einbeiniger Mann hat Lepra. Um sie herum schwirren geschätzt doppelt so viele Angehörige. Es ist 35 Grad, 90 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Die Assistenzärzte erklären die Fälle, Ruckstuhl, Oberli und Co. stellen kritische Fragen, schauen sich auf einem Laptop, dem mit Abstand modernsten Gerät im Raum, Röntgenbilder an. Die Bilanz ist ernüchternd.

Von sechs Patienten sind vier nicht oder nicht richtig behandelt worden. Ein junger Mann mit gebrochenem Becken und geplatzter Harnröhre liegt seit sechs Wochen im Bett. Urin tropft in seinen Katheter. Der Urologe hat ihn sich noch nicht angeschaut. Er wird womöglich nie mehr selber Wasser lassen können.

«Das ist unglaublich», sagt Ruckstuhl auch, wenn er an die Rundgänge denkt. Und dennoch möchte er die Zeit auf den Salomoninseln nicht missen. Zwar sei es schwierig, den Assistenzärzten immer wieder dieselben Dinge zu erklären, die dann doch nicht umgesetzt würden. Dennoch hat Ruckstuhl Respekt vor den einheimischen Ärzten.

Ein halbes Dutzend von ihnen plus ihr Chef, der einzig fertig ausgebildete orthopädische Chirurg im Land, sind verantwortlich für 500 000 Menschen. In den Gängen stauen sich die Patienten und die Infrastruktur fällt auseinander, während im Gesundheitsministerium kürzlich 1 Million Franken veruntreut wurden.

«Es hat mir die Augen geöffnet», sagt Ruckstuhl. Weder Ärzte noch Patienten beklagten sich, alle akzeptierten die schwierigen Umstände, das sei die positive Seite der gemächlichen Südsee-Mentalität.

Wenn die lokalen Doktoren etwas mehr Führung hätten, so ist sich der Basler sicher, liessen sich mit einfachen Mitteln, mit Medizin, wie sie in der Schweiz vor 40 Jahren betrieben wurde, die Leiden vieler Patienten lindern. Ruckstuhl jedenfalls will in einem Jahr wiederkommen. Das hat er Hermann Oberli bereits zugesagt.

Hier gibts mehr Informationen zur Arbeit der Schweizer Ärzte auf den Salomonen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1