Grenzach-Wyhlen

Mit Hightech gegen den Dreck der Väter – so schreiten die Arbeiten in der Kesslergrube voran

Das Vorgehen der Reinigung in der Kesslergrube ist auch ein Vorgeschmack auf die Sanierung Feldreben.

Die Biber kümmerts nicht. Wenige Meter neben der Anlage zur Grundwasserreinigung nagen sie einen Baum nach dem anderen an. Fische tummeln sich direkt neben dem Rohr, welches das gereinigte Deponie-Wasser in den Rhein leitet. Doch die Idylle täuscht: Die Radlader, mit denen die Arbeiter ab Oktober in der luftdichten Halle den mit rund 15 Prozent Chemierückständen belasteten Boden ausheben werden, sind von unten gegen allfällige Explosionen gepanzert.

Die Baggerfahrer arbeiten hinter Spezialglas und werden aus Pressluftflaschen mit Atemluft versorgt. Und das Grundwasser aus der der Deponie muss mit grossem Aufwand gereinigt werden – so wie dies im unumstrittenen Teil der Feldrebensanierung in Muttenz der Fall sein wird: «Die Erfahrungen aus der Kesslergrube werden sicher auch im Detailprojekt Feldreben einfliessen», erklärt Alberto Isenburg, Leiter des Amts für Umwelt und Energie (AUE) Baselland.

Die Chemie-Abfälle, die hier direkt am Rhein ab den 50er- bis in die 70er-Jahre zusammen mit Siedlungsmüll und Bauschutt abgelagert wurden, sind also keineswegs harmlos. Wirklich saniert wird allerdings nur jener Teil, der Roche gehört.

Den grösseren Perimeter, belastet mit Ciba-Geigy-Müll, will deren Nachfolgerin BASF nur mit einer Mauer einkapseln. Roche hingegen hat im eigenen Areal mit einem Raster von rund 1800 Probebohrungen in 142 Sektoren, verteilt auf eine Fläche von rund zwei Fussballfeldern, dreidimensional bestimmt, welcher Dreck wo liegt.

Das Arbeitsfeld trockenlegen

«Wir suchten nach einigen wenigen Leitsubstanzen», berichtet Projektleiter Richard Hürzeler. Im Labor habe man dann einige Hundert weitere Stoffe gefunden. «Weil aber keine Dokumentation existiert, was hier alles abgelagert wurde, und da sich die Stoffe seither vielfältig zersetzen oder sonst verändern konnten, können wir nicht sicher sein, ob wir etwas übersehen. Deshalb graben wir alles aus.» Der grösste Teil des Materials, das man je nach Stoffklasse in fünf verschiedene Entsorgungsanlagen in den Niederlanden und Deutschland bringen muss, liegt unterhalb des Grundwasserspiegels.

Deswegen mussten die Sanierer mit einer unterirdischen Wand aus 888 Betonpfählen, die bis in den Fels hinunter reichen, zuerst den Zufluss von Grundwasser unterbinden und das Areal in drei Abschnitte unterteilen. «Das Projekt ist nur in einer trockenen Baugrube durchführbar», erklärt Hürzeler.

Diese Arbeit wurde Ende Mai abgeschlossen. Derzeit läuft der Bau der Hallen über der Grube. Zeitgleich wird das Grundwasser, das sich innerhalb der Mauer befindet, abgepumpt, damit man ab Oktober den Boden in der ersten der drei Kammern ausgraben kann.

Vorbild für die Feldrebengrube

Die Grundwasserkläranlage, die auf dem ebenfalls extra für die Sanierung gebauten Schiffsanleger steht, ist also ein Herzstück des Sanierungsprojekts. Denn ungereinigt dürfte man das Deponie-Grundwasser nicht in den Rhein leiten. Zugleich lässt die Anlage in der 50 Meter langen und 20 Meter breiten Halle auch erahnen, was in Muttenz bei der Sanierung der Feldreben-Deponie zu erwarten ist.

In der Feldrebengrube wurde ein grosser Teil der Schadstoffe in den Fels unter der Deponie ausgewaschen. Deswegen sollen 24 Brunnen gebohrt und das hochgepumpte Grundwasser in einer vergleichbaren Anlage gereinigt werden. «Wir pflegen einen engen und direkten Kontakt mit den Projektverantwortlichen», bestätigt Isenburg.

Die Anlage in Grenzach-Wyhlen ist spezifisch auf jene sieben Schadstoffgruppen zugeschnitten, die man bei den erwähnten Rasterbohrungen gefunden hat. Für jede einzelne muss sie die von den deutschen Behörden angeordneten Grenzwerte erreichen:

  • In der ersten Stufe gibt man Eisenchlorid und ein Polymer zum frisch gepumpten Grundwasser. Dadurch setzen sich Nickel- und Arsenverbindungen als Schlamm ab, den man aus dem Wasser entfernen und zu Filterkuchen pressen kann.
  • Dann folgt eine biologische Reinigungsstufe, in der Bakterien sich über einen Teil des organisch gebundenen Kohlenstoffs (TOC) her machen.
  • Auch in der dritten Stufe lässt man Bakterien arbeiten: Sie oxidieren Ammonium und Nitrit. Indem man anschliessend das Wasser durch einen Sandfilter presst, lassen sich die Rückstände aus den beiden biologischen Stufen entfernen.
  • Dann folgt ein Aktivkohlefilter, der die adsorbierbaren organisch gebundenen Halogene (AOX), die polyzyklischen aromatischen Kohlenstoffe (PAK) sowie das restliche TOC dem Wasser entzieht.

Täglich können bis zu 1700 Kubikmeter Grundwasser behandelt werden. Das Wasser braucht rund 10 Stunden, um die Anlage zu durchlaufen. «Anschliessend ist es sauberer als der Rhein selbst», erklärt Hürzeler. Dies wird permanent online und im Labor überwacht. Welche Kosten für die Wasserreinigung entstehen, will Roche jedoch nicht gesondert veröffentlichen. Einzig die Summe für die Gesamtsanierung gibt das Unternehmen bekannt: 239 Millionen Euro, rund eine Viertelmilliarde Franken.

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