Über 100 000 Menschen betreiben in der Schweiz eine Kampfsportart – damit liegen Boxen, Kung-Fu, Karate, Muay Thai und Co. zwar im Trend und in der Beliebtheit vor den Mannschaftssportarten Handball oder Unihockey. Dennoch ist der Kampfsport nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das liegt nicht «nur» daran, dass ein einflussreicher nationaler Verband fehlt und die Szene zersplittert ist. Immer wieder sorgen Gewalttaten im Umfeld von Kampfsportschulen wie etwa der Überfall von Paulo Balicha auf seinen ehemaligen Schüler Shemsi Beqiri in Reinach für Negativschlagzeilen (bz berichtete).

Väterlicher Meister

«Dabei haben diese Vorfälle bei näherer Betrachtung nichts mit Kampfsport zu tun», sagt Damian Mohler. Der Arlesheimer ist ein Freund Paulo Balichas – und er engagiert sich für ein besseres Image des Kampfsports. Mohler ist zweifacher Weltmeister, er trägt den Titel Shifu (Mandarin für «väterlicher Meister»), seit 2014 jenen des Sôke (Gründer, Grossmeister). Eine Koryphäe also. Am 23. und 24. April führt er in der St. Jakobshalle zum zweiten Mal die «Masters Hall of Honor und Fame» durch, eine Kampfsportmesse mit Workshops und Darbietungen. In den USA, aber auch in Deutschland und Frankreich sind diese Messen Publikumsmagnete, hierzulande noch nicht. Der 46-Jährige will den Baslern den Kampfsport – Kampfkunst, wie er es nennt – näherbringen. Auch sollen die verschiedenen Verbände und Clubs durch solche Anlässe zusammenrücken.

Im Kampfsport lerne man Disziplin, Demut, Respekt, Eigenverantwortung – Werte und Tugenden, die im gesellschaftlichen Zusammenleben von grosser Bedeutung seien, wie Mohler findet. Viele Junge würden gerne Weltmeister werden, seien aber nicht bereit, den Boden zu putzen. Für Mohler passt das nicht zusammen. Er selbst hat den Kampfsport nie als blosse Körperertüchtigung gesehen. Das alleine wäre ihm zu flach. Seine Kampfsportschule im ehemaligen Post-Hochhaus auf dem Arlesheimer Schoren-Areal nennt er Tian Long Guan, Zentrum für chinesische Lebenskunst. Mit Kampfkunst verbindet er die Schulung von Körper und Geist, aber auch den Transport der genannten Prinzipien in den Alltag.

Mohlers Tätigkeiten und Interessengebiete erstrecken sich weit über die Welt des Kampfsports hinaus: Er arbeitete viele Jahre für die Basler Polizei, war für die Staatsanwaltschaft als Ermittler tätig. Er verfügt über eine höhere Ausbildung als Mediator und gehört dem Expertenpool für zivile Friedenssicherung des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) an. Als Polizei-Berater beschützte er im Rahmen der United Nations Interim Administration Mission im Kosovo (Unmik) nebst gefährdeten Staatsanwälten und Richtern den britischen Unmik-Polizeileiter. «Ich war ein staatlicher Söldner, ein moderner Schweizer Gardist», sagt er.

Mohler war von 2007 bis 2011 im Kosovo engagiert und hat viel Perspektivlosigkeit und seelische Verwahrlosung gesehen. «Man begibt sich in Gefahr, man entwurzelt und man tritt in eine Welt ein, in der die einfachsten Dinge die wichtigsten werden.» Dass die Heizung auch bei minus 20 Grad funktioniert, dass er etwas Warmes zu essen hat – und ein gutes Gespräch mit dem Arbeitskollegen. Er wolle nicht überheblich rüberkommen, sagt Mohler, dennoch rät er jenen Politikern, die in der Schweiz kleingeistig über jeden «Hafenchäs» streiten, einen wenigstens sechsmonatigen Hilfseinsatz im Ausland. Damian Mohler ist überzeugt: «Die rechten Politiker würden mit offenerem Herzen argumentieren, und die linken einen realistischeren Blick auf die Menschen und ihre Bedürfnisse bekommen.» Auch aus diesem Satz spricht seine Forderung nach gesellschaftlicher Einmittung.

Wie in «Good Will Hunting»

Damian Mohler sieht sich als kritischen Denker, er mag keine Schubladisierungen, zugleich ist er ein Anhänger klarer Regeln und Strukturen. «Je stabiler ein System, desto mehr Möglichkeiten gibt es, in alle Richtungen zu denken.» Sein Streben nach Stabilität liegt auch in der wechselvollen, von Schicksalsschlägen geprägten Biografie begründet. Weil sich Vater und Mutter früh trennten, pendelte der kleine Damian ständig zwischen Tagesheim, Mutter und Grossmutter. Die aus Indonesien stammende Grossmutter war Berufsmusikerin; klassische Musik und kulturelle Einflüsse aller Art waren ständige und bereichernde Begleiter. Damian galt als sehr guter Schüler, sein Jähzorn brachte ihm aber einige wüste Schlägereien ein. Die Jugend in den 80er-Jahren verbrachte er auf den Basler Strassen, im Umfeld der Steinenvorstadt führte er eine der zahlreichen Gangs an. Mohler sieht Parallelen zwischen seiner Jugend und jener des von Matt Damon gespielten intelligenten Rebellen im Spielfilm «Good Will Hunting».

Im Internat in St. Gallen gründete Mohler in einem Heuschober 1984 seine erste Kampfsportschule. Zunächst lernte er Judo und Karate, später kamen Wing-Chun, Kung-Fu, Tai Chi, Boxen und Muay Thai dazu. Zu Beginn der 90er-Jahre absolvierte er eine Berufsausbildung bei der Basler Polizei; zunächst arbeitete er mehrere Jahre als Streifenpolizist, später als Ermittler bei der Staatsanwaltschaft. Die Vielseitigkeit des Berufs, Einblicke in alle Gesellschaftsschichten vom Drögeler bis zum Geschäftsmann zu haben, Integrität zu verkörpern und Gerechtes zu tun – all das faszinierte ihn und erweiterte seinen Horizont.

Mutter in Spanien ermordet

Allerdings zerstritt sich Mohler mit einem Vorgesetzten wegen einer Anzeige, in der es um Gewalt gegen seine Mutter ging. Nicht zuletzt deswegen verliess Mohler später die Polizei. Ein schwerer Schlag traf ihn im Jahr 2000: Seine mittlerweile in Spanien lebende Mutter verschwand in Alicante spurlos; später erwies sich, dass sie Opfer eines Gewaltverbrechens geworden war. Der deutsche Privatsender RTL 2 rollte den Fall in einer viel beachteten Dokumentation auf. Der Mord an seiner Mutter hat Mohler tief erschüttert, wie er sagt, doch letztlich auch seinen Blick aufs Leben geschärft. Der Kung-Fu-Meister bezeichnet sich als gläubigen Menschen. Er ist überzeugt, dass Gott jeden Menschen vor Herausforderungen stelle, die ihn daran wachsen oder zerbrechen liessen.

Sein Verhältnis zu seinem Job als Ordnungshüter blieb zwiespältig. Bei der Bundeskriminalpolizei traf er auf einen «fürchterlich reduzierten» Chef. Gleich zu Beginn habe dieser klargestellt: «Wenn ich sage, die Socken sind blau, dann sind sie blau, auch wenn sie rot sind.» Mitdenken war dort nicht gefragt. Mohler hat viel über die Verantwortung des Einzelnen in polizeilichen oder militärischen Hierarchien nachgedacht. «Wir dürfen als Menschen nie mehr so tief sinken, dass wir uns von einem Führer, egal welcher Gesinnung, die Verantwortung abnehmen lassen.» Eigenverantwortung ist für ihn eine der höchsten Tugenden überhaupt.

Gewalt als Bestandteil des Seins

Die Themen Gewalt, Prävention und Konfliktbewältigung zählen zu Mohlers Fachgebieten und zugleich liebsten Gesprächsthemen. «Gewalt ist ein Bestandteil des menschlichen Daseins», sagt Mohler. Damit werde Gewalt nicht verharmlost – im Gegenteil. Es sei wichtig, dass wir Menschen lernen, mit der eigenen Ambivalenz umzugehen. Das sei nicht ganz einfach, da unsere Kultur auf absoluten Werten baue. Für Mohler ist der gesellschaftliche Umgang mit dem Thema von Bigotterie geprägt: «Wir reiben uns an einzelnen individuellen physischen Gewaltausbrüchen, sind aber blind gegenüber institutionalisierter Gewalt.» Auch bekunde die Gesellschaft Mühe, Probleme zu thematisieren, die viele betreffen, wie etwa die häusliche Gewalt. Mohler wehrt sich gegen Schwarzweissdenken, etwa in der Debatte über seinen Freund Balicha: «Er wird in bestimmten Medien einseitig dargestellt und demzufolge in der Öffentlichkeit als Schläger wahrgenommen. Kaum jemand weiss, dass er vor Weihnachten auch schon Spielzeuge im Waisenhaus verteilt hat.»