Gewerkschaft

Mit wehenden Fahnen: Der Gewerkschaftsbund feiert 100 Jahre Widerstand

1919 wurde in Liestal der Gewerkschaftsbund Baselland gegründet. Vieles, wofür der GBBL kämpfen musste, ist heute ganz normal.

Sein grösster Erfolg war die Arbeitslosenversicherung: Was heute eine Selbstverständlichkeit ist, mussten der Gewerkschaftsbund Baselland (GBBL), der bis 1982 Gewerkschaftskartell hiess, erst erkämpfen. Ihrem Einsatz war es massgeblich zu verdanken, dass die Baselbieter Stimmbürger 1930 das Arbeitslosengesetz annahmen; zuvor war es Aufgabe der Gemeinden gewesen, sich um Erwerbslose zu kümmern. Entstanden ist der GBBL aber bereits im Nachgang zum Landesstreik am Ende des Ersten Weltkriegs 1919: Die grösste Arbeitnehmervertretung im Kanton darf deshalb heuer ihren 100. Geburtstag feiern und tut dies am heutigen Donnerstag mit einem Festakt im Landrat unter dem Motto «100 Jahre für soziale Gerechtigkeit».

Am Karfreitag, 18. April 1919, wenige Monate nach dem Landesstreik im November 1918, trafen sich im Restaurant «Schlüssel» in Liestal 35 Delegierte zur Gründungsversammlung, wie Ruedi Epple, ehemaliger Mitarbeiter des GBBL und Hobbyhistoriker, recherchiert hat. Doch das «Gewerkschaftskartell» war bereits zuvor in Erscheinung getreten, als es zusammen mit der SP den Aufruf zum zentralen Landesstreik auch im Baselbiet unterschrieb. Auch die Arbeitslosenversicherung erstritten die Gewerkschafter gemeinsam mit den Sozialdemokraten.

Aufmarsch der Kavallerie am Paradeplatz während des Generalstreiks am Samstag, 9. November 1918; Landesstreik (Archivbild)

Aufmarsch der Kavallerie am Paradeplatz während des Generalstreiks am Samstag, 9. November 1918; Landesstreik (Archivbild)

Ruedi Brassel, Historiker und Sekretär der SP Baselland, ist überzeugt, dass es im Kanton auch den Gewerkschaftsbund gebraucht habe, «damit die Einzelgewerkschaften von den Arbeitgebern als Sozialpartner anerkannt wurden und durch Gesamtarbeitsverträge Lohnerhöhungen sowie Verbesserungen im Bereich der betrieblichen Versicherung, der Arbeitssicherheit und der Hygiene erreicht werden konnten».

1925: Gewerkschafter wird Regierungsrat

Dabei mischte sich der GBBL laut Epple selten in konkrete Arbeitskämpfe, die in der Zwischenkriegszeit vor allem bei der Schuhfabrik Allschwil, der Buss AG, der Rohner AG und bei Messerschmidt, alle in Pratteln, sowie bei der Druckerei Lüdin in Liestal ausgefochten wurden. Diese Aufgabe nahmen die entsprechenden Branchenverbände wahr, während sich der GBBL um die allgemeinen politischen Kämpfe kümmerte und erfolgreich Angriffe der Rechten auf Arbeitnehmerrechte und Arbeitszeiten abwehrte. 1925 waren die Gewerkschaften mit Jakob Mosimann erstmals im Regierungsrat vertreten.

«In den Kernpunkten haben Gewerkschaft und SP immer auf derselben Linie gelegen», sagt Brassel: «Nämlich, dass die Arbeitnehmerrechte auch über die politische Bühne durch die Legislative erkämpft werden musste.» Differenzen, sagt er auf Nachfrage, habe es in den vergangenen Jahren gegeben, als die SP die «Verfilzung» von Wirtschaftskammer und Gewerkschaften bei den Schwarzarbeitsmarktkontrollen «kritisch hinterfragt» habe: «Das betraf aber nicht den GBBL als Dachverband.»

Eine gemeinsame Politik verfolgten SP und GBBL auch, als ab den Sechzigernjahren zunehmend Fremdarbeiter in der Baselbieter Industrie beschäftigt wurden. Laut Epple ging es der Wirtschaft im Kanton damals so gut, dass die Regierung sogar «Bremsungsmassnahmen» einführte. Obwohl die Fremdarbeiter mithalfen, den Wohlstand der Baselbieter Arbeitnehmer zu mehren, wie Epple schreibt, wuchs die Fremdenfeindlichkeit, unter anderem, weil der Wohnungsmarkt unter Druck geriet. «Trotzdem nahm das Gewerkschaftskartell Baselland immer gegen die fremdenfeindlichen Vorstösse der politischen Rechten Stellung; und fand keine dieser Initiativen im Baselbiet eine zustimmende Mehrheit», bestätigt Epple seinen Arbeitgeber.

Früher war die Stadt das «Arbeiter-Vorbild»

Eine grosse Rolle spielte der GBBL auch in den Bemühungen um eine Wiedervereinigung beider Basel, sowohl in den Dreissigern als auch in den Sechzigern. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren es vor allem die politischen Fortschritte im Sinne der Arbeitnehmer im Stadtkanton, von der die Baselbieter Gewerkschaften bei einer Fusion zu profitieren hofften. Heute sieht Brassel in der Struktur der Arbeitsnehmerrechte keinen «wesentlichen Unterschied» mehr zwischen den beiden Basel. In der Sozialgesetzgebung profitiere Basel-Stadt allerdings vom grösseren Einfluss einerseits der Gewerkschaften bei den Staatsangestellten und in der Chemie, andererseits der linken Parteien, zum Beispiel beim Familienzuschlag und bei Stipendien. Auch im Baselbiet brauche es deshalb weitere Fortschritte; hier wäre Brassel froh um neue Impulse aus der Gewerkschaft.

Immerhin gelang den Gewerkschaften selbst die Fusion: Seit 2009 haben der GBBL und der Basler Gewerkschaftsbund einen gemeinsamen Vorstand; das Präsidium haben Toya Krummenacher vom VPOD und Andreas Giger-Schmid von der Unia inne. Der GBBL vereinigt heute 15 Baselbieter Einzelgewerkschaften. Aktuell vertreten laut Auskunft des GBBL die SP-Politiker Mirjam Würth, Simone Abt, Miriam Locher, Adil Koller und Jan Kirchmayr die Gewerkschaften im Landrat.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1