Integrationsklassen

«Mittlerweile geniessen die Kinder die Zeit, in der sie unter sich sind»

Vor dem Schulhaus Frenke: Die Schulleitung will nicht, dass die porträtierte Integrationsklasse fotografiert wird.

Vor dem Schulhaus Frenke: Die Schulleitung will nicht, dass die porträtierte Integrationsklasse fotografiert wird.

In 31 Baselbieter Klassen werden je drei bis fünf Behinderte integriert. Die bz besuchte eine Schulklasse im Schulhaus Frenke. Dort absolvieren die Kinder einen Teil der Unterrichts mit den Regelschülern, einen Teil unter sich.

Es ist kein Spiel auf Augenhöhe. Während der Klassenprimus der vierten Liestaler Integrationsklasse fast schon fliessend Französisch parliert, mühen sich andere noch mit dem Alphabet. Doch die Leistungsschere ist gewollt: In der Baselbieter Bildungspolitik wird seit dem Beitritt zum Sonderpädagogikkonkordat 2010 die Integration der behinderten Kinder gefördert - wo immer möglich. Seitdem vor knapp neun Jahren die erste sogenannte Integrationsklasse mit behinderten Kindern gegründet wurde, ist die Zahl der integrativen Sonderschüler stark gestiegen.

Zuletzt machten die Lehrer in Basel-Stadt von sich reden, als sie öffentlich aufbegehrten und den Erziehungsdirektor Christoph Eymann dazu veranlassten, sich erstmals kritisch zum offensiven Kurs des Stadtkantons mit Abschaffung der Kleinklassen und der konsequenten Integration von behinderten Kindern zu äussern.

Leistungsschere nimmt zu

Behutsamer ist man im Landkanton vorgegangen. Die Kleinklassen werden hier nicht aufgelöst. Seit rund zehn Jahren gibt es im Baselbiet Integrationsklassen, mittlerweile sind es 31. In diesen Klassen sind jeweils drei bis fünf Kinder mit einer Behinderung integriert. Die bz ist zu Besuch bei der 4. Klasse von Fabian Hallwyler im Schulhaus Frenke. Vier Sonderschüler hat Hallwyler in seiner Klasse, zwei Jungs und zwei Mädchen. Einen Teil des Unterrichts absolvieren sie mit den Regelschülern, einen anderen Teil unter sich.

Beim Beginn der Lektion entsteht zunächst der Eindruck, als würden sich die Pädagogen auf den Füssen rumstehen: vorne der Klassenlehrer, hinten die Französischlehrerin, welche später eine Hälfte der Klasse übernimmt, dazu eine Heilpädagogin und eine Praktikantin. Nach dem gemeinsamen Unterrichtsstart - mit Gesang - übernimmt die Heilpädagogin Ina Kretzer die vier Sonderschüler.

Sie unterrichtet diese in einem separaten Zimmer, auf einem deutlich niedrigeren Niveau. Französisch lässt sich hier, wo die Schüler selbst mit der deutschen Sprache noch Mühe bekunden, nur auf oberflächliche, spielerische Weise vermitteln. Eine zeitweise Trennung ist selbst in der Integrativen Schule unumgänglich. «Anfangs war es nicht einfach, doch mittlerweile haben sie sich daran gewöhnt - ja, sie geniessen sogar die Zeit, in der sie unter sich sind», sagt Kretzer.

Sind sie zu viert, schöpfen sie Mut, den sie im Klassenplenum nicht haben. Und sie müssen sich nicht schämen, wenn sie für ihre Aufgabe etwas länger brauchen. Das Unterrichtsthema ist aber bei den Regelschülern und bei den Sonderschülern das gleiche: So darf die Klasse derzeit ihren Erfindergeist unter Beweis stellen und Maschinen entwerfen, von denen sie träumen. Besonders en vogue: die Hausaufgabenmaschine, die die Rechenaufgaben löst, während man selber vor dem Fernseher sitzt.

Eine «Wähmaschine» kreiert im kleinen Kreis ein Junge, der mit der Artikulation grosse Mühe bekundet. «Eine Wähmaschine?», fragt Kretzer nach und gibt ihm die Möglichkeit, die Maschine zu zeichnen, die er sich wünscht. «Aha, es war wohl eine Nähmaschine gemeint.» Doch bringt der Französischunterricht überhaupt etwas, solange die Schüler kaum das Alphabet beherrschen? Davon ist Kretzer überzeugt. «Ich halte es für wichtig, dass jeder die Möglichkeit bekommt, eine Fremdsprache zu lernen. Aber wir haben hier natürlich nicht den Anspruch, dass die Kinder lernen, sich auf Französisch zu unterhalten», so die Heilpädagogin.

Den Schülern könne man aber Freude bereiten, indem man ihnen einfach ein paar Fremdwörter beibringen würde. Auch wenn die Integration in der Frenke scheinbar perfekt funktioniert, wird die Klasse bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit noch einige Herausforderungen und Spannungen zu bewältigen haben.

Denn spätestens in der Pubertät wird die Andersartigkeit wieder ein Thema. Der Vizepräsident des Lehrervereins Baselland, Michael Weiss, ist der Überzeugung: «Je älter die Kinder werden, desto grösser wird die Leistungsschere und desto schwieriger wird erfahrungsgemäss die Integration.»

Doch auch er räumt ein, dass das Modell im Baselbiet vorsichtig umgesetzt werde. Und Andrea Schäfer vom Amt für Volksschulen zerstreut die Bedenken, wonach die Integration auf Biegen und Brechen durchgesetzt werde. «Es wird immer Schüler geben, die in Kleinklassen oder Sonderschulen unterrichtet werden müssen.» Und bis jetzt habe man keinen Lehrer zwingen müssen, eine Integrationsklasse zu übernehmen. Die entscheidenden Vorteile, hier teilt sie wohl die Meinung mit vielen Lehrern, sieht sie dennoch bei den Schülern.

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