Herr Seelig, am Wochenende feiert Ihre Gemeinde mit einem Dorffest ihr 750-Jahr-Jubiläum der erstmaligen urkundlichen Erwähnung. Wird diese Zeit auch thematisiert?

Mark Seelig: Heute Abend ist im Beisein von Landammann Roland Heim Vernissage der Broschüre «Witterswiler Schulgeschichten». Das Heft einer Arbeitsgruppe geht auf die Schulen von damals ein, wie sie sich vom Bauerndorf bis zum Dorf von heute entwickelt haben. Dazu sind Zeitzeugen befragt worden, die noch leben und von früher berichten können. Am heutigen Eröffnungsanlass wird auch auf die Geschichte unseres Dorfs hingewiesen. Die Bürgergemeinde gibt heuer ein Buch heraus zu 750 Jahre Witterswil.

Für solche Schriften interessieren sich eher ältere Leute. Wie holen Sie mit der Schul- und Dorfgeschichte die Jungen ab?

Sie wurde in den Schulen thematisiert, weil die Schulklassen am Dorffest teilnehmen. Die Schülerinnen und Schüler müssen ja wissen, weshalb sie mitmachen, und was dahintersteckt.

Die «Witterswiler Schulgeschichten» sind für Jung und Alt.

Ja. Das Heft ist auch für Zuzüger interessant, die darin nachlesen können, wie Witterswil entstanden ist.

Meilensteine in der jüngeren Geschichte Witterswils waren der Ausbau der BLT-Linie vor einiger Zeit und auf Doppelspur vor vier Jahren. Das wirkte sich positiv auf die Einwohnerzahl aus.

Der Doppelspurausbau war ein wichtiger Punkt. Er verkürzte den Takt von 15 auf siebeneinhalb Minuten während der Stosszeiten. Das macht unser Dorf noch attraktiver. Dazu gehört die Einzonung des neuen Baugebiets «Baselrain» von 2010. Das gab einen gewissen Schub. Was wir heute spüren: Im vorderen Leimental ist es schwieriger, Bauland zu finden; und wenn, dann ist es sehr teuer. Bei uns in Witterswil wird für Bauland an guter Lage der Quadratmeterpreis mit rund 1100 Franken gehandelt. Dadurch sind Landbesitzer eher bereit, Land zu verkaufen. Wir haben mehr Leute – aus dem Pharmabereich und Expats –, die in unserem Dorf Land erwerben oder ein Haus mieten möchten.

Sie sind seit 2007 Gemeindepräsident. Wie hat sich Witterswil im vergangenen Jahrzehnt gewandelt?

Es blieb lange ein bäuerliches, ländliches Dorf. Mit dem Wachstum in den vergangenen 15 Jahren haben wir das Angebot in Kinderkrippe und Mittagstisch sowie neuen Schulräumen ausgebaut. Das wertet unser Dorf auf, es ist dadurch lebendiger geworden. Die Zuzüger, die multikulti sind, bringen Vielfalt in die Gemeinde.

2015 scheiterte ein vorläufig letzter Versuch, mit Ihrer Nachbargemeinde Bättwil zu fusionieren. War das für Sie ein Tiefpunkt?

Nein, aber ich war selbstverständlich enttäuscht. Im Verlauf der Verhandlungen und in Arbeitsgruppen hat man gespürt, dass seitens Witterswil eine gewisse Skepsis herrscht. Ich denke, ein solcher Entscheid ist bloss hinausgeschoben. Bis in 20 Jahren wird das wieder ein Thema. Mit der Feuerwehr benötigten wir ebenfalls ein paar Anläufe, bis wir sie mit Bättwil fusionieren konnten. So ist es auch mit den Gemeinden. Später wird man sich auch überlegen, ob nicht gleich alle fünf Gemeinden Hofstetten-Flüh, Metzerlen-Mariastein, Rodersdorf sowie Bättwil und Witterswil fusionieren sollen. Wir arbeiten in diversen Bereichen schon zusammen. Bei gewissen Leuten ist eine Grossfusion schon ein Thema, andere sind noch sehr zurückhaltend. Das braucht Zeit.

Ihr Dorf zählt rund 1500 Einwohner. Letztes Jahr mussten Sie um den Erhalt der Poststelle kämpfen. Machen Ihnen solche Entwicklungen Sorgen?

Bei der Post hat es uns nicht so stark getroffen, weil wir im Dorfladen weiter auf eine Postagentur zählen können. Das ist für uns eine gute Lösung. Die Agentur generiert zusätzliche Erträge und motiviert die Leute, im Laden einzukaufen. Wir bemühen uns, dass der Dorfladen erhalten bleibt und kostentragend ist. Enorm wichtig ist für uns, dass wir die Schulen in der Nähe haben. Mit dem Kanton Solothurn müssen wir immer wieder kämpfen ums Gymnasium – wir können wählen zwischen Oberwil und Basel-Stadt, dies soll auch so bleiben.

Anfang Jahr wurde bekannt, dass der Rollstuhlhersteller Küschall seine Produktion nach Frankreich verlagert und deshalb in Witterswil über 40 Arbeitsstellen verloren gehen. Wie geht Ihre Gemeinde mit solchen Hiobsbotschaften um?

Das war für uns schwierig. Küschall war eine der ersten Firmen, die ins Technologiezentrum einzogen. Es ist dramatisch für die Leute, die ihre Stelle verloren haben. Für Witterswil spielt es eine weniger grosse Rolle, weil Invacare, das Mutterunternehmen von Küschall, hier bleibt. Invacare hat gute Arbeitsplätze vom waadtländischen Gland und von Deutschland hierher nach Witterswil gebracht. Zudem ist ein Neubau am Entstehen, in dem durch neue Firmen bis 150 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Wir werden im kommenden Jahr deutlich mehr Arbeitsplätze im Dorf haben als noch vor zwei Jahren.

750 Jahre Witterswil Vernissage heute Donnerstag (19.30 Uhr). Das Fest im Dorf mit zahlreichen Beizen und Attraktionen morgen Freitag (17.30 bis 2 Uhr) und
Samstag (15 bis 2 Uhr).